Reaktion eines manchmal Beleidigten

Debattenkultur: Ein Volk der Beleidigten

„Es gibt Dinge, die man aushalten muss. Und zwar ohne wenn und aber.“

Die Frage ist: Wer muss was aushalten?

Beispiel: Komiker/Journalist/Politiker etc. beleidigt Autisten, ob nun mit Absicht oder nicht. Autisten sagen ihm dazu ihre Meinung. Niemand verbietet dem Komiker/Journalisten/Politiker etc. den blöden Autistengag/die bescheuerte Metapher etc., die Autisten halten das also aus (immer und immer wieder, nahezu täglich) – aber kritisieren ihn. Und der Komiker/Journalist/Politiker etc. muss dann halt auch mal die Kritik, die ja kein Verbot ist, sondern eben eine Kritik, aushalten.
Oder muss immer der, auf den nach unten getreten wurde, aushalten?
Bedeutet aushalten wirklich, dass man alles still zu ertragen hat und sich nicht zu Wort melden darf?
Bedeutet Kritik tatsächlich eine Bedrohung der Kunst- und Meinungsfreiheit?

„Ideologien, Weltanschauungen und politische Überzeugungen aber sind keine Individuen. Sie sind geistige Angebote, die man befürworten oder ablehnen kann. Und zwar genauso harsch und ätzend wie man es möchte.“

Und genauso harsch und ätzend wie man will darf man auch Kritik üben und entsprechend wiederum seine Anschauung zurückgeben.
Nicht?
Darf immer nur einer was sagen und dann darf es keine Reaktion mehr geben, zumindest keine negative, keinen Widerspruch?
Und sind es wirklich immer nur Ideologien, Weltanschauungen und politische Überzeugungen? Sind es nicht ab und an tatsächlich reichlich beleidigende Inhalte, um die es geht?

Und auch das ist noch ein interessanter Faktor:

Denn oft sind es inzwischen die Kritisierten, die sich dann schmollend der Debatte entziehen.
Ich könnte mal diejenigen zählen, die mich blockten, statt in den Diskurs zu gehen, weil ich kritisierte, dass sie mit einer Autismus-Metapher Autisten schaden.
Angefangen bei

Bis hin zu

Kurz gesagt:
Ich finde den ganzen, langen Artikel deutlich zu kurz gegriffen und total schief.

Dabei finde ich den Kinski-Ausspruch „Wer mich beleidigt, entscheide ich“ durchaus wunderbar für den eigenen Selbstwert.
Allein die Schlüsse, die Simon Urban daraus zieht, empfinde ich als schief, Dinge vermischend, die nicht vermischt gehören, und den Unterschied des nach oben oder nach unten Tretens völlig ignorierend.

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Amoklauf in München

Amoklauf in München.
Gestern Mittag twitterte ich:

Und dann kam das:
Tagesschau: Interview mit Kriminologin Bannenberg zu Amokläufern – „Einzelgänger ohne Empathie“

Ich zitiere:

„Man sieht, dass es sich um eine bestimmte Persönlichkeitsstörung im Grunde handelt. Das sind Einzelgänger, die sich sehr fremd fühlen, die sonderbar wirken auf ihre Mitschüler, auf ihre Umgebung und die sehr narzisstisch sind, das heißt sehr egoistisch, sehr ich-zentriert ohne Empathie für andere, die schwer Kontakt bekommen.“

Was narzisstisch exakt bedeutet im pathologischen Sinne, hat Frau Bannenberg nicht verstanden. Pathologischer Narzissmus passt zum Beispiel nicht zu Kontaktschwierigkeiten.
Der Rest ist eine schöne (Klischee-)Beschreibung von Autismus. Wundert mich, dass sie das Wort nicht genannt hat.
(Dazu noch meine Anmerkung, dass Autismus in der ICD nicht unter den Persönlichkeitsstörungen einsortiert steht!)

Einen Tag darauf, also heute, haben wir dann den Salat. Ein Wochenblatt sieht sich bemüßigt, ein Autismus-Gerücht einer unbestätigten Mitschülerin des Amokläufers zu verbreiten:

Amoklauf – Mitschülerin behauptet: Der Münchener Amokläufer war Autist und wurde gemobbt

Depressionen und ADHS sind in anderen Medien der Amok-Teufel.
Und natürlich Killerspiele. Immer wieder Killerspiele.
Auch nicht besser.

