Begegnungen

Und da starrt sie mich an, die weiße Seite. Der Abgabetermin für die Blogger-Themen-Tage #EinfachSein rückt erstaunlich nah an mich ran, bedrängt mich. Und die Seite ist weiß und starrt mich an.

Worüber soll ich bloggen? Über mich, meinen Autismus? Über den behinderten Sohn einer befreundeten Familie und wie er laufen lernte? Über mein Erlebnis mit einem Kind mit Down-Syndrom an einem Tag der offenen Tür einer Schule für behinderte Kinder, das so herzlich war und mich nicht mehr loslassen wollte? Über meine Busfahrten zur Arbeitsstelle, die neben einer Behindertenwerkstatt war, und die Menschen, die mit mir im Bus zu dieser Werkstatt fuhren, wie sie darüber redeten, wann sie staubsaugen? Über die Frau mit Contergan, die auf einem Weihnachtsmarkt mit ihren Füßen eine Zigarette drehte, was ich nicht mal mit den Händen vernünftig kann? Über die stets mürrische Rollstuhlfahrerin, die mich anschnauzte, wo ich zu parken hätte oder nicht (und nein, ich benutzte keinen Behindertenparkplatz)? Über den gehörlosen Bruder eines Klassenkameraden und das Geld, das ihm zu einer Operation fehlte? Über den kleinwüchsigen Jungen an meiner Schule, für den jede Treppenstufe eine Hürde war? Über die entfernte Bekannte, die seit einem Unfall querschnittsgelähmt ist, aber es mit Freunden geschafft hat, wieder in ihrem Beruf zu arbeiten? Über den Freund, der schwer an Multipler Sklerose erkrankte und hoffentlich mit den neuen Medikamenten noch lange recht problemfrei leben kann?

Behinderte Menschen gibt es überall. Ich bin erstaunt, wie viele Begegnungen aus meinem Leben mir dazu einfallen. Und doch: Wann trifft man schon behinderte Menschen?
Manchmal habe ich das Gefühl, sie sind großteils irgendwo versteckt. Arbeiten in speziellen Werkstätten, gehen in spezielle Schulen, sind nicht integriert, nicht sichtbar, nicht greifbar und somit auch nicht verstehbar.
Wenn ich über diese Erlebnisse nachdenke, sehe ich so viel Normalität, Fähigkeiten, gute und schlechte Charaktereigenschaften genau so wie bei allen Menschen. Menschen einfach. Einfach nur Menschen. Jeder mit dem ein oder anderen Bedürfnis, der ein oder anderen Stelle, auf die man Rücksicht nehmen sollte. Und eben auch normal, so normal, dass ich auch nicht zurückscheue, einer mürrischen Rollstuhlfahrerin genauso Kontra zu geben wie Menschen, die ihre Beine als Fortbewegungsmittel verwenden können. So normal, dass es mir gar nicht unangenehm ist, von einem Kind mit Down-Syndrom umarmt zu werden, weil es das nicht aus Konvention sondern aus sich heraus tut.

Worauf will ich hinaus? Wo will ich mit meinem Text überhaupt hin?
Ich denke, an dieser Stelle lasse ich meine Leser einfach selbst weiterdenken. Über ihre eigenen Begegnungen.

Advertisements

6 Gedanken zu “Begegnungen

  1. Ja, Normalität wäre schön. In Deutschland ist alles gerne wegsortiert. Vor ein paar Jahren im Urlaub in Belgien, da war es völlig normal, dass am Strand, in den Restaurants allerlei Menschen waren, in Rollstühlen, mit spastischen Lähmungen, mit Down-Syndrom … Warum kann das hier nicht sein?

  2. Hi,
    kann deinen Gedankengang sehr nachvollziehen, mir ist es immer ein Rätsel, warum Menschen Menschen nicht einfach akzeptieren können wie sie sind!

    Liebe Grüße

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s