Autismus und Inklusion – Statement zu einem Artikel

Heute las ich diesen Tweet:

Darin verlinkt ist dieser Artikel zum Thema Autismus und Inklusion:
Autismus – sind Regelschulen bereit dafür ? [sic!]
Dazu habe ich ein wenig was zu sagen:

Zunächst einmal befindet sich der Artikel in der Kategorie „geistige Behinderung“ – und ich frage mich: Warum?
Geistige Behinderung steht in der ICD als Intelligenzminderung unter F70 – F79, während Autismus unter F84.- gelistet ist.
Ist ein Autist geistig behindert, muss das zusätzlich zum Autismus diagnostiziert werden. Zu bedenken ist dabei, dass bei Autisten der IQ mitunter nicht problemlos korrekt messbar ist.
Darüber könnte man allerdings einen eigenen Artikel schreiben, das soll hier nicht tiefergehend beleuchtet werden. Jedenfalls ist diese Einsortung von Autismus als geistige Behinderung schlicht falsch.

(*Anmerkung: Im folgenden Beitrag möchte ich aus persönlichen Gründen das Wort „betroffene Person“ durch „Hauptperson“ ersetzen.)

Welche persönlichen Gründe das auch immer sein mögen. Ich bin keine Hauptperson. Hauptperson von was überhaupt? Und sind alle anderen Nebenpersonen? Was soll dieser Ausdruck?
Ich bin auch kein Mensch mit Autismus-Spektrum. Vielleicht einer IM Autismus-Spektrum, aber nicht MIT!
Am liebsten bin ich aber einfach Autist. Mit dem Wort kann man auch „betroffene Person“ umgehen, wenn man das nicht schreiben mag.
Zu dem Thema der Bezeichnungen habe ich schon zwei Artikel geschrieben:
Mensch mit Autismus
Autismus, Autist, Spektrum, Aspie, ja watt denn nu?
Viele Autisten bevorzugen meiner Erfahrung aus der Selbsthilfe nach die direkte Bezeichnung als Autist, ganz ohne Schnörkel und Euphemismen.

Die Diagnose nennt sich dann Autismus-Spektrum-Störung. Früher unterschied man noch in die verschiedenen Formen wie: frühkindlichen Autismus, Asperger- Syndrom, hochfunktionaler Autismus und Atypischer Autismus. All diese Formen besitzen besondere Merkmale, die jetzt aber unter die allgemeine Diagnose Autismus- Spektrum fallen (vgl. (Müller).

Die Unterteilung ist, in der ICD immer noch, frühkindlicher Autismus (Kanner), Asperger-Syndrom und atypischer Autismus.
Hochfunktional nicht! HFA und LFA sind inoffizielle (und furchtbare) Unterteilungen des frühkindlichen Autismus.
Im DSM sind inzwischen alle Formen unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst, ja. Und das finde ich auch gut. Das soll auch in der ICD folgen, nach der in Deutschland diagnostiziert wird, ist aber noch nicht so.

Zum eigentlichen Thema des Artikels, Inklusion für Autisten.

Das Bildungssystem ist momentan nicht dafür ausrüstet, den Bedürfnissen von Kindern mit Autismus nachzugehen oder auch von Kindern mit allgemeinen Förderbedarf. Die Inklusion in Regelschulen ist noch sehr gering, woraus man schließen kann, dass Autismus noch seltener in Regelschulen zu finden ist.
[…]
Um eine Teilhabe zu ermöglichen, bedarf es neue Konzeptentwicklungen, räumliche Veränderungen, Entwicklungen von Förderplänen etc. All dies sind Faktoren die sehr viel Geld in Anspruch nehmen. Geld was nicht vorhanden ist, für eine geeignete Umsetzung (vgl. Lila, 2014).