Dennoch kommt kein Amoklauf mehr ohne sein persönliches Autismus-Gerücht aus. Wo kämen wir denn da hin?
So eine schöne Tradition seit 2012, Newtown.
Damals schrieb ich dies:
Ich töte keine Menschen!
Und 2014 dies:
Autism Is Not A Crime
Was ist dran am autistischen Amokläufer?
Und heute, also gerade jetzt, bin ich einfach nur noch frustriert.

Idee:
Ausgeübte Gewalt mit einer ganz eigenen F-Nummerngruppe in der ICD als „psychisch krank“ eingliedern und den ganzen Rest, der jetzt schon drinsteht, als friedliche Störungen oder Normabweichungen separat stellen.
Dann kann die Presse sich bei jeder Gewalttat völlig unbehelligt bezüglich psychischer Krankheit auslassen, ohne dass friedfertige Menschen als gewalttätig diskriminiert werden.
Gewalttätigkeit fällt dann überall raus und ist eine ganz eigene Kategorie.

Und jetzt ess ich weiter Himbeeren.
Vielleicht spiele ich auch eine Runde FarCry 3. Denn ja, ich bin nicht nur Autist, ich spiele ab und an sogar Ego-Shooter. Hammer, bin ich gefährlich. *frustriert seufz*
Der Tag kann mich mal.

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Autismus, Autist, Spektrum, Aspie, ja watt denn nu?

Man kann viel schreiben über den Sprachgebrauch bezüglich Autismus.
Ich habe das auch schon mal getan bezüglich Person-First- vs. Identity-First-Language, damals noch ohne diese Begriffe überhaupt zu kennen: Mensch mit Autismus.
Man findet dazu über Google auch einige Texte, vorwiegend allerdings auf Englisch – mir fehlt einfach ein knackiger deutscher Begriff dafür.

Heute will ich das Thema allerdings auch gar nicht zerpflücken, ja nicht mal groß was dazu erklären.
Ich liste heute einfach mal auf, was ich mag und was nicht (der Einfachheit halber männliche Form, ist auf alle anderen Formen natürlich übertragbar):

Ich mag:
Er ist Autist.

Ich finde ok:
Er ist autistisch.
Er ist Asperger-Autist/Kanner-Autist. (Wobei ich die Unterteilung als obsolet ansehe, aber nun denn, kann ich mit leben, wenn es so geschrieben steht ohne Wertung.)
Er ist im Autismus-Spektrum.

Ich finde doof:
Er hat Autismus.
Er hat (das) Asperger-Syndrom.
Er hat (eine) Autismus-Spektrum-Störung.

Ich finde unerträglich:
Er ist ein Mensch mit Autismus.
Er hat ein Asperger-Syndrom.
Er hat Autismus-Spektrum. (Ernsthaft schon so gelesen.)
Er ist Asperger-Patient.
Er ist Asper-Autist. (Auch schon ernsthaft so gelesen.)
Er ist Aspie.

Auch einfach nur Quark (Dank an die Kommentatoren):
Er leidet an Autismus/Asperger-Syndrom etc. <– Ob ein Autist leidet, entscheidet nur er selbst.
Er ist an Autismus/Asperger-Syndrom etc. erkrankt. <– Autismus ist angeboren, niemand erkrankt plötzlich daran.

Dann noch ein bisschen Rechtschreibung:
Korrekt: Autist, autistisch, Autismus
Falsch: Authist, authistisch, Authismus, Autismuss

Korrekt: Asperger-Syndrom, Asperger-Autismus, Kanner-Autismus
Falsch: Asperger Syndrom, Asperger Autismus, Kanner Autismus

Korrekt: Autismus-Spektrum, Autismus-Spektrum-Störung
Falsch: Autismus Spektrum, Autismus Spektrum Störung

Korrekt: Asperger
Falsch: Asberger, Assberger, Assperger

Kurz noch zu Aspie:
Wenn sich jemand selbst so nennt, völlig ok. Aber bitte benutzt solche Verniedlichungsformen nicht als Fremdbezeichnung für andere!

