Autistisch essen

Auf Twitter geht derzeit eine Liste von Lebensmitteln rum mit der Frage, wer am meisten davon nicht mag.

Nun. Als Autist ist es mitunter schwierig, so eine Liste mit Ja/Nein zu beantworten.
Viele Autisten haben Schwierigkeiten mit verschiedenen Lebensmitteln, aber nicht nur wegen des Geschmacks. Geruch, Konsistenz, generell das Gefühl im Mund, mitunter auch Farbe oder wie etwas genau zubereitet ist, ob es mit anderen Lebensmitteln vermischt ist, zu heiß, zu kalt etc. All das kann eine Herausforderung für den Autisten beim Essen sein.

Eltern von Autisten fragen sich oft, ob und wenn wie sie ihrem autistischen Kind das Essen beibringen können. Insbesondere wenn das Kind sehr dünn ist.
Mein Rat als Autist zu selektivem Essen:
Es ist ok, lass das Kind essen, was es mag. Biete Neues mit an, aber zwing das Kind nicht. Nur anbieten, nicht aufdrängen.
Ich bin Ü40 und esse heute noch sehr selektiert. Mit Mitte 20 hab ich von selbst angefangen, Neues zu probieren. Ich esse also heute viel mehr Verschiedenes als als Kind, aber immer noch sehr selektiert im Vergleich zu nahezu allen anderen Menschen.
Was das Gewicht angeht, so lag meins bis ca. 30 rund um den unteren Rand des Normalgewichts, also so ganz knapp am Untergewicht. Ab ca. 30 hab ich dann von selbst zugenommen.

Bei Kindern ist es eh normal, dass nicht alles gegessen wird. Das hat Gründe, die hier nachlesbar sind:
Spiegel-Artikel: „Ernährung für Kinder – Vorsicht, bitter! Achtung, sauer!“
So ist es also ganz normal, dass Säuglinge und sehr junge Kinder den Eltern vertrauen und alles probieren, was diese ihnen geben. Das habe ich laut meinem Vater übrigens auch getan.
Wenn das Kind in die Krabbelphase kommt, wird es „mäkelig“. Das ist einfach ein evolutionärer Schutz davor, dass rumkrabbelnde Kinder giftiges Zeugs von jedem zweiten Busch abfressen. Neues, Grünes oder gar Bitteres meiden Kinder in dem Alter instinktiv. Erst im Alter von acht bis zwölf Jahren werden die Kinder wieder offener, neue Nahrungsmittel zu probieren.

Bei Autisten kommt eine anders verlaufende Entwicklung dazu, es dauert oft etwas länger als bei nichtautistischen Kindern. Mitunter eben auch bis ins Erwachsenenalter hinein. Dazu kommen dann die Probleme mit Optik, Gefühl im Mund, Geruch, Geschmack etc. durch die andere Wahrnehmung.
Solange es Dinge gibt, die das Kind freiwillig isst, biete viel davon an und immer ein bisschen was Neues dazu, was es probieren darf, aber nicht muss.
Eine Therapie ist da meines Erachtens überflüssig, solange das Kind nicht ernsthaft kurz vorm Verhungern steht. Dann bitte umgehend einen Arzt aufsuchen!

