Persönlichkeitsstörung? Autismus? Really?

Über diesen Tweet wurde ich heute auf einen Artikel aufmerksam:

Ich las „Autismus • Anzeichen und Therapie der Persönlichkeitssstörung“ und dachte nur:
Persönlichkeitsstörung? Autismus? Really?
Darum hab ich mir den Artikel mal durchgelesen. Und das kam dabei raus:

Bildunterschrift:

„Kinder mit Autismus gehen Gleichaltrigen oft aus dem Weg und beschäftigen sich lieber alleine. Auch Erwachsene können von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen sein.“

Och. Könnte daran liegen, dass Autismus nicht heilbar ist und Kinder üblicherweise irgendwann erwachsen werden.

„Albert Einstein war wahrscheinlich Asperger-Autist. Darauf deutet nicht nur sein spezielles Interesse an Physik hin, sondern auch sein Problem, emotionale Nähe zuzulassen. Auch dass er Sprechen erst mit etwa drei Jahren begonnen haben soll, weist auf Asperger-Autismus hin.“

Post-Mortem-Diagnosen sind nur eins: Schlicht Humbug!
Dazu noch ein Fehler: Davon abgesehen, dass man inzwischen die Autismus-Formen nicht mehr unterteilt, sondern vom Autismus-Spektrum redet, ist es so, dass in der alten Unterteilung sich das Asperger-Syndrom vom frühkindlichen Autismus gerade durch die zeitlich normale oder gar frühe Sprachentwicklung abhebt.
Wenn man Einstein also dringend post-mortem-diagnostizieren will, dann aufgrund seines späten Sprachbeginns zwingend als Kanner-Autist.
Ein paar Absätze später erklärt die Autorin das sogar selbst, wenn da auch das mit den fehlenden Auffälligkeiten wiederum nicht ganz korrekt ist. Es gibt Auffälligkeiten, aber sie werden meist noch nicht bemerkt oder Autismus zugeordnet.

„Asperger-Patienten“
„autistische Züge“

Dazu bitte meinen anderen Artikel mal lesen: Autismus, Autist, Spektrum, Aspie, ja watt denn nu?.
Ich bin nicht pauschal Patient. Die meiste Zeit meines Lebens bin ich gerade keiner!

„Wutausbrüche“

Nein. Meltdowns sind immer noch keine Wutausbrüche. Ich fühle bei einem Meltdown keinerlei Wut.
Ich bin in den Momenten eher verzweifelt, kann die Situation nicht mehr handeln, weiß nicht, wo ich mit mir selbst und dem Chaos innen drin hin soll.
Diese Grafik erklärt den Unterschied zwischen Meltdown und Wutausbruch:

Meltdown vs. Wutausbruch

Meltdown:
1. Angetrieben aus Reaktion auf etwas.
2. Reaktion auf einen Overload/eine Reizüberflutung oder überwältigende Emotionen.
3. Beachtung der umgebenden Menschen ist unwichtig.
4. Das Verhalten dauert auch ohne Beachtung an.
5. Das Verhalten ist nicht zielgerichtet. Es ändert sich nur durch Beruhigung durch Zeit/ruhigen Ort oder durch Unterstützung einer Bezugsperson.

Wutausbruch:
1. Angetrieben durch ein Bedürfnis oder Ziel.
2. In der Regel soll etwas damit erreicht werden, es wird etwas gewollt.
3. Beachtung der umgebenden Menschen ist wichtig.
4. Die Beachtung wird beobachtet, es wird nach Reaktionen geschaut.
5. Ist das Ziel erreicht, das Bedürfnis erfüllt, endet das Verhalten abrupt.

Beides:
Kreischen
Treten
Schreien
Aufstampfen
Fluchen
Beißen
etc.
Meltdown vs. Wutausbruch

„Probleme damit, Emotionen anderer zu deuten, sich in andere hineinzuversetzen, fehlendes Einfühlungsvermögen“

Dazu verweise ich mal auf einen älteren meiner Artikel: Erlebenswelten

„wortkarge Art, nur Sprechen, um Informationen zu geben und nicht aus Geselligkeit, oftmals sehr sachliche und monotone Art zu Reden“

Die Autisten, die gern viel reden, werden in fast jedem Artikel über Autismus vergessen. Aber es gibt sie.
Das Symptom ist eher, nicht gut einschätzen zu können, wann man was oder wie viel wozu sagen sollte. Mancher sagt dann nichts, ein anderer überfällt dich dagegen mit einem Wortschwall. Das Symptom kann beide Extreme hervorbringen, sogar in der selben Person je nach Situation.

„Oftmals geht Autismus auch mit einem verminderten Intelligenzquotienten (IQ) einher: In der medizinischen Leitlinie gehen die Verfasser davon aus, dass etwa die Hälfte aller Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung mit einem IQ unterhalb von 70 intellektuell behindert sind.“

Wird oftmals gemessen vielleicht. Ob Intelligenzminderung wirklich vorliegt, ist oft schwierig zu beurteilen. Klar ist inzwischen, dass Autisten auf Ravens Progressive Matrizen meist besser ansprechen als auf HAWIE/HAWIK, letzterer Intelligenztest jedoch meist Anwendung findet.
Zudem erfordert Intelligenzminderung eine eigene Diagnose aus dem Bereich F70.- bis F79.- und gehört nicht zum Autismus dazu.

