„Was unterscheidet dich von mir?“

Heute stellte mir jemand auf Twitter die Frage, was mich als Autisten von ihm als Nicht-Autisten eigentlich unterscheidet. Woran er einen Unterschied merken könnte.

Meine Antwort darauf:

Den Unterschied merkst du eher RL. Und das kann eben bei jedem Autisten anders sein.

Bei mir würdest du zum Beispiel merken, dass ich starke Abneigungen beim Essen habe, Probleme mit Geschmack/Geruch und Gefühl im Mund.
Vielleicht würdest du mich sehen, wie ich mit Schal oder Shirt vorm Gesicht an jemandem vorbeigehe, weil er zu stark nach Parfum, Deo, Haarspray riecht.
Du würdest vielleicht merken, dass ich Leute regelrecht zulabern kann, wenn mich ein Thema gerade begeistert, und ich dabei nicht merke, ob es überhaupt noch jemanden interessiert.
Vielleicht erlebst du aber auch mal einen mutistischen Moment, in dem ich kein Wort herausbringe, obwohl ich sollte.
Du hast es gemerkt, wenn du mich zum siebten Mal in einem Gespräch aufmerksam machst, dass ich zu laut rede, ich es aber nicht regulieren kann. Und wenn du denkst, ich würde dir nicht zuhören, weil ich woanders hinschaue, um dir besser zuhören zu können.
Vielleicht müsstest du mich sehr deutlich darauf hinweisen, dass ich gehen soll, wenn ich zu Besuch bin und die sozialen Signale nicht mitbekomme, dass sich für dich die Zeit zum Ende neigt, die du gern Besuch hast.
Im Supermarkt würdest du merken, wie nervös mich die Nichtexistenz genau des Produkts machen kann, das ich gerade kaufen will. Vielleicht siehst du mich unentschlossen minutenlang leicht wippend vor einem Regal stehen, während mein Kopf alle Möglichkeiten durchrattert, wo ich das Produkt sonst herbekommen kann, wie ich es ersetzen kann oder was ich statt des ursprünglich geplanten Essens kochen könnte, für das die Zutat fehlt. Das dauert und überfordert massiv.
Nach einem Tag voller Socialising würdest du vielleicht merken, dass ich daraus kaum Energie ziehen kann, sondern dabei massiv Energie verliere, zwei Tage aus meinem Rhythmus raus bin und viel Ruhe brauche.
Beim Kochen würdest du merken, dass ich da sehr bedacht vorgehen muss und es mir oft genug dennoch passiert, dass die eine Pfanne das Essen gerade verbrennt, während der Teil des Gerichts in der anderen Pfanne noch roh ist. Und dass es Tage gibt, an denen ich das gar nicht erst versuche, etwas zu kochen, weil mir die exekutive Dysfunktion zu sehr im Wege steht.
Vielleicht fiele dir auf, dass ich mit einigen Formularen Schwierigkeiten habe, wenn die Fragen dort unklar gestellt sind, und ich mich dann mehrere Tage daran aufhängen kann, um am Ende dann doch noch jemanden zu fragen und mich zu vergewissern oder ein Beiblatt mit Erklärungen meiner Antworten beizulegen.
Dass mich Telefonate eher nervös machen und ich lieber per E-Mail Kontakt zu Behörden, Ärzten etc. aufnehme, könntest du merken. Und wie ich vor unvermeidlichen Telefonaten Zettelchen schreibe und dann doch noch zwei Stunden oder manchmal sogar ein paar Tage brauche, um mich zu dem Telefonat durchzuringen.
An ganz schlechten Tagen erwischst du mich in einem Meltdown. Aber dafür müssen wir uns gut kennen und du mich oft sehen, denn das kommt bei mir nicht sehr oft vor und meist schaffe ich es, den allein daheim zu haben.
Vielleicht merkst du aber auch, wie ich manche Details wahrnehme, die andere nicht mitbekommen. Oder wie ich mich mittags in etwas vertiefe und um 22.00 Uhr plötzlich „hochschrecke“, weil mir einfällt, dass ich auch mal etwas essen sollte, da alleine das Wissen um die Anzahl von Halswirbeln diverser Tierarten einen einfach nicht satt macht.

Das sind nur einige Beispiele.
Es gibt mehr, woran du es bei mir merken könntest.
Und bei anderen Autisten muss es nicht ganz genauso sein.
Das nur als kleiner Einblick. Denn nein, schriftlich an zwei oder drei Tweets merkst du es nicht.

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5 Gedanken zu “„Was unterscheidet dich von mir?“

  1. Ich kann mir sehr über E-Mails, Briefe, Telefonate, Treffen den Kopf zermartern. Zuletzt habe ich 2 Tage darüber gebrütet, ob ich da anrufen soll oder lieber eine E-Mail schreiben. Als das gefallen war, wie ich diese E-Mail formuliere. Höflich natürlich. Einfach gehalten. Möglichst verständlich. Der Empfänger ist nicht unbedingt deutscher Muttersprachler. Aber nicht kindisch. Ist mein Anliegen legitim? Nerve ich nicht? Es dauert auch, wenn ich irgendwo vor der Tür stehe. Soll ich einfach anklopfen? Wenn jemand öffnet: Was sage ich dann? Komme ich ungelegen? Das mit dem Einkaufen ist auch so ein Problem. Vor allem, wenn ich etwas bestimmtes kochen möchte nach Rezept. Wenn da etwas nicht zu finden ist, geht es mir ähnlich wie dir. Und ich koche selten. Mich kann es total verrückt machen, wenn etwas nicht genau so läuft wie geplant. Nach sozialen Events bin ich erst einmal mindestens einen Tag komplett außer Gefecht gesetzt. Wenn das über mehrere Tage so ging, bin ich mindestens die selbe Zeit oder länger zu kaum etwas im Stande.

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