Nun zurück zu der oben gezeigten Liste:
Spontan schrieb ich in einem Tweet: 23.
Aber!
Also.
Salat. Ich mag Gurkensalat, Bohnensalat, Rauke, Radieschen dürfen drin sein … Aber grünen Salat esse ich nur ein bisschen, wenn er im Restaurant halt dabei ist. Und auch nicht immer.
Rosenkohl wenn er in einer Gemüsepfanne dabei und nicht bitter ist, so ein zwei (wie nennt man einzelne Rosenkohldingsis?), aber muss ich nicht haben.
Gurke mag ich, also Schlangengurke.
Weiße Schokolade ist ok, esse ich aber selten.
Leber – nein danke.
Saure Gurken … Ich mag Gurkensticks und schlesische Gurkenhappen. Andere esse ich im Grunde nicht.
Orangen sind ok, esse ich aber selten, weil die Konsistenz der Häute zwischen den Segmenten doof ist.
Äpfel mag ich. Am liebsten geschält.
Vollkornbrot … Ich esse generell wenig Brot. Kommt auf die Sorte an.
Joghurt pur eher nicht. Mit Marmelade drin oder griechischen Joghurt mit Honig oder genau eine Sorte Knusperecke sind aber ok.
Ketchup ist nicht meins, aber Curry- oder Gewürzketchup zur Bratwurst kann man schon mal.
Blauschimmelkäse … Käse esse ich eh nur als Frischkäse oder geschmolzen, also überbacken oder in Sauce. Stück Käse geht gar nicht, egal welcher.
Garnelen. Ich mag Nordseekrabben. Und die Garnelen in Backteig beim Chinesen. Sonst keine. Wobei ich einmal ganz gute in Öl aß. Aber muss nicht.
Erdnussbutter sieht schon fies aus, nie probiert.
Schwein esse ich.
Tofu nicht.
Kohl nicht.
Zucchini mag ich gefüllt oder im Chinagericht.
Spargel geht je nach Zubereitung. Die Konsistenz ist manchmal ein Problem, diese „Fäden“.
Tee, joa, ein, zwei Sorten mag ich richtig gerne. Ein paar mehr sind ok.
Sellerie war noch mal was genau? Das Lange oder das Runde? Man sieht schon, wie oft ich das wohl esse. :-D
Aubergine im Chinagericht oder vom Grill ist ok.
Pizzarand lass ich oft liegen, aber nicht immer.
Koriander weiß ich gerade nicht mal, wie das schmecken könnte.
Ananas mag ich auf Hawaiitoast, ansonsten esse ich sie kaum.
Milch mag ich. 3,5 % Fett aus dem Kühlschrank. Ist sie auch nur lauwarm, geht es nicht.
Sauerkraut mag ich nicht.
Senf ist ok, so dieser normale zum Würstchen. Senfkörner sind fies, insbesondere in Mettwürstchen oder in Cevapcici. Und ja, ich hatte mal Cevapcici vom Metzger mit Senfkörnern drin. Örks. Konsistenzkatastrophe!
Nutella ist jetzt nicht eklig, aber muss ich auch nicht haben.
Hähnchen ist ok – je nach Zubereitung.
Zwiebeln kann ich in Sauce inzwischen tolerieren. Und gebratene/gegrillte Schalotten.
Tomaten mag ich nicht. Als Sauce aber schon. Und manchmal sogar als Suppe.
Blumenkohl in Hollandaise ist ok.
Kokosnuss mag ich. Als Nuss. Aber tu mir die bloß nicht an was mit Schokolade! Oder Kekse! Örks.
Eier … Ich mag Eigelb.
Pilze mag ich. Nicht alle, aber so Champignons, Hallimasch (<3) und gebratene Austernpilze.
Erdbeeren sind lecker. Aber Erdbeereis geht gar nicht.
Bananen sind ok.
Grapefruit ist zu bitter.
Rosinen gehören in Kaiserschmarrn. Ansonsten brauche ich sie nicht.
Oliven können weg.
Mayonnaise ist unabdingbar.
Kaffee mag ich inzwischen, trinke ich aber extrem selten und verfeinere ihn mit viel Milch und Zucker.
Rind mag ich nicht gern. Aber wenn es in Cevapcici vorkommt, esse ich es gern.
Knoblauch ist spannend. Esse ich gern. Spannend deshalb weil ich ihn rieche, aber ob jemand anders Knoblauch gegessen hat, nehme ich nicht wahr. Also in meiner Gegenwart: Keine Hemmungen.
Karotten sind ok.
Marzipan mag ich nicht.