Update
22.07.2016
Heute den unfassbar dämlichen Ausdruck „Asperger-Kandidat“ gelesen.
Was der Menschheit wohl noch für Bullshit-Begriffe einfallen werden …

Komplett vergessen hatte ich den unsäglichen Ausdruck „autistische Züge“ (ab Minute 04:00).
Vor allem ist es so, dass der Begriff in keiner Weise einheitlich benutzt wird.
Mal ist gemeint, dass jemand einen Verdacht auf Autismus bei demjenigen hat, demgegenüber er von autistischen Zügen redet. Mal ist gemeint, dass derjenige „nur ganz leichten Autismus“ habe. Und dann wieder ist gemeint, dass derjenige Symptome aufweist, die auch bei Autismus auftreten, bei ihm aber durch etwas anderes ausgelöst sind. Oder es ist gemeint, dass die Person gar im „Normbereich“ liege, aber irgendwas an autistischen Symptomen an sich wiedererkennt.
Das ist alles irgendwie nur Bullshit. Zumal durch die unterschiedliche Verwendung des Begriffs, durch diese Schwammigkeit, ohnehin keiner weiß, was nun gerade gemeint ist, ohne dass man das noch mal ausdiskutieren müsste.

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Ein Tag in meinem Leben – Ute

Ein Morgen genügt vollauf, denn den zu bewältigen, ist anstrengend genug. Einen ganzen meiner bis auf die letzte Sekunde durchstrukturierten und im Voraus exakt geplanten Tage zu beschreiben, würde ganze Bände füllen. Zumal meine Pläne und Zeitrahmen immer wieder durchkreuzt werden, sodass ich schnellstmöglich umstrukturieren und neu planen muss, um den Überblick und den Hut aufzubehalten und nicht überzulaufen und aus der Fassung zu geraten, was – im Bemühen, genau dies zu vermeiden – unglaublich viel Energie kostet. Aber manchmal gibt es Morgende, die laufen, als würden sie einem für mich persönlich gestalteten Bilderbuch entstammen. Selten genug, aber es gibt sie.