Für mindestens einen Teil der Autisten sind Regelschulen völlig problemlos bereit. Da reicht es zu schauen, welche Nachteilsausgleiche (NTA) individuell passen.
Viele Spätdiagnostizierte, wie ich, gingen früher einfach so auf Regelschulen. Das hat auch funktioniert. Wir werden nur immer vergessen.
Ich hatte keine Diagnose, bekam sie erst mit 35 Jahren, und ging, vollkommen unerkannt, auf Regelschulen. Meine damaligen Lehrer wissen wahrscheinlich heute noch nicht, dass sie mal einen Autisten unterrichteten. Und ziemlich sicher war ich nicht der einzige.
Es scheint, dass seit dem Aufkommen des Themas Inklusion eben genau diese mitunter total verkompliziert wird. Das wirkt teils irgendwie wie Gegenwehr gegen Inklusion in der Rede für Inklusion.

Mit passenden Nachteilsausgleichen wäre ich sicher leichter durchs Regel-Gymnasium gekommen, weshalb ich mich heute dafür einsetze für junge Autisten.
Viele der NTA sind völlig kostenlos umsetzbar. Da ist es wirklich so: Die Schule – die Lehrer, Rektoren etc. – muss es nur wollen.
Dinge wie Ohrstopfen/Kopfhörer tragen dürfen, Sonnenbrille tragen dürfen, etwas längere Klausurenzeit, ruhiger Sitzplatz mit wenig Ablenkung (vor allem bei Klausuren), umsichtige Sportbenotung oder Sportbefreiung, klare Formulierung von Fragestellungen, schriftliche statt mündlicher Aufgaben … Solche Dinge sind kostenlos in jeder Regelschule jetzt sofort umsetzbar und würden vielen Autisten bereits viel helfen.
Andere brauchen mehr Hilfen, wie Schulbegleitung zum Beispiel, Ruheraum in den Pausen usw. Aber einen Teil der Autisten kann man schon mit diesen kostenlosen NTA sehr einfach in Regelschulen teilhaben lassen – wenn man denn will.

Selten sehen sich Regelschulen in der Position, einen Schüler aufzunehmen, der sein (Lern-) Umfeld in Abständen beschimpft und sich gegen den Unterricht wehrt. Kinder, die Autismus haben könnten den Unterricht zunächst erst mal lahmlegen.

Diese Beschreibung steht da so pauschal, als träfe sie auf alle Autisten so zu. Das ist jedoch nicht so. Autisten sind keine aggressiven Monster, die auf nichts Bock haben.

Der folgende Absatz über die UN-BRK (UN-Behindertenrechtskonvention) ist zum Glück da und positiv und zeigt, was eigentlich längst viel stärker hätte geschehen müssen an deutschen Schulen.
Stattdessen setzen Politiker wie Lindner (FDP) und Laschet (CDU) Inklusion einfach mal aus in NRW – entgegen der UN-BRK. Und auch Cem Özdemir von den Grünen will plötzlich lieber Tempo rausnehmen beim Thema Inklusion. Acht Jahre UN-BRK. Wie langsam soll das denn noch werden?
In einem Kommentar wurde Artikel 24 der UN-BRK inzwischen noch genauer erläutert:
Allgemeine Bemerkung Nr. 4 (2016) zum Recht auf inklusive Bildung
Ich hoffe, das ändert die politische Richtung wieder hin zu Inklusion.

Nun noch etwas zu den Lehransätzen:
Zwei Mal werden im Artikel „Autismus spezifische Lernkonzepte“ [sic!] erwähnt, ohne sie genauer zu beschreiben. Leider ist die Quelle nur genannt, aber nicht verlinkt.
Solche Begriffe lösen bei mir inzwischen direkt Panik darüber aus, dass sie ABA (Applied Behavior Analysis) oder ähnliche behavioristische Ansätze hinter sich verbergen könnten.

Desweiteren wird Floortime vorgestellt:

Jedoch wird auch im deutschsprachigen Raum immer mehr Interesse an der „Floortime“ Methode geweckt, denn es ist eine gute Alternative zu den bisherigen behavioristischen Methoden. Traditionelle Autismusansätze legen ihren Schwerpunkt auf die autistischen Auffälligkeiten des Kindes. Floortime aber verlagert die Aufmerksamkeit auf die zugrundeliegenden mental-emotionalen Mechanismen des Kindes im Beziehungsgeflecht seiner Familie (vgl. (München, 2016). Die Umwelt passt sich der Hauptperson an.

