WAT? WAT! Weltautismustag 2019

Was fange ich jetzt damit an, mit diesem Tag, an dem so vielen Nicht-Autisten zugehört wird und so wenigen Autisten.
Was fange ich damit an, dass „Awareness“ allerorten gefordert wird, wo Autisten selbst längst „Acceptance“ fordern. Seit Jahren!
Was fange ich damit an, dass man den Medienmachern erzählen und erzählen und erzählen kann, dass Autismus keine Krankheit/Erkrankung ist, dass viele Autisten Person-First-Language ablehnen, dass Autisten selbst gehört werden sollten, dass Autisten nicht emotionslos sind und und und – ohne dass sich je etwas ändern würde. Seit Jahren!

Nun, tatsächlich gehe ich an diesem Tag morgens aus dem Haus zur Arbeit.
Ich werde danach müde sein.
Vielleicht gehe ich noch kurz einkaufen, wenn ich muss.
Wenn ich es schaffe, koche ich was. Oder ich geb zu viel Geld für Pommesbude aus. Oder, wenn es hart läuft an dem Tag, esse ich nichts, weil ich weder Kraft fürs Kochen, nicht mal für TK-Pizza, noch für Sozialkontakte in der Frittenschmiede habe.

Ich werde wohl twittern. Auch über Autismus. Werde erklären, warum LIUB eine Dreckskampagne eines Drecksvereins ist, den man nicht unterstützen sollte. Warum man Autisten selbst sprechen lassen sollte. Dass Autismus keine Empathielosigkeit ist. Dass ABA und MMS richtig ätzend sind, Letzteres im wörtlichen Sinne. Dass die Wikipedia-Artikel zu Autismus nichts taugen. Dass man Greta Thunberg nicht wegen des Autismus diskreditieren sollte. Und und und.
Und ich werde mir Mühe geben, das alles möglichst freundlich oder zumindest sachlich zu tun. Und trotzdem werde ich dafür angeschnauzt werden, dass meine autistische Art zu harsch, zu ruppig, zu unhöflich und härtere Wörter wäre.
Und mir werden Menschen sagen, dass ich ja gar nicht verstünde, was sie sagten. Dass ich das als Autist gar nicht erfassen könnte. Ohne je zu fragen, welchen IQ ich eigentlich habe, welchen Schulabschluss oder sonst irgendetwas in der Richtung.

Ich werde Kids blocken, die Autismus als „lustiges Schimpfwort“ um sich werfen.
Ich werde Eltern von Autisten helfen, ihr Kind zu verstehen. Und manchen von ihnen auch erklären müssen, warum ihr Umgang mit Autisten nicht respektvoll ist.
Ich werde Wissenschaftlern, Forschern, Psychiatern etwas über Autismus erzählen, wenn sie darüber twittern.
Ich werde Medienmachern ihre Artikel zerpflücken, wenn es notwendig ist – und es wird oft genug notwendig sein.

Assistive Technologies, Active Participation

Das ist das Motto der UN für den diesjährigen Weltautismustag.
Das Internet ist so eine Technologie. Sie lässt mich all das tun.
Aktive Partizipation, dafür werde ich mich auch einsetzen. Dass z. B. Autisten barrierefrei an Dingen wie der Autismus-Strategie Bayern teilhaben können.

Heute habe ich bereits vieles davon getan. Wie jeden Tag.
Und vielleicht …
Vielleicht habe ich auch manchmal einfach keine Lust mehr. Möchte sie alle labern lassen.
Aber das hilft wohl noch weniger.

Und doch …
Vielleicht gehe ich morgen einfach raus mit meiner Kamera und mache Fotos. (Ok, da ist ein Handyfoto verlinkt.)
Vielleicht.
Solange die Sonne noch scheint.