Wie man sieht, ist das mit dem autistischen Essen etwas komplizierter. Bei mir zumindest.
Als ich ein Kind war, war es noch viel komplizierter.
Und diese Liste ist ja nun bei weitem nicht umfassend. :-D

Ich bin jedenfalls inzwischen immer froh, wenn ich mal ein neues Gericht finde, das ich mag und selbst zubereiten kann.
Noch schwieriger ist es, Fertiggerichte zu finden, die ich mag. Dabei sind die gerade für Tage, an denen ich wegen Overload und/oder exekutiver Dysfunktion das Kochen nicht schaffe, echt essentiell.

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3 Gedanken zu “Autistisch essen

  1. Mir ist schon einmal aufgefallen, dass wir uns beim Thema Essen recht ähnlich sind. Nicht was die Lebensmittel an sich betrifft, aber bei den „Komplikationen“. Ich meine mich zu erinnern, dass Du damals geschrieben hattest, dass jemand Dich am Essverhalten als Autist erkennen könnte; das Gefühl habe ich bei mir auch immer. Zumindest, wenn die Menschen sich dahingehend auskennen. Beim Autismusstammtisch habe ich zumindest mal rumgefragt und da konnte die Meisten meine Schwierigkeiten nicht verstehen, deswegen fällt mir Dein Blogbeitrag vielleicht gerade besonders auf. Mit der von Dir erwähnten Liste ging es mir auch sofort so, dass die Auflistung mir nicht konkret genug war. Kuhmilch nutze ich beispielsweise gar nicht, weil sie mir nicht schmeckt und Übelkeit auslöst, aber Hafermilch ist in Ordnung (pur trinke ich Hafermilch allerdings auch nicht). Kokosnuss mag ich pur, aber nicht in Kombination mit Süßigkeiten oder irgendwo als Geschmacksträger zugesetzt. Oh, und ich erfreue mich gerade sehr über Deine Wortwahl: „verfeinere ihn mit viel Milch und Zucker“. Verfeinern. Glücksgefühlwort.

    1. Vielleicht sind die sensorischen Empfindlichkeiten einfach bei den meisten Autisten eher im akustischen und optischen Bereich angesiedelt. Grelles Licht, laute Töne und so. Davon liest man ja öfter.
      Damit habe ich zwar auch Probleme, aber nicht so starke, wie viele andere Autisten mitunter schildern. Sonnenbrille und Kopfhörer, jetzt sogar ANC-Kopfhörer, gehören zu meinem Repertoire, aber ich brauche sie nicht immer.

      Meine Probleme sind da eher eben im Bereich Geschmack/Geruch/Konsistenz von Nahrung und Sensorik bei Kleidung. Vielleicht sind diese Probleme aber auch einfach nicht so im Fokus, in der Öffentlichkeit, weil sie die Öffentlichkeit nicht so stark betreffen.
      Wenn ich irgendwo ein Stück Pizza esse, kriegt ja kaum jemand mit (nur Leute, die mich lange kennen), dass ich immer dieselbe Sorte esse, also stört es auch keinen. Wenn ich lange Unterhosen trage, weil Strumpfhosen sensorisch nicht gut gehen, sieht das niemand.
      Wenn ich aber Sonnenbrille im Supermarkt trage oder dicke Kopfhörer, wird das gesehen, das fällt auf. Also ist es ein öffentlicheres Thema.

      Ich kenne Autisten, die mit dem Essen gar keine Probleme haben, die über das übliche Maß beim Menschen an sich hinausgehen.
      Aber das sind eher wenige. Die meisten haben da schon irgendwas, das ihnen Probleme bereitet.
      Bei mir sind sie halt recht krass ausgefallen. Und sehr differenziert. Wobei ich dennoch nicht jeden Tag dasselbe essen muss oder so.
      Aber es macht mir auch nichts aus, eine Woche lange Bratkartoffeln zu essen zum Beispiel.
      Manches koche ich auch so, dass ich mehrere Tage davon esse. Oder z. B. Haiwaiitoast, davon esse ich, bis eine der Zutaten alle ist, jeden Tag.

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