Mensch mit Autismus

Mensch mit Autismus. Was ist das eigentlich für eine Formulierung?
Ich mag sie nicht leiden. Egal wie sehr sie als politisch korrekt propagiert werden mag.
Ich bin Mensch. Und ich bin Autist. Das schließt sich schließlich nicht aus!

Wenn jemand „Mensch mit Autismus“ sagt oder schreibt, fühle ich mich diskriminiert. Dass ich ein Mensch bin, sollte auch so offensichtlich sein. Es ist doch bedauerlich, wenn jemand meint, er müsse das extra erwähnen. Das klingt wie „Der ist Autist, aber keine Angst, der ist trotzdem ein Mensch.“ Als wäre Autismus etwas Schlimmes, das man relativieren muss.

Zudem ist der Autismus nicht auf mich draufgepfropft. Ohne den Autismus wäre ich nicht ich. Er gehört zu mir dazu. Warum soll ich das nicht deutlich und vor allem auch einfach formulieren?
Ich bin Autist. Punkt.

Weiterhin sehe ich in diesen „politisch korrekten“ Formulierungen, die ja ach so modern sind, ein paar Probleme:
Einmal führen sie dazu, dass sich viele Menschen nicht mehr trauen, etwas zu formulieren. „Ohje, wie sage ich das jetzt, hinterher trete ich jemandem damit auf die Füße, mal überlegen, wie ich da geschickt drumrumreden kann. Ach nee, besser lasse ich es gleich ganz.“
Das hilft doch niemandem!

Das zweite Problem ist, dass diese „politisch korrekte“ Flucht vor Begriffen auch schlicht gar nichts hilft! Manche Worte werden von Teilen der Bevölkerung als Schimpfwort benutzt. „Ey, du Mongo/Spast/Autist, bist du behindert oder was?“
Das ist so. Das wird vermutlich auch so bleiben. Ja, und da kann man sich auch mit Recht drüber aufregen.
Aber was passiert, wenn man dann sagt, dass man diese Begriffe aus der Allgemeinsprache besser rausnimmt und neue, „politisch korrekte“ Begriffe sucht und propagiert? Früher oder später werden diese zum Schimpfwort. Und dann?
Wieder zurückweichen. Den Deppen die Wörter als Schimpfwörter überlassen, neue „politisch korrekte“ Worte erfinden.

Das ist eine Abwärtsspirale!
Man nennt es auch Euphemismus-Tretmühle.
Ich für meinen Teil bleibe einfach stehen. Ich bin Autist. Punkt.
Ich erkläre das, ich blogge darüber, ich versuche, es anderen Menschen näher zu bringen. Den Worten den Schrecken nehmen, den Deppen keinen Boden bieten. Nicht fliehen.

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8 Gedanken zu “Mensch mit Autismus

  1. Ja, genau. Sich nicht die Sprache von anderen diktieren lassen und formulieren was ist. Um Matthäus (via Luther) zu zitieren: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein; was darüber ist, das ist vom Übel.“ Eigentlich bin ich Agnostiker, aber das ist ein Satz, den man auch heute noch manchem um die Ohren dreschen sollte, der wegen vermuteter Empfindlichkeit des Publikums immer neue leere Worthülsen drechselt. Oder der mit missverstandenen und missverständlichen Fremdworten vernebelt was er sagen will.

  2. „Weiterhin sehe ich in diesen “politisch korrekten” Formulierungen, die ja ach so modern sind, ein paar Probleme:
    Einmal führen sie dazu, dass sich viele Menschen nicht mehr trauen, etwas zu formulieren.“

    Nun, dieses Problem wird aber nicht dadurch besser, dass nun von Seiten dieses Artikels klar gemacht wird: Wenn Du „Mensch mit Autismus“ sagst, fühle ich mich diskriminiert. Dadurch werde ich nämlich wieder verunsichert. Wenn man es entkomplizieren möchte, müsste man sagen: Solange aus dem Kontext Deiner Aussage klar wird, dass Du es respektvoll meinst, ist es mir egal, ob Du „Autist“ oder „Mensch mit Autismus“ sagst.

    Ich selbst bin kein Autist. Ich bin auch nicht in irgendeiner Form beeinträchtigt oder behindert. Ich arbeite aber mit Menschen, die davon betroffen sind. Und ich sage z.B. nie „Ich arbeite mit Behinderten“ sondern „Ich arbeite mit behinderten Menschen“. Nicht, weil ich das Menschlichsein hervorheben möchte. Auch nicht, weil ich denke, dass sich Behinderung und Menschsein ausschließt. Sondern weil ich nach meiner eigener Wahrnehmung gehe: Ich fände es schlicht und ergreifend nicht schön, wenn z.B. über mich gesagt werden würde: „Die Brillenträgerin da drüben kenne ich.“ Oder: „DIe Blonde da drüben ist ne Freundin von mir.“ Ich finde es weniger hart, wenn gesagt wird: „Die Frau dort drüben mit der Brille kenne ich.“ Dabei schließt sich auch Frau und Brillenträgerin nicht aus.

    Ich würde gerne eine neue Sichtweise einbringen: Wenn Menschen sagen „ein Mensch mit Autismus“ meinen sie damit, dass der Autismus EINE Facette des Menschen ist. genau wie die Tatsache, dass er vielleicht blond ist oder eine Brille trägt. Sagt man „der Autist“ tut man so, als wäre das DAS Merkmal, das diesen Menschen auszeichnet. Aber das stimmt ja nicht. Es ist ein Merkmal unter vielen.

    Und eine Sache noch: Ich respektiere es total, wenn diejenigen, die es selbst betrifft, sagen „Für mich ist das so okay“. Aber all diejenigen, die NICHT davon betroffen sind und respektvoll sein wollen, werden immer etwas stärker darauf achten, wie und was sie sagen. Ganz genauso, wie ICH in einer Männerrunde die Blondinenwitze mache. Deshalb sind wir aber nicht über-pc oder eingeschränkt in dem, was wir wie sagen dürfen.

    1. Ok, deinen Einstieg verstehe ich. Ändert nichts an meinem Gefühl, aber ich verstehe es.

      Im Weiteren geht es mir auch darum, wie man Autisten im Kontext Autismus benennt. Also, wenn es eben gerade um das Thema Autismus geht. Ansonsten darf man auch einfach Mensch zu mir sagen. Wenn es halt um das Thema Autismus geht, muss man aber ja nun irgendwie differenzieren zwischen Autisten und Nicht-Autisten. Wenn man da alle Mensch nennt, weiß niemand, worum es geht.
      In dem Moment geht es ja nun halt um den Autismus, nicht um eine Facette einer Person.
      Mal ganz davon abgesehen, dass ich ziemlich überzeugt davon bin, dass ich ohne den Autismus ein völlig anderer Mensch wäre, ich es also als durchaus etwas mehr als eine Facette empfinde, wie zum Beispiel Haarfarbe, Brille oder auch sogar einzelne Charaktereigenschaften.

      Zusatz:
      “Die Frau dort drüben mit der Brille kenne ich.”
      Da wird dann aber doch auch Frau gesagt, und nicht zum Beispiel Mensch mit Weiblichkeit.

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