Risikofaktor Arbeitslosigkeit? Risikofaktor Arbeit!

Zwei Artikel, die vor diesem gelesen werden sollten:
Homeoffice mindert Sozialkontakte?
Overload, Shutdown, Meltdown und der Delayed After Effect


Arbeitslosigkeit als Risikofaktor für Depressionen und Suizidalität bei Autisten?

Kürzlich schrieb Dr. Leonhard Schilbach über das wichtige Problem des hohen Depressionsrisikos und der hohen Suizidalität unter Autisten.

Basierend auf seinem Vortrag beim #Fachtag18 bei Autismus Rosenheim e. V.:

Einziger seitens Dr. Leonhard Schilbach explizit genannter Risikofaktor: Arbeitslosigkeit.

Doch wie sieht die Realität für Autisten aus?

Für mich ist es so, dass Arbeitslosigkeit selbst überhaupt kein Risikofaktor für Depressionen oder Suizidalität ist.
Was an der Arbeitslosigkeit belastend für mich ist:
Geldmangel, der Umgang der Ämter mit mir, drohende Sanktionen (gerade wenn man Probleme mit den exekutiven Funktionen hat, ein Damoklesschwert).
Alles Dinge, die an Hartz IV ohnehin in der Kritik stehen und jeden belasten dürften in der Situation der Arbeitslosigkeit.
Für viele Nicht-Autisten sind allerdings folgende Dinge Hauptauslöser für Depressionen durch Arbeitslosigkeit:
Strukturmangel, Mangel an sozialen Kontakten, Mangel an Lob/Wertschätzung von außen.
Auf mich trifft das überhaupt nicht zu! Ganz im Gegenteil.

Mich hat sehr gestört, dass gerade in Bezug auf Autisten nicht mindestens zusätzlich zur Arbeitslosigkeit die üblichen Strukturen bei der Arbeit als Risikofaktor genannt wurden.
Denn dadurch erlebe ich ein viel stärkeres Risiko für Depressionen.

Arbeit als Risikofaktor für Depressionen und Suizidalität bei Autisten!

Momentan arbeite ich 6 Stunden täglich außerhäusig.
Das bedeutet, dass ich zwischen 6:00 Und 7:00 Uhr morgens aufstehe und zwischen 16:00 Und 17:00 Uhr wieder daheim bin.
Macht also 9 – 11 Stunden am Tag, die ich für Vorbereitung für Arbeit, Außerhäusigkeit für Arbeit und evtl. kurzem Einkauf nach der Arbeit verwende.
Zeit, in der ich bis zu einem gewissen Grad maskieren muss.

Ein Beispieltag letzte Woche:

Ich bin um 6:30 Uhr aufgestanden.
Eine Stunde für waschen, anziehen etc. Daran denken, die Heizungen runterzuregeln, evtl. Müll mit runterzunehmen und sowas. Alles Dinge, für die exekutive Funktionen wichtig sind. Und bei denen mir die exekutive Dysfunktion meines Autismus dazwischengrätschen kann.
7:30 Uhr ca. das Haus verlassen, kurz zum Bäcker, erster Sozialkontakt, wenn ich keine Nachbarn im Flur traf.
8:00 Uhr auf der Arbeit.
15:15 Uhr Feierabend.
Ich arbeite etwas, das mir liegt, alles ok an dem Job soweit. Chef und Kollege wissen vom Autismus, es ändert allerdings wenig an ihrem Verhalten von sich aus. Zum Beispiel neigt der Chef dazu, einem lobend die Hand auf die Schulter zu legen.
Ich kann allerdings sagen, wenn ich z. B. Ruhe brauche – muss es aber eben auch jedes Mal kommunizieren, was ich nicht jedes Mal auch kann. Und im Falle der Hand auf der Schulter müsste ich schon hellsehen können, um es jedes Mal rechtzeitig vorher kommunizieren zu können, damit es nicht passiert.
Ich kann Kopfhörer bei der Arbeit tragen, muss nur selten telefonieren.
Arbeitsaufträge werden mündlich, oft durcheinander und mitunter recht spontan an mich herangetragen. Da hätte ich lieber eine E-Mail, klarere Aussagen und mehr Vorlaufzeit. Ich arbeite momentan an einem etwas größeren Projekt, da habe ich dann meist meine Ruhe mit, aber mitunter kommen kurze Zwischenaufträge rein.
Die Bedingungen sind also durchaus besser als bei einer üblichen Arbeitsstelle, aber ideal ist das dennoch nicht.