„Bei Verdacht auf eine Autismus-Spektrum-Störung bei Kindern und Jugendlichen sollte ein Mediziner oder Therapeut aufgesucht werden, der sich auf dem Gebiet der Persönlichkeitsstörungen auskennt“

Aber doch wohl nur zur Differentialdiagnose? Wie die Autorin weiter oben im Artikel korrekt einordnete, gehört Autismus zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen. Das ist F84.- in der ICD-10.
Persönlichkeitsstörungen dagegen stehen unter F60.- in der ICD-10, Autismus ist also keine Persönlichkeitsstörung. Im Artikel wird Autismus leider immer wieder fälschlich den Persönlichkeitsstörungen zugeordnet.
Ich empfehle zur Diagnostik von Autismus einen auf Autismus spezialisierten Psychiater oder Neurologen, keinen Psychologen oder Therapeuten.

Zu sekundärem und primärem Autismus:
In der ICD-10 steht das so nicht drin. Neuerdings nennen offenbar einige Mediziner Störungen wie das Rett-Syndrom „sekundären Autismus“. Oder auch andere Störungen mit klarem Auslöser, deren Symptome denen des Autismus ähneln.
Ich gehe nicht mit dieser Art der Benennung konform, da es für meine Begriffe durch die ähnliche Benennung zu sprachlichen Vermischungen führt, die dann schwerlich wieder trennbar sind und man am Ende nicht mehr weiß, wovon nun die Rede ist. Die nötigen Hilfen können zudem sehr unterschiedlich aussehen. Es ist daher aus meiner Sicht nicht zielführend, das sprachlich derart zu vermischen.

„So kann es bei sehr milden Formen – umgangssprachlich ist dann von autistischen Zügen die Rede – der Fall sein, dass der Betroffene nicht stark beeinträchtigt ist.“

Zu dem Begriff „autistische Züge“ habe ich weiter oben schon was verlinkt. Hier noch ein Artikel bezüglich „milde Formen“: Leichter Autismus – Schwerer Autismus

„Autismus ist als Persönlichkeitsstörung zwar nicht heilbar, jedoch kann durch eine frühzeitige Diagnose und entsprechende Förderung die Lebensqualität enorm erhöht werden, indem Sprechen und soziale Fähigkeiten wie das Reagieren auf bestimmte Gesichtsausdrücke trainiert werden. In die Verhaltenstherapie werden auch die Angehörigen einbezogen. Je nach Alter und Schweregrad der Störung können auch andere psychotherapeutische Maßnahmen und Medikamente (Psychopharmaka) eingesetzt werden.“

Da klingt ABA durch.
Was Medikamente angeht: Gegen Autismus gibt es keine. Komorbide Depressionen etc. können ggf. medikamentös behandelt werden, der Autismus selbst nicht!
Und selbst das wird diskutiert, denn Psychopharmaka wirken auf Autisten mitunter anders als auf Nicht-Autisten. Hier zu dem Thema eine Studie: Citalopram Ineffective in Children With Autism

„Studien zeigen gute Effekte einer frühen intensiven Verhaltenstherapie: So verbessern sie die kognitiven Fähigkeiten, zum Beispiel Lernen, Kreativität, Problemlösen und Aufmerksamkeit und auch sprachliche Fertigkeiten. In Kleingruppen lernen Kinder außerdem im Rahmen der Verhaltenstherapie spielerisch die soziale Interaktion mit Gleichaltrigen.“

Hier ist mit „frühen intensiven Verhaltenstherapie“ sehr sicher ABA gemeint, also Behaviorismus, während Verhaltenstherapie in Kleingruppen eher eine KVT, also kognitive Verhaltenstherapie meint.
Diese sprachliche Vermischung der für Autisten hochgradig schädlichen ABA mit gewöhnlicher KVT findet leider immer häufiger statt und ist sehr gefährlich.
Zu ABA hier ein guter Artikel: ABA und die Kritik daran – eine Zusammenfassung.

„Wichtig ist vor allem, dass alle wichtigen Mitmenschen wie Verwandte, Schulkameraden, Betreuer in Schule und Kindergarten und Freunde über die Diagnose Autismus informiert werden.“

Wichtig ist vor allem, dass der Autist, soweit irgend möglich, selbst entscheidet, wer von seinem Autismus erfährt und wer nicht.
NOCH müssen wir leider mit viel Diskriminierung leben. Pauschal zu empfehlen, den Autisten überall zu outen, halte ich in dieser derzeitigen Gesellschaft noch für falsch.

Was mich noch insgesamt an dem Artikel stört, ist die defizitorientierte Sprache. Mein Gehirn ist vielleicht anders entwickelt, aber nicht fehlentwickelt. Meine Kommunikation ist anders, aber nicht falsch oder krank. Meine Wahrnehmung ist anders, aber nicht defekt.
Eine soziale und kommunikative Schwäche, wie bei diesem Artikel schon über der Überschrift zu lesen, sehe ich als Autist oft eher bei den Nicht-Autisten.
Perspektivwechsel? Gerne auch mal auf der anderen Seite.

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