Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten

Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten. Ein oft gelesener Satz.
Ich weiß nicht, wer ihn zuerst prägte. Doch meine ich mich zu erinnern, dass er von einem Autisten selbst kam.

Nun lese ich ihn immer öfter von Nicht-Autisten. Zum Beispiel wenn ich die Darstellung eines Autisten in einer Serie kritisiere.
Oder wenn ich Eltern von Autisten etwas aus meiner Perspektive berichte zu dem Verhalten ihres Kindes.

Oftmals wird dieser Satz dabei jedoch missverstanden oder gar missbraucht.
Autisten, die ihn anwenden, meinen damit, dass jeder Autist neben seinen Symptomen auch noch einen individuellen Charakter, individuelle Vorlieben und Abneigungen etc. hat.
Autisten sind Menschen, Individuen, wie Nicht-Autisten auch. Und die Symptome können nach außen unterschiedlich wirken.
Nicht-Autisten, die den Satz anwenden, zielen dagegen oft auf die angeblich stark unterschiedliche Symptomatik ab und rechtfertigen damit zum Beispiel schlechte Darstellung von Autismus in Serien, Filmen oder Büchern. Oder Eltern wollen damit sagen, dass erwachsene Autisten zu ihrem Kind doch besser die Klappe zu halten hätten, schließlich sind Autisten verschieden, wie könne da ein anderer Autist schon dabei helfen, das eigene Kind besser zu verstehen als die Eltern selbst.

Dabei sind die Symptome gar nicht so verschieden, nur die Ausprägungen der Symptome nach außen. Die können sogar gegensätzlich sein.
Was innen drin abläuft, das jedoch ähnelt sich oft sehr stark. Und das können nur und ausschließlich Autisten berichten.

In der Aufklärung über Autismus ist es daher wichtig, dass erwachsene Autisten, die die Möglichkeit dazu haben, über ihren Autismus berichten.
Dabei sind die meisten durchaus sehr vorsichtig und stellen ihr Erleben nicht als die ultimative Wahrheit für alle Autisten dar, sondern geben ihre Berichte nur als eine Möglichkeit wieder, wie es anderen Autisten ggf. gehen könnte.
So haben Nicht-Autisten die Chance zu schauen, was auf Autisten in ihrem Umfeld zutreffen könnte, die vielleicht (noch) nicht selbst genau berichten können. Die Möglichkeit, durch Beobachtung herauszufinden, welche der Berichte von erwachsenen Autisten passen könnten.

Einige von uns Autisten können zudem nicht nur auf ihren eigenen Erfahrungsschatz zurückgreifen, sondern kennen privat, aus der Selbsthilfe etc. weitere Autisten, mit denen sie sich rege austauschen.
Ich persönlich habe so über die Jahre sehr viele Autisten kennengelernt. Viele nur online durch die Selbsthilfe, das müssen mehrere hundert gewesen sein. Ca. 100 aber auch offline und mit etwa 10 – 15 habe oder hatte ich auch offline mehr als nur ein Treffen. Da sind auch Kinder und Jugendliche darunter.
Mein Horizont ist also recht weit, ich gehe nicht allein von mir aus, wenn ich die Darstellung eines Autisten in den Medien kritisiere oder wenn ich Eltern über Autismus berichte.

Zur unterschiedlichen, gar mitunter gegensätzlichen Ausprägung von Symptomen nach außen mag ich zum Abschluss ein Beispiel bringen:
Zwei Autisten. Beide haben Schwierigkeiten, soziale Signale von Nicht-Autisten einzuordnen.
Der eine ist ein schüchterner, zurückhaltender Typ.
Der andere ist ein Draufgänger, eher distanzlos als zurückhaltend.
Der zurückhaltende Autist wird sich wegen seines Charakters eher rausnehmen, ist sehr ruhig, spricht vielleicht nicht viel, weil er die Signale seines Gesprächspartners nicht bemerkt.
Der Draufgänger dagegen labert sein Gegenüber vielleicht zu, weil er die sozialen Signale nicht bemerkt, wann es dem Gesprächspartner zu viel ist.
Ein und dasselbe Symptom steckt hinter diesen gegensätzlichen Verhaltensweisen.

Bitte schaut als Nicht-Autisten hin.
Nehmt uns nicht unsere Sprüche, die der Aufklärung dienen sollten, um sie ins Gegenteil zu verkehren und, vielleicht ja nur versehentlich, gegen uns zu verwenden, wenn wir etwas kritisieren oder erklären möchten.
Wenn wir uns derart öffnen, auch wenn manche von uns dabei für euch „hart“ klingen, weil auch das zur autistischen Symptomatik gehört, die Direktheit ohne Blümchen in der Sprache, dann wollen wir euch in aller Regel nichts Böses, ganz im Gegenteil.

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2 Gedanken zu “Kennst du einen Autisten, kennst du einen Autisten

  1. Kenne dasselbe von meinem Borderline. Versteh mich bitte nicht falsch, ich will die beiden Dinge nicht inhaltlich miteinander vergleichen, allerdings ist die soziale Reaktion darauf recht vergleichbar. Klar können sich andere Borderliner zum Teil wahnsinnig gut in mich hineinversetzen und oft brauche ich nur den Anfang einer Problematik zu schildern und schwupps, sie kennen genaustens, was da in mir vorgeht. Aber natürlich sind wir alle viel viel mehr als das und der Umgang mit unseren gemeinsamen Eigenschaften ist höchst individuell. Dass ich manchmal nicht sagen kann, dass ich Borderlinerin bin, weil ich Angst haben muss, ich werde dann bemitleidet oder anders behandelt oder mir wird meine Kompetenz in bestimmten Bereichen abgesprochen, das macht mich fertig. Damke für den Text. :)

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