Nach Feierabend bin ich heute kurz in den Supermarkt gegangen, wirklich kurz, hab meine Supermarktroutine ignoriert, was mir sehr schwerfällt, nur rein, Getränke holen, zahlen, raus.
Ich wusste heute, dass ich nicht würde kochen können, weil Overload und exekutive Dysfunktion sich schon hochgeschaukelt hatten, also habe ich auf dem Rückweg ein Gyros geholt, was den Tag teurer als geplant machte.
Daheim war ich um ca. 16:15 Uhr, habe vor dem Fernseher Gyros gegessen, dann zwei Folgen Enterprise geschaut auf der Couch und bin etwa gegen 18:30 Uhr eingeschlafen.
Irgendwann bin ich aufgewacht und zum Bett gewankt. In Klamotten rein ins Bett, Decke lose drüber (das entspricht nicht meiner Schlafroutine, die ist weggebrochen), weitergepennt.

Aufgewacht bin ich um 23:00 Uhr. Und jetzt sitze ich hier, bin semiwach und tippe diesen Text. Ich habe also ca. 5 Stunden geschlafen. Kein guter Schlaf, sondern purer Erschöpfungsschlaf.
Ich hatte NICHTS vom Tag. Nichts bis dahin entsprach meiner Routine. Von den Serienfolgen habe ich kaum etwas mitbekommen. Meine Hobbys und Spezialinteressen (SI), die meine Kraftreserven auffüllen, habe ich bis hierhin heute nicht ausgeübt.
Haushalt? Nix gemacht.
Sozialkontakte hatte ich heute außer auf der Arbeit und beim Einkauf, die für mich nicht zu den mir persönlich guttuenden Sozialkontakten zählen, sondern zu Zwangssozialkontakten, die ich nicht brauche, die mich im Gegenteil oft sogar belasten, keine. Selbst meine Onlinekontakte konnte ich heute noch nicht pflegen.

Problem:

Ich bin immer noch müde. Ich kann auch jetzt nicht wirklich meine Hobbys und SI ausüben.
Ich habe leichte Kopfschmerzen.
Sozialkontakte sind um diese Uhrzeit auch nicht mehr drin.
Und selbst wenn ich jetzt noch etwas mache, statt direkt wieder ins Bett zu gehen, habe ich ausschließlich fragmentierten Schlaf und keine 6 – 8 Stunden am Stück, wie ich sie normalerweise habe.
Denn morgen muss ich wieder früh raus.

Wer jetzt denkt:

Ach, kenn ich, solche Tage habe ich auch!

Der lese weiter:

Das ist bei mir bei außerhäusiger Arbeit ein Dauerzustand. Es läuft nicht jeden Tag genau gleich ab, an manchen Tagen kann ich auch noch kochen und Onlinekontakte pflegen. An manchen schaffe ich es, Wäsche zu waschen (wobei mir einfällt, dass meine letzte Wäsche schon wieder seit drei Wochen auf dem Dachboden hängt, weil mir einfach die Kraft fehlte, sie abzunehmen). Aber mehr nicht. Und längst nicht jeden Tag.
Ich werde von Tag zu Tag müder, weil nie Zeit dafür da ist, die Kraftreserven aufzustocken.
Es ist eine Abwärtsspirale.
Mir geht es jeden Tag schlechter.
Die Tage, an denen ich auf der Couch einpenne und dann ins Bett wanke und angezogen weiterpenne, werden mehr.
Und dann kommt der Tag, an dem nix mehr geht. Dann fehle ich bei der Arbeit.
An dem Tag schaffe ich dann allerdings auch nichts, weil ich einfach nur platt bin.
Zum Glück kann ich bei dieser Arbeitsstelle per E-Mail Bescheid geben, dass ich fehlen werde, telefonisch würde ich das mitunter nicht schaffen und mir den Zorn des Arbeitgebers aufladen. Es ist an so einem Tag schon schwer genug, die E-Mail pünktlich loszuschicken.
Und nach X Zeit will der Arbeitgeber ab Tag 1 eine AU sehen, weil ich ja immer mal einen Tag fehle. Also muss ich an den Auszeittagen dann auch noch beim Arzt sitzen, im Wartezimmer voller Menschen, kann wieder keine Kraft tanken und muss dem Arzt plausibel machen, warum zur Hölle es mir schon wieder schlecht geht. Und hoffen, wenigstens 2 Tage krankgeschrieben zu werden, damit einer der Auszeittage auch wirklich einer ist, der mir hilft.