05:15 Uhr. Handyalarm klingelt. Auf die Sekunde pünktlich. Wie ausnahmslos jeden Morgen. Klingelt vielleicht o,5 Sekunden lang. Dann habe ich ihn stillgelegt. Springe auf. Stelle dabei fest, dass Kind Nr. 3 sich mal wieder nachts ins Schlafzimmer geschlichen hat. Mist. Das heißt, ich muss die Schlafzimmertür schließen, um Kind Nr. 3 nicht durch meine morgendlichen Aktivitäten zu wecken. Die geschlossene Tür wiederum stört mein optisches Empfinden massiv. OK, nicht zu ändern, die Alternative wäre ein mäanderndes Kind Nr. 3, Tür zu, Blick den Flur entlang. Alles klar, keine Gefahr, Kind Nr. 1 und Kind Nr. 2 haben ihre Zimmertüren geschlossen. Was ist das denn? Das Licht im Bad brennt? Wieso, ist da jemand? Blick um die Ecke. Nein, niemand. Licht aus. Mist, mindestens 15 Sekunden sinnlos vertrödelt. Treppe runter. Blick ins Wohnzimmer – Hund auf seinem angestammten Platz? Ja, alles im Lot. OK, weiter ins Bad. T-Shirt, Hose, Socken an. Ab in die Küche. 4 Löffel Kaffee in die am Vorabend vorbereitete Maschine, anstellen. Trinknapf ausspülen, neu befüllen. Fressnapf vorbereiten. Echse füttern. Kaffeefilter entsorgen. Arbeitsplatte abwischen. Notieren, was der Hund zu fressen bekommen wird. Zurück ins Bad. Wetter-App checken, Fenster öffnen, gegenchecken. Schuhe an, Jacke an, Basecap auf – kalt, Regen. Hundeleine, Kacketütenbeutel schnappen, Hund rufen, Haustür auf, Gartentor auf, beides wieder zu. Uhrzeit checken. OK, alles plangemäß – 05:30 Uhr. Morgengassirunde antreten. Dabei mindestens 20 Vaterunser murmeln, dass uns nicht wieder ein Fuchs, ein Hase oder ein wildgewordener rasender Radfahrer über den Weg „läuft“ und den Hund zur Aktivierung seines Jagdtriebes animiert. Schnauf, alles gut gegangen. 06:05 Uhr – Gartentor und Haustür auf, Hund einlassen, Tor und Tür wieder schließen, Jacke aus, Schuhe aus, Leine weghängen. Hund füttern. Ab ins Bad. Klamotten aus, Joggingklamotten an. Zähne putzen. Beten, dass kein Kind vor der Zeit wach wird und durchs Haus schreit. 06:15 Uhr – Tür auf, Tor auf, Schlüssel einstecken, bloß raus hier, bevor irgendjemand muckt. Geschafft. Keinerlei Feindkontakt zu Tagesbeginn. Der Tag könnte richtig gut werden. Tief durch- und aufatmen. Und los, ab in den Wald … 07:00 Uhr – Schlüssel rausholen, Tor auf, Tür auf, leise ins Haus huschen und hoffen, dass der Schulbus Kind Nr. 1 und Kind Nr. 2 bereits eingesammelt hat. Schnauf, schon wieder Glück gehabt. Was für ein Tag. Möge es ihnen heute in der Schule gefallen. „Mama, hier bin ich, hier oben!“ OK, nur noch Kind Nr. 3, das kriegen wir locker hin. „Ja, Spatz, alles klar?“ „Jaha!“ Prima, keine Intervention erforderlich, dann ab mit mir ins Bad. Duschen, Haare waschen, anziehen. Inhalt des Rucksacks checken – alles Erforderliche drin? Jepp, der Tag wird immer besser. „Tschüss, mein Spatz, hab viel Spaß heute. Hab Dich lieb und denk an Dich!“ „Hab Dich auch lieb, Mama! Wer geht mit mir heute zum Sport?“ „Papa, mein Hase.“ „Ach so, alles klar. Tschüss, Mama!“ 07:55 Uhr, zum letzten Mal für die nächsten 11 bis 12 Stunden: Tür auf, Tor auf, beides wieder schließen, Schlüssel einstecken, Rucksack schließen und ab zum Bahnhof. Augen und Ohren abschotten, abgesehen von der Verkehrssituation auf dem Weg zu Bahnhof möchte ich bitte nicht behelligt werden, am allerwenigsten möchte ich von kontaktsuchenden Nachbarn angequatscht werden. Erneut ein Volltreffer. Was für ein Tag, was für ein wunderbarer Tag! Kindle rausholen, Kopf runter, Nase im kindle versenken, lesend auf den Zug warten. 08:14 Uhr – Zug fährt ein. Ein weiterer Hit an diesem traumhaften Morgen, der Zug ist auf die Minute pünktlich. Einsteigen, hinsetzen. 19 Minuten später – aufstehen, aussteigen, ins Büro laufen. Dabei die linke Straßenseite benutzen, dort laufen die allerwenigsten Kollegen lang. Aus irgendeinem Grund benutzen die meisten die rechte Straßenseite. Dabei ist es dort voll öde, unverstellter Baustellenblick inklusive. Außerdem sind die Büros auf der linken Seite, irgendwann müssen sie die Straße doch ohnehin überqueren. Egal, diese Angewohnheit kommt mir entgegen. Wie meistens, so schaffe ich es auch diesen Morgen unbehelligt in mein Büro. PC hochfahren, Rufumleitung aufs Vorzimmer aktivieren, Tür zu, Fenster auf, Platz einnehmen. Der Arbeitstag kann beginnen …

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Offener Brief an Mimikama

Diesen Brief schrieben die Unterzeichnenden an Mimikama als Reaktion auf diesen Artikel:
„Kettenbrief: „Kind mit Autismus vom Schulausflug ausgeschlossen“ – Eine Betrachtung“
Daraufhin wurde der Text dort minimal geändert. Soweit wir das sehen, wurde nur am Ende der Absatz gekürzt, in dem zu lesen stand, dass Ausgrenzung niemanden zerbrechen würde, sondern stark machte.
Uns ist das nicht genug. Daher möchten wir den Brief jetzt zu einem offenen Brief machen:
(Unten gibt es ein Update.)

Hallo Mimikama-Team, hallo Ralf,

wir sind zumeist langzeitige Leser von Mimikama und freuen uns immer wieder über die gute, sachkundige Arbeit, die Ihr leistet. Umso erschütterter waren wir über den Artikel „Kettenbrief: „Kind mit Autismus vom Schulausflug ausgeschlossen“ – Eine Betrachtung“, dem eben jene Sachkunde fehlt und der Mobbing und strukturelle Ausgrenzung in fahrlässiger Weise verharmlost.

