Atypical – Kritik an der Art einer Kritik

Atypical – der neue heiße Scheiß auf Netflix.
Nicht-Autisten freuen sich über die Serie, Autisten sind skeptisch oder zerreißen sie.
Ich selbst habe sie schlicht nicht gesehen.

Die Zeit wagt sich an eine Kritik.
Dagegen habe ich nichts. Ich vermute anhand der Tweets von Autisten, dass es an der Serie auch ausreichend Kritikwürdiges zu finden gibt.
Doch man kann die Darstellung von Autismus so oder so kritisieren. Die Zeit macht es aus der Sicht von Nicht-Autisten. Und stolpert dabei selbst von einem Fettnapf in den nächsten.

Der erste Satz:

Nach außen hin vermitteln autistische Menschen oft den Eindruck stiller Weisheit, selbstgenügsam, abgekapselt, in ihren Handlungen wie hypnotisiert, am glücklichsten, wenn sie allein gelassen werden.

Ich sitze so vor meinem Rechner und überlege, ob es auch nur einen Menschen auf dieser Welt gibt, der mich auf diese Weise beschreiben würde. Ich vermute nicht.
Ich muss darüber schmunzeln.

Das Schmunzeln erstarrt jedoch schon wenige Sätze später:

Sam leidet am Asperger-Syndrom, einer Variante des Autismus, die mit hoher Intelligenz und niedrigem Einfühlungsvermögen einhergeht. Ähnlich wie der Blinde unfähig ist, die Welt leibhaftig zu sehen, ist Sam außerstande, das Innenleben von Personen wahrzunehmen.

Ich weiß nicht, wie oft ich es inzwischen wo überall niederschrieb:
Ob ein Autist leidet, entscheidet immer der Autist selbst, kein Journalist!
Und die Sache mit dem Einfühlungsvermögen …
Hans Asperger schrieb dazu in seiner Habilitationsschrift:

So wie diese Kinder sich selbst beschauen, so haben sie oft auch ein erstaunlich richtiges und reifes Urteil über die Menschen der Umgebung, spüren sehr gut, wer ihnen gewogen ist und wer nicht, auch wenn er sich ganz anders gebärdet, haben ein besonders feines Gefühl für die Abnormität anderer Kinder, ja sie sind, so abnorm sie selber sein mögen, geradezu überempfindlich dafür.
Die „Autistischen Psychopathen“ im Kindesalter – Doz. Dr. Hans Asperger – 1943

Ich selbst habe mich zur Empathie und meinen Gedanken dazu, auch dazu, wie gut sich Nicht-Autisten in Autisten einfühlen können, hier ausgelassen:
Erlebenswelten

Außerdem, wie soll er jemals ein Mädchen finden, das seine ganzen Marotten erträgt?

Danach eine Auflistung einiger Symptome und behinderungsbedingter Bedürfnisse der Figur Sam. Diese als „Marotten“ zu verharmlosen, ist nicht so richtig toll.
Wie klingt denn der Satz, wenn er über zum Beispiel einen Rollstuhlfahrer geschrieben worden wäre und dahinter stünde „Sein Bedürfnis nach stufenlos erreichbaren Geschäften, abgeflachten Bordsteinen, breiten Türen …“?

Sam könnte mit seiner perfekten Mischung an sowohl tragischen als auch komischen Charaktermerkmalen – Inselbegabung, Hypersensibilität, soziale Tollpatschigkeit und Unfähigkeit zum Heucheln – der neue große Netfix-Held sein.

Inselbegabung. Hat die Zeit-Autorin Lina Muzur den Begriff aus der Serie oder stammt er von ihr? Er ist jedenfalls ziemlich sicher deplatziert, wie so oft. Inselbegabungen gehören zum Savant-Syndrom. Das kann zusammen oder auch getrennt von Autismus auftreten.
Tatsächlich sind weltweit nur ca. 100 erstaunliche Savants bekannt. Nur ca. 50 davon sind Autisten. Ausgehend von 1 % Autisten an der Gesamtbevölkerung bedeutet das, dass nur etwa 0,000071 % aller Autisten Savants sind. Und 0,00000072 % aller Nicht-Autisten auch.
Gemeint ist vermutlich mal wieder ein Spezialinteresse, keine Inselbegabung.

Und der Regisseur Seth Gordon fügt hinzu: „Es ist so schön, an einer Serie mitzuwirken, in der es zwar um eine Person mit einer bestimmten Erkrankung geht, in der es gleichwohl nicht nur um diese Erkrankung geht“.

Ich frage mich, ob hier mal wieder eine Missübersetzung vorliegt. Ob also Die Zeit-Autorin den Krankheitsbegriff durch Übersetzung einführte oder der Regisseur ihn tatsächlich nutzte.
Die Zeit-Autorin jedenfalls bleibt auch selbst dabei:

Eine der komplexesten und vielgestaltigsten Krankheiten unserer Zeit auf Stereotype zu reduzieren.

Ich mag hier auf meine kleine Liste von Begrifflichkeiten hinweisen, die in der Berichterstattung über Autismus gehen bzw. eben nicht gehen:
Autismus, Autist, Spektrum, Aspie, ja watt denn nu?

Tja. Als hätte die Zeit-Autorin ein uraltes Rezept rausgeholt, die veralteten Zutaten vermischt und …

… und dann am Schluss das entscheidende Gewürz vergessen: Feingefühl.

Wie dauernd im Journalismus.

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