Mit solchen Menschen hab ich eh voll Mitleid

Manchmal lese ich solche Sätze: „Mit solchen Menschen hab ich eh voll Mitleid.“, wenn es um Behinderungen allgemein oder um Autismus speziell geht. Wie fühle ich mich damit?
Egal wie gut es gemeint sein mag:

Mitleid entwertet mein Leben.

Mitleid empfinde ich als genau den falschen Umgang mit Behinderten. Von Mitleid kann ich mir nichts kaufen. Mitleid hilft mir nicht. Mitleid ist dieses Ding, das mir das Gefühl vermittelt, dass jemand meint, ohne sein Mitleid hätte ich gar nichts. Oder sogar weniger als gar nichts, nämlich einen Haufen miese Tage, die ich frecherweise auch noch „Leben“ nenne.
Ich bin Autist. Mir geht es gut. Und wenn es mir mal schlecht geht, dann brauche ich meist meine Ruhe, manchmal auch Gesprächspartner mit Lösungsansätzen oder zur Ablenkung. Aber sicher kein Mitleid.
Ich freue mich über Menschen, die mich als Mensch mit meinen Macken mögen. Ich freue mich über Menschen, die auch mal ein wenig Rücksicht auf meine Probleme nehmen. Meine Probleme sind teils eben auch autistische Probleme. Aber freut sich nicht jeder Mensch, wenn er etwas Rücksicht bei seinen Problemen, woher auch immer sie rühren, erfährt?
Das ist nicht autismusspezifisch, auch nicht behindertenspezifisch, das sollte eigentlich normaler Umgang miteinander sein.

Was ich nicht brauche, sind Menschen, die glauben, sie täten etwas Gutes, wenn sie sich mit mir befassen aus Mitleid. Mein Leben ist mehr wert. Ich bin mehr wert. Ich bin es wert, gemocht zu werden, weil ich ich bin. Und nicht, weil jemand mich so bedauerns- und bemitleidenswert findet.
Natürlich mag mich nicht jeder Mensch. Das muss auch nicht so sein. Das ist auch bei anderen Menschen nicht so. Nur wenn mich jemand mag oder mir bei irgendwas helfen will, oder auch nur über meine Behinderung schreiben will, dann doch bitte aus einer anderen Motivation als Mitleid.

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4 Gedanken zu “Mit solchen Menschen hab ich eh voll Mitleid

  1. Mitleid ist wie Verliebheit, Spaß oder Zorn eine Emotion, die auch irrationale Gründe haben kann. Und das macht sie, wie meine anderen Beispiele zu einem sehr fehleranfälligen Motiv.

  2. Das ist das Los von unsichtbaren „Behinderungen“ oder treffender ausgedrückt „Anderartigkeit gesellschaftlich nicht akzeptiert“. Gleichmacherei ist auch eine Form der Diskriminierung, weil sie den Wert des Individuums missachtet und es nach gemeinsamen Kriterien hin beurteilt und die Wertschätzung daraus entsteht. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn der Wert eines Menschen daraus entsteht, was er wirklich schaffen kann oder schon geschafft hat.
    Ich glaube nicht dass es in dieser Gesellschaft passieren kann, sondern erst in einer, in der die materiellen Grundbedürfnisse nicht mehr im Vordergrund stehen.
    Da gibt es den Kampf um den Job, gegen Hartz IV, um den Platzhirsch, das Gewinnen von Streitgesprächen, egal wie, die Überbewertung von Äußerlichkeiten. Letztlich entscheidet Sympathie oder Antipathie bei jeder Art von Selektion. Da Autisten bereits schon mit Markierung im „Regal“ liegen, werden sie dabei immer die ersten sein.

  3. Ich finde deine Einstellung sehr super und sehr selbstbewusst vorallem der satz „mein Leben ist mehr Wert“ finde ich große Klasse und du hast auch recht damit ich verstehe die Menschen einfach nicht die sich für obercool halten wenn sie für jemanden mitleid haben wo ne „Krankheit“ festgestellt wurde ach man kann sich da so sehr drüber aufregen aber man sollte es einfach nicht ;)

  4. Ich weiß, dass ich Jahre zu spät dran bin aber Mitleid im Umgang mit Menschen mit Behinderung ist ein immer aktuelles Thema denke ich. Mit dem Mitleid ist es wie mit dem Anstarren bei sichtbaren Behinderungen denke ich. Es ist genauso schlecht hinzustarren wie betont wegzuschauen.
    Ich arbeite in einer Schule für geistig und schwerstmehrfachbehinderte Kinder und Jugendliche. Und ja, ich habe Mitleid mit den Kindern. Mitleid wenn sie Bauchschmerzen haben, wenn sie aufgrund ihrer Behinderung von einer Sache ausgeschlossen werden die sie unheimlich gerne machen würden, wenn sie mal wieder lange Zeit im Krankenhaus liegen müssen… Aber ich habe kein Mitleid mit ihnen nur weil sie behindert sind. Die meisten Menschen können sich in ihrer eingeschränkten Sicht kein Bild davon machen, das auch Menschen mit Behinderung ein auf ihre Bedürfnisse angepasst normales Leben führen. Dass sie gute Tage haben und schlechte, genau wie jeder Mensch ohne Behinderung auch. Dass sie mal krank sind, mal traurig, mal glücklich. Dass man sie nicht bemitleiden muss für das Leben das sie führen. Sondern eher im Gegenteil: Du schreibst, dass du als Autistin Mitleid entwürdigend findest. Denn damit wird dein Leben automatisch auf eine andere Stufe gesetzt. Menschen die dir ihr Mitleid aussprechen gehen oft direkt davon aus, dass du selbst unzufrieden bist und sehen dein Leben als unwürdig an. Und genau das ist der falsche Weg.
    Mit dem Mitleid ist es so wie in allen andern Bereichen des Lebens: Es gibt keinen, aber auch wirklich garkeinen, Grund Menschen mit Behinderung in einem anderen Maße Respekt, Freundlichkeit, Verständnis und eben auch Mitleid entgegenzubringen als jedem anderen Menschen!

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