Mal wieder ein Gruselartikel

Wissenswertes über das Aspergersyndrom
Was manche so „wissenswert“ nennen.

Ich habe gerade weder Zeit noch Kopf, da einen ausgefeilten Artikel draus zu stricken, und habe daher einfach mal meine Gedanken aneinandergereiht, wie sie beim Lesen des Artikels so daherkamen.

Kategorie Kuriositäten. Ooooook.

„Das Aspergersyndrom ist eine autistische Entwicklungsstörung, die sich insbesondere auf das Verhalten der Betroffenen auswirkt.“

Insbesondere … Nein. Eigentlich nur nebensächlich.

„Jungen leiden viermal häufiger an autistischen Störungen als Mädchen.“

Veraltete Zahlen. Ob Autisten leiden, entscheidet jeder Autist nur für sich selbst.

„Das Aspergersyndrom ist nicht heilbar, kann jedoch günstig beeinflusst werden. Die Symptome können durch verschiedene Therapien gelindert werden.“

Besser sind Therapien, in denen der Autist und sein Umfeld lernen, gut MIT dem Autismus zu leben.

„reduzierten Interesse der Betroffenen an sozialen Kontakten und einem gestörten Verständnis der sozialen Situation“

*seufz*

„Der Schweregrad der einzelnen autistischen Krankheiten kann stark variieren. Das Aspergersyndrom wird zu den leichter ausgeprägten Formen von Autismus gezählt.“

Es ist ein Spektrum. Das kann man nicht linear in leicht und schwer einteilen.
Bitte dazu mal hier lesen:
Understanding the Spectrum
Und es ist keine Krankheit.

„und verfügen sehr oft über besondere Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet.“

Spezialinteressen. Interesse, nicht Fähigkeit. Wird gerne immer wieder mit Inselbegabung gleichgesetzt, ist aber nicht korrekt so.

„doch bei sozialen Beziehungen sind Asperger-Autisten sehr unreif.“

Unreif. *seufz*

„niedrige Frustrationstoleranz“

Nope.

„unverhältnismäßige emotionale Reaktionen“

Nope. Dieser Satz zeigt sehr deutlich, dass der Schreiber des Artikels große Schwierigkeiten hat, empathisch gegenüber Autisten zu sein.

„(und Angst, wenn es zu Abweichungen kommt)“

Zumindest ich empfinde dabei keine Angst. Es stört massiv, es macht Chaos im Kopf. Aber keine Angst.

„wenig angebrachte emotionale Verhaltensweisen“

Fühlte man wie ein Nicht-Autist, ja, dann wäre das ggf. wenig angebracht. Aber ein Autist fühlt eben anders. Man muss das aber auch verstehen oder wenigstens akzeptieren wollen, dass die Reaktionen und Verhaltensweisen dann durchaus angebracht sind.

„Schwierigkeiten, Sichtkontakt aufzubauen (dieser muss erzwungen werden)“

Sichtkontakt. Ja, Autisten stehen ja dauernd im Nebel.
Blickkontakt wird gemeint sein. Und wer Autismus versteht, wird einen Teufel tun, den zu erzwingen. Denn wer das versteht, der weiß, dass dieser Blickkontakt ablenkt bis schmerzt, dazu führt, dass man sich auf die Inhalte des Gesprächs nicht mehr konzentrieren kann.
Es gibt dazu übrigens interessante Erkenntnisse – unabhängig von Autismus:

„selektives Schweigen (Betroffene sprechen nur mit Personen, mit denen sie sich gut fühlen, doch dies kann therapiert werden)“

Es muss unglaublich wichtig für Nicht-Autisten sein, sich mit Leuten zu unterhalten, die ihnen gar nicht guttun. Warum sonst hielten sie DAS für therapiewürdig!
Selektiver Mutismus, der hier gemeint, aber nicht so ganz korrekt beschrieben ist, tritt übrigens nicht bei allen Autisten auf, kann er aber. Aber er hat nicht zwingend damit zu tun, ob man sich mit der Person gut fühlt.

„(den übertragenen Sinn verstehen Betroffene nicht)“

Ersetze „verstehen“ mit „bemerken“.

„Mangelndes Interesse an den Aussagen anderer, einem langen Gespräch können Asperger-Autisten meist nur schwer folgen,“

Wow, von dem Symptom hab ich noch nie gehört.

„sie verstehen die Spielregeln nicht und möchten immer eigene Regeln aufstellen.“

So großes Missverstehen, wie dieser Artikel zeigt, ist mir lange nicht untergekommen. „Der Artikel ist hoffentlich schon oll, das würde viel erklären“, dachte ich auf der Suche nach dem Veröffentlichungsdatum, doch leider steht im Quelltext:
<meta property=“article:published_time“ content=“2017-12-30T16:27:52+01:00″ />
<meta property=“article:modified_time“ content=“2017-12-29T16:31:31+01:00″ />

„denn für eine erfolge Therapie ist die frühzeitige Erkennung dieser Entwicklungsstörung grundlegend.“

Mal von der kuriosen Grammatik in dem Satz abgesehen: Nein.

„Die Erwachsenen, die mit dem Kind zu tun haben, sollten gut über dieses Syndrom informiert sein und wissen, wie sie sich in bestimmten Situationen am besten verhalten.“

Der Satz ist korrekt. Nur leider ist man nach diesem Artikel erst mal übelst auf dem Holzweg.

Advertisements

4 Gedanken zu “Mal wieder ein Gruselartikel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s