Das beginnt mit einer Betrachtung von Inklusion, die Mimikama-Autor Ralf anscheinend für ein ganz nettes Gadget hält, das man anwendet, wenn genug Zeit und Kapazität zur Verfügung steht. Ein ‚Nice to have‘, ein Luxusgut, aber nicht unbedingt nötig. Er irrt.

Inklusion ist ein Menschenrecht.

Österreich hat, wie auch Deutschland, die UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet und dieses Menschenrecht anerkannt. Inklusion ist kein Gnadenakt, kein Geschenk, keine Nettigkeit, die gewährt wird, wenn man gerade genug Zeit und Mittel übrig hat. Inklusion ist ein Menschenrecht, dessen Grundlagen geschaffen werden müssen, wenn sie nicht bereits vorhanden sind.

Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Sonst könnte man auch argumentieren, dass Verhöre ohne die Anwendung von Folter viel zu mühsam sind und man den Polizisten diesen Extraaufwand nicht zumuten kann. Man kann.

Das bedeutet, wenn den Lehrern die Betreuung eines autistischen Kindes auf der Klassenfahrt zu mühselig ist, dass u. a. die Schule sich frühzeitig um eine fachkundige Begleitung kümmern muss. Die Teilnahme an einer Schulveranstaltung wie einer Klassenfahrt ist das Recht eines jeden Kindes, auch eines Autisten. Die institutionelle Ausgrenzung greift hier übrigens schon viel früher und nicht erst bei ’schwer‘ behinderten Kindern wie Autisten. Auch Kindern, die regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, wie Diabetikern und Epileptikern, wird die Teilnahme an Klassenfahrten und anderen Aktivitäten von den Schulen schwer gemacht oder versagt.

Der Lerneffekt für die Mitschüler ist ebenfalls wichtig und darf nicht außer Acht gelassen werden. Inklusion endet nicht mit Beendigung der Schulzeit. Genauso, wie eine Schulklasse darauf achten kann, dass das Ausflugsziel rollstuhlgerecht ist, so kann sie sich gemeinschaftlich darüber Gedanken machen, wie man einen Ausflug/eine Klassenfahrt für alle (auch für den Autisten) möglich macht.

Ziel funktionierender Inklusion ist es, Barrieren in den Köpfen zu beseitigen und nicht, neue zu errichten.

Es ist nicht ‚besser‘ für den Autisten, wenn man ihm den Stress einer Klassenfahrt erspart.

Der Autor argumentiert hier mit dem, was Behindertenrechtsaktivisten die ‚Schonraumfalle‘ nennen, nach der die Versorgung behinderter Menschen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland funktionierte. Dass es besser für sie wäre, in Förderschulen und Heimen untergebracht und von der harten Realität isoliert zu werden. Das ist schlicht und ergreifend Diskriminierung und Behindertenfeindlichkeit im Schafspelz der Nächstenliebe und Fürsorge.

Auch ein autistisches Kind hat das Recht, typische Erfahrungen zu machen, wie sich zum ersten Mal ein paar Tage von den behütenden Eltern abzunabeln und ein (positives) Gruppenerlebnis zu haben. Denn auch die Diskriminierung und Ausgrenzung autistischer Kinder im Klassenverband ist kein Schicksal, sondern Folge fehlenden Willens zur Inklusion und fehlenden konsequenten Vorgehens gegen Mobbing und Ausgrenzung von Seiten der Schule und Lehrer.

Klassenfahrten und Ausflüge stärken den Klassenverband. Nimmt ein Autist nicht an einer Klassenfahrt teil, stellt ihn das nur noch mehr an den Rand der Gruppe.

Der einzig ausschlaggebende Punkt bei der Entscheidung, ob ein autistisches Kind an einer Klassenfahrt teilnimmt oder nicht, sollte der Wille des Kindes sein. (Das bedeutet aber auch, ein autistisches Kind sollte nicht ‚zu seinem Besten‘ zur Teilnahme an Klassenaktivitäten gezwungen werden, wenn es sich davon überfordert fühlt.)

Ausgrenzungserfahrungen machen nicht stärker. Sie töten.