Ich bin sehr unsicher, was dieses Konzept angeht. Hier wird es als „gute Alternative zu den bisherigen behavioristischen Methoden“ vorgestellt.
Im gezeigten Video über Axel finde ich insgesamt ganz schön, wie sie auf den Jungen eingehen und schauen, was er braucht und was er kann und wie er es am besten kann.
Doch eine Szene erinnert auch an ABA durch dieses furchtbare „Good job!“ nach jeder seiner korrekten Reaktionen.
Immerhin scheint Floortime im Gegensatz zu ABA nicht darauf zu beruhen, alles, auch Gefühle und Gefühlsausdrücke, als trainierbares Verhalten zu definieren. Und doch muss man aufpassen, was die Intensität und mögliche Ziele angeht. Soll zum Beispiel Blickkontakt trainiert werden, soll Stimming reduziert werden, so lehne ich das ab. Findet Therapie quasi in Vollzeit statt, lehne ich das ebenfalls ab. Intensitäten von 20 oder mehr Wochenstunden … Kann ich einfach nicht nachvollziehen, wie das einem Kind und seiner Entwicklung zuträglich sein soll.

Im Artikel ist noch dies verlinkt:
Sofortmaßnahmen für den Unterricht mit Schülerinnen und Schülern mit Autismus-Spektrum-Störungen
Da steht auch Gutes drin, doch ein paar Punkte mag ich kommentieren:
– Sitzplatz mit Blick zur Wand
Das muss genau individuell angeschaut werden. Ich persönlich mag keine Menschen im Rücken haben, die außerhalb meines Blickfelds Geräusche machen. Und ich schaue gern aus dem Fenster beim Lernen.
– Sitzplatz im vorderen Bereich, nahe Lehrerpult
Auch das muss man individuell entscheiden. Ich habe mir bei freier Platzwahl stets einen Platz weiter hinten ausgesucht.

Mündliche Beteiligung
Schüler mit Autismus-Spektrum-Störungen beteiligen sich oft nicht freiwillig.
– Schüler gesondert ansprechen und/oder spezielle Regelungen für Unterrichtsbeiträge erarbeiten (Häufigkeit vereinbaren/Alternativen zu mündlichen Beiträgen schaffen)

Ich wäre regelmäßig im Boden versunken, hätte man mich auch noch gezielt rausgepickt für mündliche Beiträge. Das sind die Momente, in denen bei mir die Chance groß ist, dass der selektive Mutismus zuschlägt.
Alternativen zur mündlichen Beteiligung, also zum Beispiel schriftliche Beiträge, hätte ich gut gefunden.

Insgesamt ist mir der Artikel von Hannah Thielmann jedenfalls zu … negativ trifft es nicht genau. Schief. Perspektivisch daneben. Und doch auch zu negativ in der Betrachtung von Autismus und Inklusion für Autisten, trotz des Absatzes über die UN-BRK.
Entsetzt hatten mich vor allem der Ausdruck „Hauptperson“ für Autisten und die Darstellung, wie schwierig Inklusion ganz pauschal für Schulen bezüglich Autisten wäre, mal wieder die ausblendend, die längst durchs Regelschulsystem gingen oder derzeit mittendrin stecken, ob nun mit oder ohne Diagnose.
Diese beiden Punkte haben mich veranlasst, zu dem Artikel zu bloggen.

Schreibfehler in den Zitaten habe ich so übernommen. Auch wenn sie teils echt wehtun.

Edit 18.07.2017
Zur Ergänzung mag ich hier noch auf einen Artikel zu Nachteilsausgleichen hinweisen, der viele weiterführende Links beinhaltet:
Nachteilsausgleich (NTA)

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3 Gedanken zu “Autismus und Inklusion – Statement zu einem Artikel

  1. Hallo, dein Artikel ist gut. Ich finde auch das noch vieles in diesem Bereich es zutun gibt aber wir sind an einigen Stellen auch auf einem guten Weg

