Sommerwiese mit Kaninchen

Die Sicht verändert sich, je mehr du weißt.
Das Dumme ist nur, dass die restliche Menschheit nicht plötzlich auch weiß.

Mit jedem Funken Wissen wird die Welt so unerträglich, überall platzt es dir entgegen, kein Ausweichen möglich, alles ist klar, innen, und außen nur Wolken, der Smog der Verschwommenheit der Hirne. Bis dir nur noch das Leben in der Natur sinnvoll erscheint, ohne Menschen. Du möchtest weg, eine Insel, ein Blockhaus, ein Strand, ein Wald – und zeitgleich weißt du, dass du nicht überleben kannst. Weil du zivilisationskrank bist. In eine Welt geboren, in der der Kaninchenbraten samt Kopf im Supermarkt in der fleischfarben gutausehend machenden Beleuchtung der nicht dicht schließenden Kühlkiste liegt, irgendwo drei Fächer neben den Hähnchenschenkeln, und du weißt nicht, wie du so ein Vieh in der Natur kriegen könntest, maximal in der Theorie. Du kennst Pilze und Pflanzen, Beeren, Wurzeln, dennoch kriegst du immer noch kein Wildschwein gehäutet.
Doch selbst wenn du in der Lage wärest, dich außerhalb der Supermarktwelt vollumfänglich zu ernähren, so erlaubt dir der Staat nicht diese Freiheit. Einfach leben im Blockhaus, ohne Begrenzungen von außen – nicht in dieser Welt, nicht hier.
Und so lebst du weiter in der Supermarktwelt zwischen überteuerten Himbeeren und gefrorenen Karnickeln, quälst dich alle paar Tage durch die grellflackerndleuchtenden Regale zur Ernährung des Körpers und suchst dich selbst, wo du dich nicht in Gänze zu finden vermagst. Kriechst daheim in Computerwelten einer anderen Freiheit.
Doch im Sommer auf einer Wiese zu sitzen. Ja. Das ist der Rest der Schönheit.

Dieser Text sprang mir kurz vor der Schlusssequenz von Fight Club in meinen Kopf.
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Der Witz an der Sache ist Respekt

Wie inzwischen zumindest in der Szene der autistischen Blogger und Twitterer bekannt sein müsste, gibt es immer mal wieder mehr oder weniger journalistische Texte, in denen Begriffe wie “Autist”, “autistisch” und “Autismus” als negativ besetzte Metapher verwendet werden.
Auch Privatpersonen, Politiker etc. greifen gerne mal darauf zurück.

Wenn man als Autist nun dagegen etwas sagt, bekommt man oft solche Dinge zu lesen:

Journalismus arbeitet nun mal mit Stereotypen. Humor funktioniert unter anderem durch Stereotypen. Wenn jemand Witze über Frauen macht (typisch Frau!), fühle ich mich doch auch nicht gleich beleidigt sondern kann darüber schmunzeln.

Oder:

Ich finde, auch wenn man selbst betroffen ist, sollte man sich nicht zu ernst nehmen sondern darüber stehen

Oder auch dies:

Journalismus darf übertreiben, zuspitzen und die gesamte Form der Sprache nutzen.

(Zitate hier entnommen: Facebook)

Darüber stehen, mal darüber schmunzeln, den Journalismus nicht beschneiden. Hmpf.

Die Sache ist die:
Ich würde ja sogar darüber stehen und mitunter sogar darüber schmunzeln – wenn wir eine Gesellschaft hätten, in der Autisten nicht immer um jeden Fitzel Respekt zu kämpfen hätten. Doch solange die Gesellschaft noch nicht so weit ist, sind solche Metaphern und auch “Witze” schlicht daneben.

Immer nur negativ, immer nur Witze, immer nur respektlos. Da lache ich nicht. Da bin ich bestürzt.

Der Witz an der Sache ist eben der Respekt.

