Inklusion und Technik

Inklusion bedeutet, jeder Mensch ist mittendrin statt nur dabei, so wie er ist.
Er darf Hilfsmittel benutzen, muss er aber nicht.

Inklusion ist unabhängig davon, ob jemand, dem ein Bein fehlt, nun einen Rollstuhl nutzt und daher entsprechend stufenfreie Wege benötigt, oder ob er eine Prothese trägt, welcher Qualität auch immer, und eine Treppe benutzen kann.
Inklusion ist unabhängig davon, ob jemand, der keine verbale Sprache verwenden kann, einen Talker benutzt oder Gebärdensprache, also ob er einen Dolmetscher braucht oder nicht.
Inklusion ist unabhängig davon, ob ein Gehörloser sich für ein CI (Cochlea-Implantat) entschieden hat und damit auch gut zurechtkommt oder eben nicht.
Und so weiter und so fort.

Ob und welche Hilfsmittel ein Mensch nutzt, ist also einerseits ihm überlassen, andererseits aber auch oftmals abhängig von den Bewilligungen und Geldern von Ämtern und Krankenkassen.
Inklusion aber inkludiert jeden Menschen, auch den, der all diese Technik eben nicht benutzt, egal aus welchen Gründen. Das ist der Gedanke der Inklusion.

Und jetzt erklär mir mal einer (nein, bitte nicht, das ist rhetorisch gemeint), warum nun so viele Menschen das Aktion-Mensch-Video über die schweineteuren Hilfsmittel, die nur wenige Behinderte sich leisten können und/oder bewilligt bekommen, als ach so toll in Bezug auf Inklusion finden. Zum Beispiel mit Worten wie: „Dieses Video der @aktion_mensch zeigt sehr gut, wie neue #Technologien die #Inklusion revolutionieren können.“

Nein. Dieses Video zeigt, welche Hilfsmittel es schon gibt. Es zeigt nicht, ob Paul oder Miriam sie auch nutzen möchten. Es zeigt nicht, dass Lars mit einer Prothese schlechter zurechtkommt als mit dem Rollstuhl. Es zeigt nicht, dass Sabine sich keinen Mundjoystick leisten kann und ihn auch nicht bewilligt bekommt.
Und es kann nicht zeigen, dass Technik der tolle Inklusionsmeister ist. Denn das ist es nicht, was Inklusion bedeutet, auch wenn diese Hilfsmittel einzelnen Personen, die sie benutzen möchten und können, helfen können, an verschiedenen Lebensbereichen teilzuhaben.

Inklusion aber bedeutet, dass auch jene, die solche Hilfsmittel nicht nutzen können oder wollen, mittendrin statt nur dabei sind. Jeder Mensch eben. So wie er ist.

Fazit:
Ich habe nichts dagegen, dass es technische Hilfsmittel gibt, und bin sehr dafür, dass viel mehr Menschen Zugang zu Hilfsmitteln, die zu ihnen individuell passen, erlangen können. Und auch Zugang zu Infos, was es alles gibt und womit sie sich helfen können. Ich halte es allerdings für falsch, diese technischen Hilfsmittel als Inklusion zu hypen und somit den Inklusionsgedanken wieder auf die Behinderten abzuwälzen, die sich ja mit besseren Hilfsmitteln doch bitte mindestens mal ordentlich daran zu beteiligen haben, dass man sie überhaupt inkludieren könne.
„Pass dich an, damit du bei mir reinpasst“ ist halt eben genau keine Inklusion.

Also: Nutzt Hilfsmittel, informiert euch, was euch alles helfen kann, beantragt, was finanzierbar ist. Werdet so selbständig und unabhängig, wie ihr wollt und es (technisch) möglich ist und der Staat es zulässt.
Aber geht nicht davon aus, dass jeder Mensch jedes Hilfsmittel auch benutzen kann oder will, und denkt daran, dass der Inklusionsgedanke an sich davon unabhängig ist.

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