  2. Lieber Max Neumann,
    vielen Dank für die Reaktion auf meinen Beitrag! Ich habe mich intensiv mit Ihren Worten befasst und finde Ihre Kritik wirklich bedenkenswert. Vielleicht drei Punkte zur Erklärung vorab: Erstens lag es nicht in meiner Absicht, eine negative Sichtweiße zu äußern, sondern ich schaute eher nach allgemeinen Fakten und wollte versuchen, Leserinnen und Leser bezüglich der Thematik zu sensibilisieren und zum Nachdenken anzuregen. Zweitens: Ich befinde mich noch in der Ausbildung, weswegen ich denke, dass Fehler passieren können. Ich finde es sehr interessant was Sie zu der Thematik geschrieben haben und habe es als Lernprozess genutzt. Drittens konnte ich auf viele Punkte nicht intensiver eingehen, da wir eine begrenzte Wörteranzahl vorgegeben hatten. Dies ändert natürlich nicht daran, dass einige Kritikpunkte von ihnen gerechtfertigt sind.
    Einige Kommentare möchte ich unkommentiert stehen lassen, aber möchte auch ein wenig was anmerken. Ebenfalls dachte ich daran, von ihnen genannte Kritikpunkte, in meinem Blog-Eintrag Beachtung zu schenken und kann somit verschiedene Sichtweisen aufzeigen.
    Nun aber zu Ihrer Kritik: Die Kategorie geistige Behinderung hatte ich deshalb gewählt, da es ja verschiedene Formen von Autismus gibt. Manche Menschen mit Autismus besitzen eine normale Intelligenz, andere eine überdurchschnittlich hohe, aber auch manche Autisten haben eine geistige Behinderung. Dies ist hier ja ganz individuell. Da Sie einen anderen Blickwinkel als ich besitzen, kann ich Ihre Kritik durchaus nachvollziehen, da dies nicht unter einen Hut zu packen ist. Für mich ist es kein Problem, diese Kategorie zu entfernen und ich werde dies auch tun.
    Als nächstes möchte ich darauf eingehen, wie für Sie Teilhabechancen ermöglicht werden können. Ich selbst habe dabei daran gedacht, dass viele Faktoren in der Schule aufgrund von Personalmangel, unzureichender Qualifikation oder konservativen Einstellungen nicht oder schwer umgesetzt werden können. Lehrerinnen und Lehrer stehen zusätzlich unter dem Zeitdruck, ihren Lehrstoff rechtzeitig im Unterricht zu vermitteln und fühlen sich deswegen nicht in der Lage, auf unterschiedliche Geschwindigkeiten des Lernens einzugehen. Aufgrund dessen finde ich es spannend zu erfahren, wie kleine Veränderungen im Schulalltag helfen könnten und würde dies gerne in meinem Eintrag erwähnen.
    Wie schon erwähnt, konnte ich wegen eines begrenzten Rahmen nicht intensiver auf Lehransätze eingehen. Ich kann hier aber gerne noch Links aufnehmen, um den Text differenzierter zu gestalten.
    Ihre Meinung bezüglich der mündlichen Beteiligung ist für mich sehr interessant. Ich hatte es ursprünglich als Chance für die Kinder betrachtet. Andersseits hat mir Ihr Blick eine zweite Sichtweise verdeutlicht, die ich gut nachvollziehen kann. Denn eigentlich ist es ja für die meisten Kinder unangenehm, wenn sie ohne Meldung drangenommen werden. Infolgedessen würde ich diesen Abschnitt gerne als Gegenargument zu meinem aufzeigen.
    Ich danke für die Anregungen und sende viele Grüße
    Hannah Thielmann

    1. Entschuldigung, dass ich Ihren Kommentar erst heute freigeschaltet habe. Er ist im WordPress-Spam gelandet, das sah ich leider erst jetzt gerade.

      Danke, dass Sie meine Kritik positiv annehmen und darauf eingehen.
      Und ja, an vielen Schulen muss sich noch viel tun. Von der Einstellung bis hin zur Anpassung des Konzepts an inklusive Bedingungen.
      Personal und Gelder könnten freigesetzt werden, wenn die Förderschulen konsequent geschlossen würden und die Ressourcen dieser komplett in die Regelschulen einfließen. Das wird ja leider von der derzeitigen Politik in voller Breite unterbunden, würde aber schon sehr viel bringen.

      Hoffen wir einfach gemeinsam darauf, dass die Inklusion auf einem guten Wege voranschreiten wird, trotz aller Widrigkeiten.

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