Erlebenswelten

Mit der Empathie ist das so eine Sache. Da gibt es viele Theorien, viele Aussagen, viel Gelaber.
Ich gehe ja gerne mit Paul Ekmans Einteilung in kognitive und emotionale Empathie, und somit mit der These, dass Autisten die kognitive Empathie oft schwerfällt, die emotionale aber genauso ausgeprägt ist wie bei Nicht-Autisten (NA) auch. Und eben auch individuell verschieden stark, wie eben bei NA auch.
An dieser Stelle könnte jetzt noch ein langer Absatz über die Intense World Theory kommen als mögliche Erklärung für das Problem des Lesens nonverbaler Signale, also dem Hapern der kognitiven Empathie, aber da verweise ich einfach mal hier hin:
The Boy Whose Brain Could Unlock Autism

Nun fällt mir bei der Hilfe zu Problemen mit Tieren oft auf, dass Menschen generell sich nur schwerlich in die Tiere hineinversetzen können.
Sie schließen sehr oft von sich aufs Tier. Vermenschlichen das Tier also in gewissem Maße. Der eine mehr, der andere weniger.
So lese ich zum Beispiel, wie viel Spaß so ein Hamster doch hat, wenn ihm nach der Komplettreinigung seines Geheges auch noch die komplette Einrichtung umgestellt wird. Wie glücklich er dann rumwuselt und alles neu erkundet. Tatsächlich ist der Hamster in dieser Situation allerdings in einer hochangespannten Stresssituation. Man muss sich das einfach mal anschauen, wie der Hamster so lebt in der Natur, welche Sinne für ihn wichtig sind, wie er die Welt erlebt und wahrnimmt, um dahinterzukommen, dass schon die Komplettreinigung an sich für ihn einer Katastrophe gleichkommt, einem Revierverlust, da all seine gesetzten Duftmarken, an denen er sich orientiert, verschwunden sind. Wenn dann auch noch die Einrichtung gänzlich umgestellt wurde, kommt dies für den Hamster einem Umsetzen in ein gänzlich neues Revier gleich. Er wird es nicht mehr als sein Revier erkennen. Dass Hamster dabei mit einem massiv erhöhten Herzschlag und sogar Fieber reagieren, hat Professor Gattermann von der Uni Halle bereits nachgewiesen. Adrenalin pur, Stress pur, der Hamster wuselt also herum und erkundet alles neu, weil er gestresst ist, sucht sein Revier, kann es nicht finden, muss sich damit abfinden, dass er mal wieder nicht mehr dort leben kann, wo er eigentlich lebte. Sein zu Hause ist weg!
Daraus ist zu schließen, dass man ein Hamstergehege nur selten und stets nur zum Teil reinigt und dabei nicht auch noch die Einrichtung umstellt. Eigentlich einfach zu erfassen.
Doch manche Menschen beharren darauf, dass das Tier doch „sichtlich“ Spaß habe.

Daraus schließe ich nun für mich, dass es Menschen offenbar schwerfällt, sich in andere Erlebenswelten einzufühlen oder einzudenken. Die Empathie versagt stärker, je weiter die Erlebenswelt des per Empathie zu erfassenden Wesens vom eigenen Wesen entfernt ist.
Ich gehe so weit zu sagen, dass Empathie nur dann einigermaßen brauchbar funktioniert, also das intuitive Erkennen der Gefühle des Gegenübers und auch das intuitive Mitfühlen, wenn das Gegenüber einem möglichst nahesteht in der Erlebenswelt.

Nun wird Autisten stets mangelnde Empathie nachgesagt.
Autisten haben eine durchaus mehr oder weniger stark abweichende Erlebenswelt von der der NA. Da ist es also, meiner Theorie nach, nur allzu logisch, wenn es ihnen schwer fällt, sich in NA hineinzuversetzen, intuitiv. Die Empathie versagt also umso mehr, je weiter weg der andere Mensch ist. Bei Autisten untereinander kann das meiner Beobachtung nach aber durchaus besser klappen. Auch nicht bei allen gleich gut, aber das tut es bei NA auch nicht bei allen gleich gut.

Wichtig ist jetzt aber der Umkehrschluss:
Wenn sich jeder Mensch rein empathisch, also intuitiv, in andere Menschen dann umso besser hineinversetzen kann, wenn die Erlebenswelt sich möglichst ähnelt, dann kann auch ein NA sich umgekehrt nicht gut in einen Autisten hineinversetzen. Und genau das erlebe ich immer wieder und frage mich, wer denn hier nun ein Problem mit Empathie hat.

Für mich schließe ich daraus, dass es auf beiden Seiten überhaupt keine Probleme mit der Empathie gibt, sondern dass Empathie schlicht nur so funktioniert, wie ich es eben beschrieb. Und allein weil Autisten die Minderheit sind, sind sie es, denen dann ein Mangel an Empathie nachgesagt wird.