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6 Gedanken zu “WAT? WAT! Weltautismustag 2019

  1. Hallo,
    ich bin heute zufällig auf deinen Blog gestoßen und finde es toll, dass du so offen über das berichten kannst, was dich beschäftigt. Ich glaube, dass du dadurch viele Menschen inspirierst, sich nicht verstecken zu müssen. In deinem Beitrag hast du bereits viele wichtige Schlüsselwörter benutzt, wie Respekt, Akzeptanz und dass Diskriminierung und Stereotype mehr als nur unfair sind. Die Gesellschaft oder viel mehr ihre Einstellung gegenüber vermeintlich geglaubten Nachteilen muss sich ändern, und nicht erst in einem Jahr oder Jahrzehnt, nicht morgen, sondern am besten noch heute und so schnell wie möglich. Meiner Meinung nach ist jeder „benachteiligte“ Mensch auch ein Trumpf, da er oder sie auf bestimmte Dinge, für die die breite Masse längst blind und taub geworden ist, aufmerksam machen kann und so Änderung im positiven Sinne erzielt werden kann.

    Daher würde ich dich gern auf ein wissenschaftliches Forschungsprojekt aufmerksam machen, das durch die EU mitfinanziert wird: Es nennt sich IMAGE und versucht die Diskriminierung von Autisten und Autistinnen in Europa durch das Entwerfen von gezielten Maßnahmen zu verhindern und deren Inklusion in der Arbeitswelt zu fördern. Dadurch soll Arbeitnehmer/innen und Studenten/Studentinnen mit Autismus ein besserer Zugang zum Arbeitsmarkt gewährt werden, um ihnen das Ausüben der Tätigkeiten zu ermöglichen, die sie gern ausüben möchten.
    Als Endresultat sollen Stereotype, Vorurteile und Diskriminierung gegenüber Individuen mit Autismus durch Arbeitgeber, Karriere- und Laufbahnberater und akademische Tutoren gesenkt werden. Dies geschieht durch wissenschaftlich entwickelte Guidelines.
    Weitere Informationen zum Projekt findest du hier: http://imageautism.com/overview/

    Falls du also dieses Projekt unterstützen möchtest, würde ich mich sehr freuen, wenn du an der Online-Studie teilnehmen würdest. Die Teilnahme ist streng anonym und natürlich freiwillig.
    Hier der Link: https://ww3.unipark.de/uc/imageDEA/

    Liebe Grüße und alles Gute nachträglich zum WAT. :)

    1. Danke für die interessanten Links.
      Ich bin nur immer wieder traurig, dass selbst in gut wirkenden Projekten oft Person-First-Language gebraucht wird.
      Und schade, dass Gendersternchen genutzt werden. Das hat mir das Lesen erschwert.
      Aber nun denn, hoffentlich hilft das Projekt am Ende. :-)

      1. Hallo,
        vielen Dank für deine Kritik. Ich werde sie weiterleiten, damit sie berücksichtigt werden kann, sowohl in der aktuellen, als auch in künftigen Forschungsprojekten. An dieser Stelle möchte ich mich auch für deine Teilnahme bedanken. Also vielen Dank!

        Da jede Erfahrung, Meinung und Stimme zählt, wäre es natürlich toll, wenn du helfen könntest, den Link weiter zu verbreiten, an Freunde und Bekannte mit Autismus oder anderen Internetplattformen, in denen du ebenfalls tätig bist. Denn nur gemeinsam können wir Diskriminierung verhindern und Inklusion und Stärken fördern. Allerdings ist dies natürlich kein Muss für dich.

        Ansonsten wüsche ich dir alles Gute und hoffe, dass du mit deinem Blog der Welt ein bisschen mehr die Augen öffnen kannst, denn darum geht es ja. :]

        1. Ich habe sie schon verbreitet.
          Ich bekam allerdings etwas Kritik. Mehrere brachen mittendrin ab, weil sie meinten, sie könnten die Fragen so nicht beantworten.
          Zum Beispiel fand jemand die Frage nach Stärken von Autisten im Berufsleben eigenartig, weil nicht die eigenen Stärken, sondern eben allgemein Stärken von Autisten abgefragt werden. Damit würde nur gemessen, wie informiert der jeweils Antwortende ist.

          Ich hab leider nicht mehr alle Fragen im Kopf, bin aber auch über ein paar Fragen gestolpert.
          Und ich fand schade, dass die ganze Umfrage so fokussiert auf Studenten ist. Es gibt ja auch viele Autisten, die Ausbildungen machen und nicht studieren.

          Ansonsten danke.
          Und weiter viel Erfolg mit der Umfrage, damit sie hoffentlich etwas Positives bewirkt.

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