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Smiley-Sammlung für Twitter

😄😃😀😊😉😍😤😜😝😛😌😂😭
😅😰😆😋😶😏😎😇😘😁😣😱😐
😠😡😑😔😴😮😩☺️😷😕
👵👀👰
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🐯🐷🐶
🐟🐳🐬🐘💨🐘🐠🐙🐾🐽
🌴🌊☀️🌅⛅️☁️🌁🌈🎣🐚
🌍✨💫🌙⭐️🌟🚀
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🍕🍝🍺🍴🍗🍛🍹🍸🎂
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💏💁💩🔥💥💌🎶🔑📷👣🚙🏰💉
🎉🎊🎆🎈👑🚬🔫✔‼️❗❓⚠💤
💅💪💋☎️🚫♿❌⭕️👂
💕💛💚💜❤💔💖💗💖💞
💐🌸🌹🌺🌷🌼🍃🌻🍀
✌👉👍👎👌👋👏👊✊☝🙌🙋🙏

Nicht, dass ich auf Twitter Smileys sonderlich oft nutzen wollte oder sie mir nicht sogar mitunter auf den Keks gingen, aber ich vermisse eine vollständige Sammlung. Vor allem in erkennbarer Größe.
Diese ist vermutlich nicht vollständig. Begegnen mir weitere, pack ich sie halt noch dazu.
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Das Leid mit dem Pride oder Pride trotz Leid

In der autistischen Community – so fasse ich jetzt mal die Autisten zusammen, die sich im Netz in den Boards, Chats etc. austauschen – gibt es gerne immer mal wieder eine Kontroverse zum Thema Pride und Leid. Leider.

Pride, leider oft fehlgedeutet als Stolz, Autist zu sein, meint im Ursprung wohl eher ein gewisses Selbstwertgefühl, Stolz im Sinne dessen, auch als Autist wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein, Wissen darum, wer man ist und wo man steht und dass es ok so ist.
Leid, da geht es um das medizinische Modell des Autismus. Wer am Autismus nicht leidet, sollte keine Diagnose bekommen, so die Leid-Fraktion.

Ich stehe da irgendwo zwischen, zwischen dem missgedeuteten und übersteigerten Pride und dem jammernden, wehklagenden Leid.
Und ich wünschte, man käme auf einen Nenner.

Einige Diagnostiker geben wohl keine Diagnose, wenn nicht ausreichend Leidensdruck vorhanden ist. Und einige Autisten stimmen dem voll zu, gehen in Kontroversen dann oft sogar so weit zu sagen, wer nicht am Autismus leide, könne wohl kein Autist sein.
Doch ist man weniger Autist, wenn man für sich selbst einen guten Umgang mit dem Autismus gefunden hat, wenn man einen gewissen Selbstwert erlangt hat und sein Leben nicht durch Leid definieren möchte?

Das Problem an der Kontroverse ist meines Erachtens, dass die Positionen eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind wie sie beide glauben, es aber beide Seiten einfach nur nicht schnallen!

Wenn ich zum Beispiel auch schöne Tage in meinem Leben habe und davon auch berichte, mein Leben nicht durch ein Leid definiere, bedeutet das noch lange nicht, dass ich keine Probleme durch den Autismus hätte.
Ich lasse sie nur nicht mein Leben bestimmen.
Ich hab autismustypische Probleme, sogar nicht mal so wenige, wenn ich darüber sinniere, aber ich weigere mich einfach, den Rest meines Lebens damit zu verbringen, darüber rumzuheulen. Das bringt mich nicht weiter und macht mich nicht glücklich.
Und ja, glücklich darf man auch als Autist sein, ohne dass einem gleich die Diagnose wieder weggenommen (oder von übereifrigen Leidlern aberkannt) wird!

Ja, wer tatsächlich keine autistischen Probleme hat, der wird auch kein Autist sein. Da haben die Leidler Recht. Aber das projizieren sie dann gleich auf alle Autisten, die nicht durchgehend bedauern, zu sein, wer oder wie sie sind. Und da liegt der Fehlschluss!

Man muss seine Probleme nicht durchgehend in die Welt hinausposaunen.
Und man muss Probleme auch nicht durchgehend als solche wahrnehmen, damit sie da sind.
Ich halte es sogar für ungesund, sich seine Probleme in jeder Sekunde seines Lebens zu vergegenwärtigen, was nicht bedeutet, dass man sie unterdrücken oder verleugnen sollte.
Es gibt einen Weg dazwischen!