Gehe ich jetzt also davon aus, dass mit der Empathie alles in Ordnung ist, sowohl bei NA als auch bei Autisten, und sie schlicht nur dann gut funktioniert, je näher man sich in der Erlebenswelt ist, muss ich einen anderen Schritt gehen:
Wenn ich mich also in jemanden hineinversetzen will, dessen Erlebenswelt mir fremd ist, so muss ich seine Erlebenswelt kennenlernen und denken. Ich muss also gedanklich meine eigene Erlebenswelt verlassen, die andere Erlebenswelt bewusst zu erfassen versuchen, so gut es geht. Und dann kann ich bewusst (statt intuitiv) überlegen, wie es dem Wesen ergehen mag. Ob es dem Wesen in einer Situation, die ich selbst toll fände, auch zwingend gut gehen muss. Oder ob das auch ganz anders sein kann. Wie bei dem Hamster, der es nun mal aufgrund seiner Erlebenswelt nicht so geil findet, wenn man ihm seine Duftmarken klaut und die Möbel umstellt, selbst wenn man selbst es toll fände, mal umzuziehen und die neue Umgebung kennenzulernen.

Also bedarf es bei entfernten Erlebenswelten nicht so sehr der Empathie, der Intuition, als viel mehr einer Bewusstwerdung der entfernten Erlebenswelt und der logischen Erfassung dessen, was ein völlig fremd wirkendes Verhalten auslösen könnte, warum also jemand ganz anders reagiert als man selbst.
Genau das müssen Autisten nun in ihrem Leben dauernd tun, um die Erlebenswelt der NA zu erfassen, zu verstehen, damit zurechtzukommen, in dieser vorwiegend durch NA geprägten Welt zu leben. Daher können viele Autisten das auch ziemlich gut, dieses logische Zerpflücken von Situationen. Man ist sozusagen im Training, weil man es ja ständig tun muss.

Und der NA? Der kann sich in den meisten Fällen auf seine intuitive Empathie verlassen, weil die meisten Menschen in einer recht ähnlichen Erlebenswelt wie er selbst leben. Hier und da mal kleine Abweichungen, ok, aber das haut schon meist gut hin. Er ist nicht im Training des Verlassens der eigenen Erlebenswelt und des logischen Erfassens sehr fremder Erlebenswelten. Und dann trifft er den Autisten – und packt’s nicht, ihn auch nur ansatzweise zu verstehen im Worst Case, wie den Hamster. Und das ist dann auch noch der Fehler des Autisten, weil der ja schließlich in der Minderheit und so schrecklich anders ist.

So negativ für die NA mag ich es jetzt aber auch nicht enden lassen. Ich denke, wer den Text versteht, versteht auch, dass es im Grunde nicht um Schuldzuweisungen geht. Es geht mir vielmehr einerseits darum, dieses Empathiekonstrukt mal aufzudröseln, und andererseits darum, wie jeder Mensch da, wo die intuitive Empathie versagt, weiterkommen kann.

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13 Gedanken zu “Erlebenswelten

  1. Das mit dem besonderen Verständnis für Tiere – und zwar besser, als es die NT können – ist eine der Kernaussagen von Temple Grandin, die ihre Fähigkeiten zu ihrem Beruf gemacht hat. Und mittlerweile mehr als die Hälfte aller Rinderbewirtschaftungsanlagen (so schlimm das auch klingen mag) in Nordamerika gebaut hat. Sie hält dazu (und über Autismus) zahlreiche Vorträge jedes Jahr. Deine Theorie geht sogar noch ein bischen weiter, was ich ganz schön finde. Aber als NT muss man sich eben nicht so viele Gedanken um´s „hineinversetzen“ machen, weil man es qua Geburt kann. Durch die gesteigerte Notwendigkeit des Lernens des Hineinversetzens ist es gar nicht überraschend, das Asperger hier besser geschult sind. Nutzt es!
    Ach, der Hinweis auf das Buch darf natürlich nicht fehlen, passte eben bei Twitter nicht (@autismusbuecher):

