Offener Brief an Mimikama

Diesen Brief schrieben die Unterzeichnenden an Mimikama als Reaktion auf diesen Artikel:
„Kettenbrief: „Kind mit Autismus vom Schulausflug ausgeschlossen“ – Eine Betrachtung“
Daraufhin wurde der Text dort minimal geändert. Soweit wir das sehen, wurde nur am Ende der Absatz gekürzt, in dem zu lesen stand, dass Ausgrenzung niemanden zerbrechen würde, sondern stark machte.
Uns ist das nicht genug. Daher möchten wir den Brief jetzt zu einem offenen Brief machen:
(Unten gibt es ein Update.)

Hallo Mimikama-Team, hallo Ralf,

wir sind zumeist langzeitige Leser von Mimikama und freuen uns immer wieder über die gute, sachkundige Arbeit, die Ihr leistet. Umso erschütterter waren wir über den Artikel „Kettenbrief: „Kind mit Autismus vom Schulausflug ausgeschlossen“ – Eine Betrachtung“, dem eben jene Sachkunde fehlt und der Mobbing und strukturelle Ausgrenzung in fahrlässiger Weise verharmlost.

Das beginnt mit einer Betrachtung von Inklusion, die Mimikama-Autor Ralf anscheinend für ein ganz nettes Gadget hält, das man anwendet, wenn genug Zeit und Kapazität zur Verfügung steht. Ein ‚Nice to have‘, ein Luxusgut, aber nicht unbedingt nötig. Er irrt.

Inklusion ist ein Menschenrecht.

Österreich hat, wie auch Deutschland, die UN-Konvention der Rechte von Menschen mit Behinderungen unterzeichnet und dieses Menschenrecht anerkannt. Inklusion ist kein Gnadenakt, kein Geschenk, keine Nettigkeit, die gewährt wird, wenn man gerade genug Zeit und Mittel übrig hat. Inklusion ist ein Menschenrecht, dessen Grundlagen geschaffen werden müssen, wenn sie nicht bereits vorhanden sind.

Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Sonst könnte man auch argumentieren, dass Verhöre ohne die Anwendung von Folter viel zu mühsam sind und man den Polizisten diesen Extraaufwand nicht zumuten kann. Man kann.

Das bedeutet, wenn den Lehrern die Betreuung eines autistischen Kindes auf der Klassenfahrt zu mühselig ist, dass u. a. die Schule sich frühzeitig um eine fachkundige Begleitung kümmern muss. Die Teilnahme an einer Schulveranstaltung wie einer Klassenfahrt ist das Recht eines jeden Kindes, auch eines Autisten. Die institutionelle Ausgrenzung greift hier übrigens schon viel früher und nicht erst bei ’schwer‘ behinderten Kindern wie Autisten. Auch Kindern, die regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, wie Diabetikern und Epileptikern, wird die Teilnahme an Klassenfahrten und anderen Aktivitäten von den Schulen schwer gemacht oder versagt.

Der Lerneffekt für die Mitschüler ist ebenfalls wichtig und darf nicht außer Acht gelassen werden. Inklusion endet nicht mit Beendigung der Schulzeit. Genauso, wie eine Schulklasse darauf achten kann, dass das Ausflugsziel rollstuhlgerecht ist, so kann sie sich gemeinschaftlich darüber Gedanken machen, wie man einen Ausflug/eine Klassenfahrt für alle (auch für den Autisten) möglich macht.

Ziel funktionierender Inklusion ist es, Barrieren in den Köpfen zu beseitigen und nicht, neue zu errichten.

Es ist nicht ‚besser‘ für den Autisten, wenn man ihm den Stress einer Klassenfahrt erspart.

Der Autor argumentiert hier mit dem, was Behindertenrechtsaktivisten die ‚Schonraumfalle‘ nennen, nach der die Versorgung behinderter Menschen in den letzten Jahrzehnten in Deutschland funktionierte. Dass es besser für sie wäre, in Förderschulen und Heimen untergebracht und von der harten Realität isoliert zu werden. Das ist schlicht und ergreifend Diskriminierung und Behindertenfeindlichkeit im Schafspelz der Nächstenliebe und Fürsorge.

Auch ein autistisches Kind hat das Recht, typische Erfahrungen zu machen, wie sich zum ersten Mal ein paar Tage von den behütenden Eltern abzunabeln und ein (positives) Gruppenerlebnis zu haben. Denn auch die Diskriminierung und Ausgrenzung autistischer Kinder im Klassenverband ist kein Schicksal, sondern Folge fehlenden Willens zur Inklusion und fehlenden konsequenten Vorgehens gegen Mobbing und Ausgrenzung von Seiten der Schule und Lehrer.

Klassenfahrten und Ausflüge stärken den Klassenverband. Nimmt ein Autist nicht an einer Klassenfahrt teil, stellt ihn das nur noch mehr an den Rand der Gruppe.

Der einzig ausschlaggebende Punkt bei der Entscheidung, ob ein autistisches Kind an einer Klassenfahrt teilnimmt oder nicht, sollte der Wille des Kindes sein. (Das bedeutet aber auch, ein autistisches Kind sollte nicht ‚zu seinem Besten‘ zur Teilnahme an Klassenaktivitäten gezwungen werden, wenn es sich davon überfordert fühlt.)