Mal ein sehr deutliches Beispiel:
Wenn ein Autist durch seine autistischen Probleme Schwierigkeiten hat, einen Job zu finden, ist das ein Problem, ein existentielles Problem. Es ist realistisch da und macht das Leben sicher nicht leichter. Man kann da sicherlich auch drüber verzweifeln.
Wenn dieser Autist sich damit aber arrangiert, solange er keinen Job hat, während der Jobsuche, irgendwie mit wenig Geld, aber ausfüllenden Hobbys oder gar Spezialinteressen dennoch glücklich ist, ist er dann kein Autist mehr, weil er subjektiv nicht an diesem Problem leidet? Und ändert das Glücklichsein, das Nichtleiden etwas am grundlegenden Problem? Wohl kaum.

Das ganze Problem zwischen Pride und Leid ist also im Grunde nur eins der Einstellung zu sich selbst, zu seinem eigenen Leben.
Und das kann auch wechseln. Man kann Phasen im Leben haben, in denen man es nicht schafft, glücklich zu sein, mit den Problemen irgendwie gut zu leben. Und dann kann es wieder Phasen geben, in denen man objektiv immer noch dieselben Probleme hat, aber subjektiv eben gerade gut drauf ist, das Beste aus den Gegebenheiten macht.

Ich fände es schön, wenn viele Autisten es schaffen könnten, einen guten Selbstwert zu erlangen, ein glückliches Leben zu leben – mit ihrem Autismus. Und ohne ihn gleich aberkannt zu bekommen.
Und jeder Autist sollte in jeder Lebensphase akzeptieren, dass es eben auch jene gibt, denen es gerade genau anders geht, ohne sich gegenseitig auf die Moppe zu kloppen und mit “Modediagnose”-Vorwürfen um sich zu werfen.

Viel wichtiger sollte doch der gemeinsame Kampf für ein gutes Leben mit Autismus sein!

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Wir sind Autismus

Logo Wir sind Autismus

Autismus Deutschland e. V. Ein Verein, den ich vor meiner Diagnose noch nicht kannte. Ein Verein, über den ich nach und nach immer mehr las, von dem ich nach und nach immer mehr las. Ein großer Verein, der deutschlandweit mit vielen kleinen Ablegern agiert, stets zu erkennen am Puzzleteil-Logo, das mir noch nie gefiel. Ein Verein, der viele ATZ (Autismus-Therapie-Zentren) betreibt, Therapien anbietet, zunehmend auch ABA anbietet. Ein Verein, der “Selbst”hilfe betreibt – vornehmlich für die Eltern von Autisten. Ein Verein von und für Eltern mit ganz viel Außensicht – und ganz wenig Innensicht, denn …

… die Autisten selbst, deren Meinung, deren Innensicht, sind in diesem Verein gar nicht so gerne gesehen – außer eben als Patienten, als zu therapierende Masse, als diejenigen, für die irgendjemand besser wissen muss, was sie denn brauchen. Als Menschen, über die dringend mal geredet werden muss. Über – aber doch bitte nicht mit!

Ein Verein, der aus meiner Sicht oftmals ein falsches Bild von Autismus, von diesem großen Spektrum, hat und auch nach außen trägt und mich dabei nicht vertritt, nicht vertreten kann.

Ein Verein, der es gar nicht mag, wenn Autisten zu Selbstadvokaten werden. Der Vereine von und für Autisten gar nicht so gerne sieht und daher manchen dieser Vereine schon übernahm, bei anderen seinen Mitgliedern zu Abstand rät.

Irgendwann mal, auf dem Weg von “kenn ich nicht” zu “mag ich nicht” hatte ich mal die Hoffnung des Dialogs – doch der klappt nur, wenn er auf beiden Seiten gewollt ist. Und das sehe ich bei Autismus Deutschland e. V. nicht. Die wollen in ihrer Filterbubble bleiben, in ihrer eigenen Welt mit ihren festgefahrenen Sichtweisen.