Das gefällt mir so nicht!

Es ist mit Scham verbunden, weil man dauernd für faul gehalten wird. Es wird einem Blaumachen unterstellt.
Es wird immer unlustiger, je weiter die Spirale sich dreht.
Dabei kann ich einfach wirklich nicht mehr. Es ist kein Spaß, nichts vom Leben zu haben, seine Hobbys, SI, Haushalt und Freunde vernachlässigen zu müssen, regelmäßig Krankentage zu haben und in Klamotten ins Bett zu fallen.
Die Arbeit macht meinen Tag-Nacht-Rhythmus kaputt, nimmt mir meine Routinen und meine Struktur, meine Hobbys und SI, meine Freunde und lässt meinen Haushalt verwahrlosen.

All das, was einem wohlwollende Amtsmenschen immer so gerne sagen, was durch Arbeit besser werden soll, wird bei mir durch Arbeit schlechter.

Das alles ist nicht so, wenn ich Homeoffice arbeiten kann!

Ich weiß nicht, wie das für Nicht-Autisten funktioniert. Für mich funktioniert es ganz beschissen bis gar nicht, die Sache mit der außerhäusigen Arbeit.
Selbst unter guten Bedingungen nicht.

Ich kann aber arbeiten. Ich habe eine Ausbildung, ein Fernstudium, ich bin nicht doof, bei der Arbeit klappt auch alles, sie macht mir auch Spaß – aber all das ändert überhaupt nichts daran, dass ich dauernd platt bin und mich in einer Spirale befinde, die dazu führt, dass es mir immer schlechter geht durch die außerhäusige Arbeit, bei der ich keine echten Pausen haben kann, nicht dann, wann ich sie brauche, nicht zwischendrin was am Haushalt tun kann, nicht dann einkaufen kann, wenn mal Kraft da ist und und und.
Das ist eine Struktur von außen, die nicht zu mir passt. Das gibt mir keine Struktur, es nimmt mir MEINE Struktur, die ich brauche.

Und jetzt ist es Mitternacht und ich weiß nicht, ob ich wieder ins Bett gehen sollte, um mir den Rhythmus nicht vollends zu versauen, dann aber echt nichts für mich vom Tag gehabt zu haben, oder ob ich wenigstens noch ein kleines bisschen Zeit für eins meiner Hobbys oder SI aufwenden kann oder sollte.


Ich habe einige Tweets zu diesem Thema zu einem Moment zusammengefasst:

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3 Gedanken zu “Risikofaktor Arbeitslosigkeit? Risikofaktor Arbeit!

  1. Hallo,

    irgendwie erkenne ich viele der hier genannten Faktoren wieder. So wurde bei mir zwar Autismus diagnostiziert, aber nach einem Streit zwischen zwei zuständigen Stellen wurde das zu „autistoid anmutenden Verhaltensweisen“ verändert, was für mich ziemlich unverständlich ist, aber an sich bedeutungslos für meinen Kommentar.
    So merke ich bei mir häufig, dass ich trotz einiger Mittel in der Schule danach vollkommen ausgelaugt bin und häufiger Fehlzeiten habe, die durch völlige Erschöpfung zustandekommen, dabei wird das von der Schule sogar als Grund für Fehltage akzeptiert (von den SchülerInnen eher nicht) aber in meiner Wohngruppe wird dennoch von mir erwartet, dass ich mich in der Schule abmelde, was mir an vielen Tagen einfach nicht möglich ist. So staut sich das immer weiter auf, jeden Tag von neuem bin ich nach der Schule absolut fertig, schaffe bis in den Abend nichts mehr und habe Schlafprobleme, weshalb eine lange Nacht folgt, auf die der nächste Tag kommt, was zu einem Fehltag pro Woche ungefähr führt und mein Wochenende komplett einnimmt, in dem ich mich erstmal erholen muss, also die ganze Zeit rumliege.

    Ich weiß nicht, ob das in direktem Zusammenhang dazu steht, aber so wurde bei mir nach zwei Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken eine schwere depressive Episode festgestellt, also kann ich nur bestätigen, dass auch die Schule zumindest bei mir einen erhöhten Risikofaktor darstellt, eben durch die Reizüberflutung und daraus folgende Erschöpfung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Philo Hirte

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