Ein Tag in meinem Leben – Robin Schicha

Eine Straßenbahn-Geschichte

Der Wecker klingelt. Ich schalte ihn aus. Kurz darauf klingelt der zweite Wecker. Und der dritte. Ich bin mittlerweile wach und schalte den letzten Wecker aus. Verärgert denke ich wie jeden Morgen kurz darüber nach, die Wecker an die Wand zu werfen; doch wie immer, bin ich zu vernünftig dafür. Schließlich brauche ich sie wieder! Ich darf ja nicht wieder verschlafen!
Halb wach oder auch halb schlafend – Müdigkeit ist bekanntlich relativ – ziehe ich mich aus und wanke zur Dusche. Das Wasser ist diesmal so kalt, dass ich einige Sprünge unter der Brause hinlege. Nun bin ich aber bestimmt wach! Mit einem Handtuch, das so weich wie Schmirgelpapier ist, trockne ich mich ab und benutze als erstes meinen besten Verbündeten gegen unangenehme Gerüche: mein Deo.
Dann folgt die morgendliche Kleidungskontrolle: Fußball-T-Shirt? Schnell weg damit! Ich will nicht schon wieder rechtfertigen, warum ich kein VFB-Fan bin.
Endlich angezogen durchstöbere ich mit der Zahnbürste meinen Mund nach schädlichen Bakterien. Es ist immer schwer, fast unmöglich, den Geschmack der Zahnpasta wieder aus dem Rachen herauszubekommen.
Danach ist es an der Zeit, die Zähne gleich wieder schmutzig zu machen: Ich gehe in die Küche und bereite mein Mahl vor, das wie jeden Morgen aus Cornflakes mit Milch besteht. Obwohl sich mein Appetit in Grenzen hält, schlucke ich das Frühstück schnell hinunter.
Diesmal wundere ich mich, dass es Leute wie mich gibt, die Cornflakes kaufen, die schrecklich schmecken, nur weil ein Sammelspielzeug in der Packungsbeilage vorhanden ist. Diesen Cornflakes werde ich so schnell nicht mehr Einlass auf meinen Frühstückstisch gewähren.
Die Uhr in der Küche rät mir nun dringend, dass es Zeit ist, das Haus zu verlassen.
Dann liefere ich mir meinen täglichen Kampf gegen den störrischen Reißverschluss meiner Winterjacke, den ich schließlich mit knapper Not gewinne.
Nachdem ich wohlwissend alle Lichter ausgeschaltet habe, hänge ich mir den Haustürschüssel um und überprüfe noch einmal sorgsam, ob ich nicht zufällig ein schlafendes Familienmitglied im Haus einschließe. Aber heute sind die anderen alle schon weg, so dass ich schließlich das Haus verlasse. Ich betrete die kalte Morgenluft vor meiner Tür.
Der Weg zur Straßenbahnhaltestelle erscheint mir jedes Mal, etwas länger zu werden. Da ich spät dran bin, muss ich schnell zur Haltestelle rennen. Gerade als ich um die Ecke biege, springt die Fußgängerampel von grün auf rot. Ich bleibe ruhig dort stehen und warte ab. Da kommt die Straßenbahn angefahren und hält an der Haltestelle. Meine Ampel bleibt rot. Die Autos fahren über die für sie grüne Ampel. Ich warte und warte. Jetzt halten die Autos endlich an. Die Straßenbahn fährt los, und die Fußgängerampel wechselt endlich auf grün.
Früher habe ich in solchen Momenten immer wütend auf dem Boden herumgehüpft und dabei auf meine unschuldige Mütze getrampelt. Doch mittlerweile habe ich mich an dieses „Das darf doch nicht wahr sein“-Gefühl gewöhnt: Ich verpasse halt die Bahn und komme wohl zehn Minuten zu spät zum Unterricht! Das wird wieder Ärger geben!
Nach langem Warten kommt die nächste Straßenbahn angefahren, die mich mitnimmt. Als ich in der überfüllten Bahn einen Stehplatz suche, hilft mir meine eingebaute Gefahrenantenne, streitsüchtigen Rowdies auszuweichen.
Da erspähe ich Oma Holly hinten in der Straßenbahn. Oma Holly ist eine ältere Dame, die an Alzheimer leidet und die Fahrgäste immer mit Kinderliedern unterhält, weshalb sich jedesmal ein „Fan-Club“ aus Jugendlichen um sie aufbaut. Das ist traurig, aber so hat sie das Gefühl, viele Freunde zu haben und ist glücklich.
Plötzlich erklingt neben mir ein Geräusch, das nach einem Heavy-Metal-Konzert klingt. Ein neuer Klingelton von einem Handy! Der ist mir aber am frühen Morgen eindeutig zu laut!
An der nächsten Haltestelle sehe ich eine ältere Dame zur Straßenbahn rennen. Sie erreicht sie gerade noch. Als sie eingestiegen ist, fordert sie sofort einen jungen Mann auf, dass er für sie aufstehen solle, da sie so alt und schwach sei. Aber ein älterer Gentleman steht anstelle des uninteressierten Schülers auf, obwohl er selbst schon recht alt aussieht. Die Dame nimmt den freien Platz ein, ohne zu danken.
Gegenüber der Frau sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen. „Guck mal, Mami, eine Hexe!“ ruft das Kind und zeigt mit dem Finger auf die Frau. Die Fahrgäste sind belustigt, die Mutter ist beschämt, die ältere Dame und der Gentleman sind empört: „Die heutige Jugend!“ Ich stimme dem Kind in Gedanken voll zu.
Am Bahnhofsplatz steigt Violetto in die Straßenbahn. Violetto ist ein stadtbekannter Obdachloser, der fast immer eine violette Jacke trägt. Eigentlich ist der Knabe ganz nett, doch meiden ihn viele, weil er selten duscht. Dabei ist es doch keine Schande, Läuse zu haben – man sollte sie nur nicht behalten.
Ansonsten verläuft die Fahrt mit der Straßenbahn wie jeden Morgen. Als ich dann endlich irgendwann einen freien Platz ergattere, bin ich bereits fast an meinem Ziel angekommen. Ich versinke noch kurz in die Lektüre der märchenhaften Welt meines Buches. Nach 38 Minuten ist die Straßenbahn an meiner Endhaltestelle angekommen.
Ich steige aus, eile zur Schule und erreiche unbeschadet den Klassenraum. Dort entschuldige ich mich für mein Zuspätkommen beim Lehrer und halte Ausschau nach einem freien Platz. Der Unterricht hat begonnen!

Robin Schicha beschrieb hier einen typischen Morgen seiner Schulzeit. Mehr über ihn könnt ihr auf www.robin-schicha.de erfahren.

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Ein Gedanke zu “Ein Tag in meinem Leben – Robin Schicha

  1. Früher war das Verpassen einer Straßenbahn oder Bus für mich auch immer ein riesiges Ärgernis. Schuld war immer der jeweilige Fahrer, natürlich. Heute ärgert es mich nicht mehr, denn ich entdecke mich immer öfter dabei, dass10 Minuten Warten und Zeit ganz angenehm sind, denn ansonsten hetze ich jeden Tag – so schnell wie möglich – durch die Straßen.
    Ich freue mich also über jede S-Bahn, die ich verpasse, und geschadet hat es mir bislang auch noch nicht. ;-)

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