Der vielleicht schlimmste Teil des Artikels ist der Schluss, der Ausgrenzungserfahrungen bagatellisiert und romantisiert. Dass es ’niemanden gibt, der nicht irgendwo mal ausgegrenzt wurde‘, rechtfertigt nicht, es mit institutioneller Ausgrenzung und Diskriminierung zu vergleichen, wie sie alle behinderten Menschen und eben auch Autisten erfahren. Hier geht es nicht um ‚mal gehänselt‘ zu werden, sondern um tägliche, strukturelle Benachteiligung und Ausgrenzung in allen Lebensbereichen. Das beginnt zur Zeit der Diagnose mit Kommentaren von Angehörigen des medizinischen Fachpersonals wie ‚eher Tier als Mensch‘ über die Verweigerung von Bildungschancen und reicht bis hin zu Mord. Autisten weltweit begehen nicht ohne Grund jährlich den „Day of Mourning“, an dem autistischer Menschen gedacht wird, die von Eltern oder anderen für ihr Wohlergehen verantwortlichen Menschen ermordet wurden. Ein anderes großes Thema in der autistischen Gemeinschaft ist ‚Bullycide‘, also Selbstmord autistischer Menschen als Folge von Bullying/Mobbing. Autistische Menschen, deren IQ im Durchschnitt oder höher liegt, haben ein 2 1/2-fach höheres Selbstmordrisiko als die Durchschnittsbevölkerung (Bölte et al., 2015). Ausgrenzung zu verniedlichen und gar als charakterbildend zu verharmlosen, ist ein Schlag ins Gesicht all der Autisten, die getötet wurden, sich selbst getötet haben oder die an den typischen Folgeerkrankungen von Diskriminierung wie Depressionen, PTBS oder sonstigen Angst- und Panikstörungen leiden.

Um die übliche Mimikama-Qualität zu halten, sollte dieser Artikel entweder gelöscht oder grundlegend überarbeitet werden.

Max „fotobus“ Neumann (Autist)
butterblumenland (Angehörige eines Autisten)
Mela Eckenfels (Autistin)
„gedankenkarrussel“ (Autistin)
„laviolaine“ (Autistin)
@AnitaWorks9698 (Mutter autistischer Kinder)
Benjamin Falk (Autist)
Beatrix Schweigert – Innerwelt (Autistin und Angehörige von Autisten)
Michaela Mentzel (Mutter einer Autistin)

Update 23.06.2016 14:13 Uhr:

Wir finden das Angebot fair und überlegen an einer Lösung.

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Inklusion und Technik

Inklusion bedeutet, jeder Mensch ist mittendrin statt nur dabei, so wie er ist.
Er darf Hilfsmittel benutzen, muss er aber nicht.

Inklusion ist unabhängig davon, ob jemand, dem ein Bein fehlt, nun einen Rollstuhl nutzt und daher entsprechend stufenfreie Wege benötigt, oder ob er eine Prothese trägt, welcher Qualität auch immer, und eine Treppe benutzen kann.
Inklusion ist unabhängig davon, ob jemand, der keine verbale Sprache verwenden kann, einen Talker benutzt oder Gebärdensprache, also ob er einen Dolmetscher braucht oder nicht.
Inklusion ist unabhängig davon, ob ein Gehörloser sich für ein CI (Cochlea-Implantat) entschieden hat und damit auch gut zurechtkommt oder eben nicht.
Und so weiter und so fort.

Ob und welche Hilfsmittel ein Mensch nutzt, ist also einerseits ihm überlassen, andererseits aber auch oftmals abhängig von den Bewilligungen und Geldern von Ämtern und Krankenkassen.
Inklusion aber inkludiert jeden Menschen, auch den, der all diese Technik eben nicht benutzt, egal aus welchen Gründen. Das ist der Gedanke der Inklusion.