Und jetzt, jetzt ist bei mir was geplatzt. Je öfter ich auf Websites dieses Vereins von ABA lese, sehe, dass sie ABA auf ihrer Bundestagung Plattform bieten, desto mehr sehe ich, dass dieser Verein nicht für mich als Autisten gedacht sein kann. Er ist für die Eltern. Die Eltern, die in ihrem autistischen Kind immer noch das verlorene normale Kind suchen und es irgendwie da rausholen wollen.

Nein, Autismus Deutschland e. V. spricht nicht für mich. Kann nicht für mich sprechen, solange sie mir und anderen Autisten nicht zuhören!

Wir sind Autismus! Wir sprechen für uns. Auch weil es halt sonst niemand tut.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Aktion von Autisten, die sich durch Autismus Deutschland e. V. nicht vertreten sehen. Ausgangspunkt der Aktion ist hier zu finden. Wer sich beteiligen möchte, darf dies gerne tun und sollte hier einen Kommentar hinterlassen:
http://blog.realitaetsfilter.com/wir-sind-autismus/
Auf Twitter läuft die Aktion unter dem Hashtag #WirsindAutismus.

Alle bisherigen Beiträge auf einen Klick:
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dasfotobus
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La Violaine
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Butterblumenland
Andersfamilie
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Intelligenzbestie
Sunnys Space
Planet 35A (Achtung! Facebook!)
Autismus direkt
Gedankenkarussel
Gastbeitrag von Ben bei Politgirl Blog
Echt anders
Zeiten klammer Kassen

Ein Zusatz zur Verständlichkeit:

Wenn ich im Artikel schreibe “Er (der Verein Autismus Deutschland) ist für die Eltern. Die Eltern, die in ihrem autistischen Kind immer noch das verlorene normale Kind suchen und es irgendwie da rausholen wollen.”, so meine ich damit nicht, dass alle Eltern so wären, sondern meine es eben einschränkend, beziehe mich also nur auf diejenigen Eltern, auf die diese Einschränkung zutrifft.
Bei der ganzen Aktion #WirsindAutismus ist zumindest meine Intention, dass sich möglichst viele Menschen, Autisten, Eltern von Autisten und alle, denen das auch am Herzen liegt, auch Fachleute, die so denken, zusammen finden, zusammen laut werden gegen bestimmte Missstände und für ein Miteinander, zumindest erst mal derjenigen, die eben zusammen etwas an den Missständen verändern möchten.
So möchte ich das verstanden wissen.

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Ein Tag in meinem Leben – Robin Schicha