    1. Da liegt ein Missverständnis vor. Das ist nicht mein Punkt!
      Das mit den Tieren ist lediglich ein, ich hoffe gut verständliches, Beispiel für verschiedene Erlebenswelten, bei denen jeder Mensch, ob NA oder Autist, mit intuitiver Empathie nicht weiterkommt. (Daher schrieb ich „Nun fällt mir bei der Hilfe zu Problemen mit Tieren oft auf, dass Menschen generell sich nur schwerlich in die Tiere hineinversetzen können.“)
      Auch wollte ich damit keinerlei Überlegenheit darstellen, sondern eher NA dazu ermuntern, auch mal bewusst daran zu gehen, wenn sie merken, dass die intuitive Empathie scheitert.
      Zudem soll mein Artikel eben auch darstellen, dass die intuitive Empathie, mindestens der emotionale Teil derselben, eben nicht nur bei NA angeboren vorhanden ist, sondern eben auch bei Autisten, und bei beiden dem gleichen Prinzip folgt: Sie funktioniert dann am besten, wenn die Erlebenswelten möglichst ähnlich sind. Und sie funktioniert daher oft zwischen NA und Autisten, in beide Richtungen, denkbar schlecht. Und genau da sollte dann, auf beiden Seiten, das Verlassen der eigenen Erlebenswelt und das logische Erfassen der anderen Erlebenswelt einsetzen.

      1. Ja, kein Wiederspruch – und ich finde, auch kein Mißverständnis.
        „sondern eher NA dazu ermuntern, auch mal bewusst daran zu gehen, wenn sie merken, dass die intuitive Empathie scheitert.“ – Bis man das merkt, dauert es eine Weile, weil dieses „merken“ eben nicht so eingeübt und vor allem nicht so selbstverständlich ist, wie bei Autisten, die das in dieser Welt regelmäßig machen müssen. Daher ist es vermutlich für NA schwerer, die „eigene Erlebniswelt“ zu verlassen. Könnte zumindest so sein :-)

  2. Das ist mir so auch schon aufgefallen. Was mich auch immer wieder an der Theory of Mind zweifeln lässt. Der Satz: „Nicht-Autisten können sich gut in andere Menschen hineinversetzen“, stimmt so meiner Beobachtung nach definitiv nicht. Sie können es nur solange, wie sie die Erlebniswelt des anderen verstehen. Die wirkliche Herausforderung beginnt aber da, wo Lebenswelten so fremd werden, dass sie im eigenen Denken nicht mehr verstehbar sind. Und da stehen sich meiner Meinung nach Autisten uns Nicht-Autisten in nichts nach. Der Unterschied ist nur, dass Nicht-Autisten in der Mehrheit sind.

  3. Das was Du beschreibst, genau das habe ich versucht vor Jahren dem Klinikarzt meines Sohnes zu erklären. Das er, um meinen Sohn verstehen zu können, er sich auf die Ebene meines Sohnes begeben müsse und nicht von sich selber auf meinen Sohn schließen kann.

    Ich hatte Null Erfolg mit diesem Einwand.

    Aber es ist genau das.

    Die Menschen, mit denen wir zurecht kommen, mit denen wir eine Verständnisebene haben, sind uns entweder sehr ähnlich, oder sie sind befähigt Aussagen, Gefühle und den Menschen als Gesamtheit verstehen zu wollen.

    Uns nicht ähnliche Menschen (ich spreche jetzt nur über meine Familie) haben schon viele Reaktionen, Aktionen oder Aussagen schlicht falsch gedeutet, einfach weil sie keine passende Vergleichsmöglichkeit im eigenen Erleben haben.

    DAS ist ihnen nur leider nicht bewusst und sie beharren darauf Recht zu haben. Bei manchen hat sich über Jahre hinweg und über beweisbare Dinge dieses Muster aufbrechen lassen. Dies ist aber nicht zwingend in der Geduld des Gegenübers begründet.

    1. Genau das begegnet mir seit Jahren immer und immer wieder. Dieses Klischeehafte. Diese unfassbare Unkenntnis seitens der Ärzte, denen wir entweder nicht eindeutig genug sind oder die stumpfes Wippen und starren Blick erwarten. Meine Diagnose liegt nun so viele Jahre zurück, dass ich heute fast schmunzelnd darauf schaue, aber selbst in 2014 scheinen grade Kinderärzte eine sehr tunnelhafte Sicht auf das Thema zu haben. Meine beiden Mädchen sind jetzt ebenfalls getestet, das Ergebnis war nicht überraschend, aber ich brauchte erst den Hinweis auf einen Kinderarzt, der die Thematik ernst nimmt. Meine Frau hat durch mich gelernt, wie sich mein Leben anzufühlen scheint, auch wenn ich es ihr oft genug nicht erklären kann, aber es vereinfacht ihr jetzt den Blick auf die Kinder und das ist schon eine Menge wert.

      Am Rande, toller Blog, habe mal quer gelesen und als Bookmark gesetzt.

      1. Danke. :-)
        Kinderärzte lernen darüber halt wenig. Und selbst im Studium von Psychiatern und Psychologen ist Autismus wohl meist immer noch maximal eine Randnotiz, soweit ich weiß. Wer sich auskennt, hat sich in der Regel weitergebildet.

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