Und jetzt erklär mir mal einer (nein, bitte nicht, das ist rhetorisch gemeint), warum nun so viele Menschen das Aktion-Mensch-Video über die schweineteuren Hilfsmittel, die nur wenige Behinderte sich leisten können und/oder bewilligt bekommen, als ach so toll in Bezug auf Inklusion finden. Zum Beispiel mit Worten wie: „Dieses Video der @aktion_mensch zeigt sehr gut, wie neue #Technologien die #Inklusion revolutionieren können.“

Nein. Dieses Video zeigt, welche Hilfsmittel es schon gibt. Es zeigt nicht, ob Paul oder Miriam sie auch nutzen möchten. Es zeigt nicht, dass Lars mit einer Prothese schlechter zurechtkommt als mit dem Rollstuhl. Es zeigt nicht, dass Sabine sich keinen Mundjoystick leisten kann und ihn auch nicht bewilligt bekommt.
Und es kann nicht zeigen, dass Technik der tolle Inklusionsmeister ist. Denn das ist es nicht, was Inklusion bedeutet, auch wenn diese Hilfsmittel einzelnen Personen, die sie benutzen möchten und können, helfen können, an verschiedenen Lebensbereichen teilzuhaben.

Inklusion aber bedeutet, dass auch jene, die solche Hilfsmittel nicht nutzen können oder wollen, mittendrin statt nur dabei sind. Jeder Mensch eben. So wie er ist.

Fazit:
Ich habe nichts dagegen, dass es technische Hilfsmittel gibt, und bin sehr dafür, dass viel mehr Menschen Zugang zu Hilfsmitteln, die zu ihnen individuell passen, erlangen können. Und auch Zugang zu Infos, was es alles gibt und womit sie sich helfen können. Ich halte es allerdings für falsch, diese technischen Hilfsmittel als Inklusion zu hypen und somit den Inklusionsgedanken wieder auf die Behinderten abzuwälzen, die sich ja mit besseren Hilfsmitteln doch bitte mindestens mal ordentlich daran zu beteiligen haben, dass man sie überhaupt inkludieren könne.
„Pass dich an, damit du bei mir reinpasst“ ist halt eben genau keine Inklusion.

Also: Nutzt Hilfsmittel, informiert euch, was euch alles helfen kann, beantragt, was finanzierbar ist. Werdet so selbständig und unabhängig, wie ihr wollt und es (technisch) möglich ist und der Staat es zulässt.
Aber geht nicht davon aus, dass jeder Mensch jedes Hilfsmittel auch benutzen kann oder will, und denkt daran, dass der Inklusionsgedanke an sich davon unabhängig ist.

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Linker-Fuß-Mensch

Stell dir einfach mal vor, es ginge um Menschen, die einen linken Fuß haben.
Also auch um dich.

Du musst in Linker-Fuß-Werkstätten arbeiten, nicht mit normalen Menschen ohne linken Fuß zusammen. In Linker-Fuß-Schulen musstest du gehen als Kind. Spielen wollte mit dir ohnehin kaum ein Kind, sie zeigten auf deinen linken Fuß und lachten.

Wenn es um deine Rechte geht, redest nicht du, sondern nur Leute ohne linken Fuß reden und entscheiden für dich. Und selbst wenn du es tust, hört dir niemand zu, nimmt dich niemand ernst.
Du darfst weniger Geld sparen, so gut wie nichts, deinem Partner wird sein Geld auch gleich weggenommen, auch wenn er keinen linken Fuß hat, einfach weil er dein Partner ist. Als ob es nicht auch ohne diese finanzielle Belastung schon schwierig genug wäre, einen Partner zu finden. Denn viele Menschen wollen keinen Partner mit linkem Fuß. Einfach so, weil ein linker Fuß nicht normal ist.

In Therapien sollst du lernen, so zu wirken, als hättest du keinen linken Fuß. Fall gefälligst nicht so auf! Solche Therapien, in denen du 40 Stunden die Woche schon als Kind lernen sollst, dass dein linker Fuß falsch ist in der Welt, lernen sollst, ihn gefälligst nicht zu benutzen, weil es unnormal ist, werden von Organisationen gefördert, die sich angeblich für Linker-Fuß-Menschen einsetzen.

Dein Selbstwert wird kleingehalten, deine finanziellen Möglichkeiten werden kleingehalten, dein Leben wird kleingehalten. Blöder Linker-Fuß-Mensch, du!

Wie fühlst du dich jetzt?


Worum es geht:
An Aktion Mensch, eine Gegendarstellung.
Was ist ABA und warum ist es schlecht.
Warum wir Hilfe brauchen gegen die Aktion Mensch.
Warum warum gefragt werden muss.

Warum das geplante Bundesteilhabegesetz nicht mein Gesetz ist.
Menschen, die „Nicht mein Gesetz“ rufen.

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