Eine Straßenbahn-Geschichte

Der Wecker klingelt. Ich schalte ihn aus. Kurz darauf klingelt der zweite Wecker. Und der dritte. Ich bin mittlerweile wach und schalte den letzten Wecker aus. Verärgert denke ich wie jeden Morgen kurz darüber nach, die Wecker an die Wand zu werfen; doch wie immer, bin ich zu vernünftig dafür. Schließlich brauche ich sie wieder! Ich darf ja nicht wieder verschlafen!
Halb wach oder auch halb schlafend – Müdigkeit ist bekanntlich relativ – ziehe ich mich aus und wanke zur Dusche. Das Wasser ist diesmal so kalt, dass ich einige Sprünge unter der Brause hinlege. Nun bin ich aber bestimmt wach! Mit einem Handtuch, das so weich wie Schmirgelpapier ist, trockne ich mich ab und benutze als erstes meinen besten Verbündeten gegen unangenehme Gerüche: mein Deo.
Dann folgt die morgendliche Kleidungskontrolle: Fußball-T-Shirt? Schnell weg damit! Ich will nicht schon wieder rechtfertigen, warum ich kein VFB-Fan bin.
Endlich angezogen durchstöbere ich mit der Zahnbürste meinen Mund nach schädlichen Bakterien. Es ist immer schwer, fast unmöglich, den Geschmack der Zahnpasta wieder aus dem Rachen herauszubekommen.
Danach ist es an der Zeit, die Zähne gleich wieder schmutzig zu machen: Ich gehe in die Küche und bereite mein Mahl vor, das wie jeden Morgen aus Cornflakes mit Milch besteht. Obwohl sich mein Appetit in Grenzen hält, schlucke ich das Frühstück schnell hinunter.
Diesmal wundere ich mich, dass es Leute wie mich gibt, die Cornflakes kaufen, die schrecklich schmecken, nur weil ein Sammelspielzeug in der Packungsbeilage vorhanden ist. Diesen Cornflakes werde ich so schnell nicht mehr Einlass auf meinen Frühstückstisch gewähren.
Die Uhr in der Küche rät mir nun dringend, dass es Zeit ist, das Haus zu verlassen.
Dann liefere ich mir meinen täglichen Kampf gegen den störrischen Reißverschluss meiner Winterjacke, den ich schließlich mit knapper Not gewinne.
Nachdem ich wohlwissend alle Lichter ausgeschaltet habe, hänge ich mir den Haustürschüssel um und überprüfe noch einmal sorgsam, ob ich nicht zufällig ein schlafendes Familienmitglied im Haus einschließe. Aber heute sind die anderen alle schon weg, so dass ich schließlich das Haus verlasse. Ich betrete die kalte Morgenluft vor meiner Tür.
Der Weg zur Straßenbahnhaltestelle erscheint mir jedes Mal, etwas länger zu werden. Da ich spät dran bin, muss ich schnell zur Haltestelle rennen. Gerade als ich um die Ecke biege, springt die Fußgängerampel von grün auf rot. Ich bleibe ruhig dort stehen und warte ab. Da kommt die Straßenbahn angefahren und hält an der Haltestelle. Meine Ampel bleibt rot. Die Autos fahren über die für sie grüne Ampel. Ich warte und warte. Jetzt halten die Autos endlich an. Die Straßenbahn fährt los, und die Fußgängerampel wechselt endlich auf grün.
Früher habe ich in solchen Momenten immer wütend auf dem Boden herumgehüpft und dabei auf meine unschuldige Mütze getrampelt. Doch mittlerweile habe ich mich an dieses “Das darf doch nicht wahr sein”-Gefühl gewöhnt: Ich verpasse halt die Bahn und komme wohl zehn Minuten zu spät zum Unterricht! Das wird wieder Ärger geben!
Nach langem Warten kommt die nächste Straßenbahn angefahren, die mich mitnimmt. Als ich in der überfüllten Bahn einen Stehplatz suche, hilft mir meine eingebaute Gefahrenantenne, streitsüchtigen Rowdies auszuweichen.
Da erspähe ich Oma Holly hinten in der Straßenbahn. Oma Holly ist eine ältere Dame, die an Alzheimer leidet und die Fahrgäste immer mit Kinderliedern unterhält, weshalb sich jedesmal ein “Fan-Club” aus Jugendlichen um sie aufbaut. Das ist traurig, aber so hat sie das Gefühl, viele Freunde zu haben und ist glücklich.
Plötzlich erklingt neben mir ein Geräusch, das nach einem Heavy-Metal-Konzert klingt. Ein neuer Klingelton von einem Handy! Der ist mir aber am frühen Morgen eindeutig zu laut!
An der nächsten Haltestelle sehe ich eine ältere Dame zur Straßenbahn rennen. Sie erreicht sie gerade noch. Als sie eingestiegen ist, fordert sie sofort einen jungen Mann auf, dass er für sie aufstehen solle, da sie so alt und schwach sei. Aber ein älterer Gentleman steht anstelle des uninteressierten Schülers auf, obwohl er selbst schon recht alt aussieht. Die Dame nimmt den freien Platz ein, ohne zu danken.
Gegenüber der Frau sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen. “Guck mal, Mami, eine Hexe!” ruft das Kind und zeigt mit dem Finger auf die Frau. Die Fahrgäste sind belustigt, die Mutter ist beschämt, die ältere Dame und der Gentleman sind empört: “Die heutige Jugend!” Ich stimme dem Kind in Gedanken voll zu.
Am Bahnhofsplatz steigt Violetto in die Straßenbahn. Violetto ist ein stadtbekannter Obdachloser, der fast immer eine violette Jacke trägt. Eigentlich ist der Knabe ganz nett, doch meiden ihn viele, weil er selten duscht. Dabei ist es doch keine Schande, Läuse zu haben – man sollte sie nur nicht behalten.
Ansonsten verläuft die Fahrt mit der Straßenbahn wie jeden Morgen. Als ich dann endlich irgendwann einen freien Platz ergattere, bin ich bereits fast an meinem Ziel angekommen. Ich versinke noch kurz in die Lektüre der märchenhaften Welt meines Buches. Nach 38 Minuten ist die Straßenbahn an meiner Endhaltestelle angekommen.
Ich steige aus, eile zur Schule und erreiche unbeschadet den Klassenraum. Dort entschuldige ich mich für mein Zuspätkommen beim Lehrer und halte Ausschau nach einem freien Platz. Der Unterricht hat begonnen!