Ausgrenzungserfahrungen machen nicht stärker. Sie töten.

Der vielleicht schlimmste Teil des Artikels ist der Schluss, der Ausgrenzungserfahrungen bagatellisiert und romantisiert. Dass es ’niemanden gibt, der nicht irgendwo mal ausgegrenzt wurde‘, rechtfertigt nicht, es mit institutioneller Ausgrenzung und Diskriminierung zu vergleichen, wie sie alle behinderten Menschen und eben auch Autisten erfahren. Hier geht es nicht um ‚mal gehänselt‘ zu werden, sondern um tägliche, strukturelle Benachteiligung und Ausgrenzung in allen Lebensbereichen. Das beginnt zur Zeit der Diagnose mit Kommentaren von Angehörigen des medizinischen Fachpersonals wie ‚eher Tier als Mensch‘ über die Verweigerung von Bildungschancen und reicht bis hin zu Mord. Autisten weltweit begehen nicht ohne Grund jährlich den „Day of Mourning“, an dem autistischer Menschen gedacht wird, die von Eltern oder anderen für ihr Wohlergehen verantwortlichen Menschen ermordet wurden. Ein anderes großes Thema in der autistischen Gemeinschaft ist ‚Bullycide‘, also Selbstmord autistischer Menschen als Folge von Bullying/Mobbing. Autistische Menschen, deren IQ im Durchschnitt oder höher liegt, haben ein 2 1/2-fach höheres Selbstmordrisiko als die Durchschnittsbevölkerung (Bölte et al., 2015). Ausgrenzung zu verniedlichen und gar als charakterbildend zu verharmlosen, ist ein Schlag ins Gesicht all der Autisten, die getötet wurden, sich selbst getötet haben oder die an den typischen Folgeerkrankungen von Diskriminierung wie Depressionen, PTBS oder sonstigen Angst- und Panikstörungen leiden.

Um die übliche Mimikama-Qualität zu halten, sollte dieser Artikel entweder gelöscht oder grundlegend überarbeitet werden.

Max „fotobus“ Neumann (Autist)
butterblumenland (Angehörige eines Autisten)
Mela Eckenfels (Autistin)
„gedankenkarrussel“ (Autistin)
„laviolaine“ (Autistin)
@AnitaWorks9698 (Mutter autistischer Kinder)
Benjamin Falk (Autist)
Beatrix Schweigert – Innerwelt (Autistin und Angehörige von Autisten)
Michaela Mentzel (Mutter einer Autistin)

Update 23.06.2016 14:13 Uhr:

Wir finden das Angebot fair und überlegen an einer Lösung.

Advertisements

7 Gedanken zu “Offener Brief an Mimikama

  1. Vielen Dank den Ersteller des offene Briefs, den ich voll unterstütze.

    Diagnose mit über 50, aufgrund der beschrieben Ausgrenzungen zwei missglückte Suizide.
    Dass ein Vertreter einer ungeheuren Mehrheit, die -bestens bekannten- massiven psychischen Auswirkungen, aufgrund der Ignoranz der Mehrheit so bagatellisiert… zeigt genau diese unglaubliche Ignoranz, die die Kraft hat Menschen zu töten.
    Und die Gesetze und Rechtsprechung zu Inklusion überhaupt erst nötig machen…

  2. Da ich zur Zeit ein ähnliches Problem im Schulhort in der Ferienzeit habe, mein Kind sol als Autist aus seiner gewohnten Hortumgebung die Ferien in 2 Förderzentren mit ständig wechselnden Betreuern verbringen .Ich sehe das als nicht mal im Ansatz durchdachte Idee.Es ist für mich eine Bequemlichkeitslösung die meinem Kind schadet.Der umstand das der Platz im Förderzentrum bereits angefragt wurde ohne die Eltern vorher darüber zu informieren, spricht für sich.Ich hoffe das der Brief viele Menschen dahin sensibilisiert alle besonderen Kinder , Jugendlichen und Erwachsenen mal aus einer anderen Perspektive zu betrachten.Ich unterstütze den Inhalt des Briefes voll und ganz und fordere euch auch hier auf diesen sooft wie möglich zu teilen.

  3. Danke. Ganz vielen Dank!
    Für das Schreiben, und Veröffentlichen, dieses Briefes. Für die klaren Worte, die etwas ganz wichtiges so gut auf den Punkt bringen.

    „Ausgrenzung zu verniedlichen und gar als charakterbildend zu verharmlosen, ist ein Schlag ins Gesicht all der Autisten, die getötet wurden, sich selbst getötet haben oder die an den typischen Folgeerkrankungen von Diskriminierung wie Depressionen, PTBS oder sonstigen Angst- und Panikstörungen leiden.“
    Genau so ist es.

    Anscheinend hat der Brief (und das Öffentlichmachen) auch etwas bewirkt? Jedenfalls ist unter dem link der Artikel nicht mehr findbar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s