Robin Schicha beschrieb hier einen typischen Morgen seiner Schulzeit. Mehr über ihn könnt ihr auf www.robin-schicha.de erfahren.
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Ein Tag in meinem Leben – Katharina

Heute, 31. August 2014, war ein anstrengender Tag für mich, denn es war Landtagswahl in Sachsen und ich bin, wie seit 2009 bei jeder Wahl, die Wahlhelferin. Ich mag diese Tätigkeit sehr, man tut etwas Sinnvolles, an einem Tag, an dem man sowieso frei hat und bekommt auch noch Geld dafür. Auch wenn es vieles von den Interaktionen beinhaltet, die ich sonst nicht so gut beherrsche: Frühes Aufstehen, mit Fremden Augenkontakt halten, mit ihnen über eigentlich Unwichtiges reden und viel Hautkontakt beim Entgegennehmen der Wahlbenachrichtigungen. Doch dadurch, dass ich in diesem Wahllokal als Vorsteherin so gesehen „das Sagen“ habe, kann ich darüber hinwegsehen, denn alles ist unter meiner Kontrolle. Außerdem bin ich da ja routiniert.
Normalerweise bin ich allerdings Studentin. Ich liebe Geschichte, ich interessiere mich dafür, seit ich 4 Jahre alt war. Deswegen studiere ich es auch und es macht mir auch nach 3 Jahren immer noch großen Spaß.
Nun gibt es allerdings keinen typischen Tag bei mir: Ich habe keine feste Aufstehzeit, ich habe, bis auf das immer gleiche Frühstück, bestehend aus Toast mit Nuss Nugat Creme, keine Routinen. Jedes Semester bringt andere Vorlesungen mit anderen Zeiten. Die einzige Konstante wäre wohl, wenn ich nachmittags oder abends von der Uni nach Hause komme. Dann gehe ich erst einmal an den Rechner und melde mich bei Metrotwit an. Ich mag Twitter sehr gerne, dort habe ich meinen Freund kennen gelernt (er wohnt in Köln, es ist eine Fernbeziehung) und Twitter ist so gesehen mein bevorzugtes Tor zur Welt.
Dann gucke ich zunächst ein paar Youtube Videos, sogenannte „Let’s Plays“ von verschiedenen Youtubern, auf deutsch oder englisch. Dabei sehe ich mir auch regelmäßig bekannte Let’s Plays gern wieder an, das beruhigt mich sehr. Vermutlich, weil ich sonst eben eher wenig Routine habe. Serienjunkie bin ich dann auch noch, von so bekannten wie Game of Thrones und Breaking Bad, aber auch (leider) eher unbekannteren wie The Wire und Bates Motel. Ich hatte dank Proxy bereits einen Netflix Account, bevor es nach Deutschland kam. Währenddessen spiel ich auch etwas, Sims oder Fallout oder sowas. Ich hab einen PC und ein Subnotebook, das ich dann vor mir aufstelle. Multitasking fiel mir schon immer leicht.
Schließlich gehe ich dann ins Bett und lese vielleicht noch etwas. Da ich für das Studium viel lesen muss, kriege ich es an einigen Tagen aber auch nicht hin oder lese dann eben fachbezogenes. Generell gefällt mir mein momentanes Leben sehr gut und ich erlebe persönlich eigentlich gar keine Störungen im Bezug auf meine „Störung“.

Mehr zu lesen von Katharina gibt es auf Twitter:
Semilocon
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