„Ich bin eben so“ – oder doch nicht?

Und dann sitzt du am Rechner und liest diesen Tweet:

Bäm.
Ich bin eben so. Nur eine faule Ausrede? Ist das so?
Die faulste Ausrede sogar?

Du willst gerade einen Tweet formulieren, der erklärt, dass du das pauschal nicht so unterschreiben kannst.
Dass zum Beispiel bei Behinderung, Autismus zum Beispiel, es sehr viel Kraft geben kann, einige seiner Eigenschaften endlich einfach zu akzeptieren, statt sich dauernd anpassen und verbiegen zu wollen oder gar müssen, um der Norm zu entsprechen. Und dass es dann eben auch cool wäre, wenn das Umfeld da auch mal zu Akzeptanz gelangt.

Aber zuerst liest du die Replys. Und:

Badadabäm!
Damit jetzt bloß nicht so ein blöder Behindi daherkommt und den tollen Kalenderspruch zerstört, indem er eine mögliche andere Seite der Medaille zeigt, sorgt der behindertenfeindliche Part von Twitter gleich mal vor und haut einen Spruch raus. Schnell mal mundtot machen.
So kommt der Tweet jedenfalls bei mir an.
MIMIMI. Vorauseilende Invalidierung jeglicher möglicher Argumente. Lächerlichmachung, bevor überhaupt jemand was gesagt hat.

Da sitz ich also vor Twitter und überlege: Widersprechen? Gibt nur Zores. So stehenlassen? Auch doof.
Was und wie kann ich darauf reagieren? Am Ende bin ich doch wieder nur der Dumme …

Und dann … BADADADADABÄM!
Dann dachte ich mir, ich verblogge das einfach mal. So für die etwas breitere Öffentlichkeit.
Am Arsch, behindertenfeindlicher Teil von Twitter. Du kriegst mich nicht mundtot!

Nun zu dem Spruch im ersten Tweet:
Er ist teils richtig. Und teils falsch. Es kommt auf den Menschen an. Auf die Situation. Auf die Eigenschaft. Auf das Umfeld. Auf so vieles. Nicht nur auf Behinderung. Aber auch. Das ist durchaus ein Beispiel. Als Kalenderspruch, als Aphorismus, taugt er nur, wenn er in einem Zusammenhang steht. Pauschal ist er Kappes.
Vermutlich hatte der Twitterer etwas Konkretes im Kopf, auf das er sich bezieht. Das steht da aber nicht.

Es ist dieser Zwiespalt. Natürlich gibt es Dinge, an denen man arbeiten kann. Aber es gibt auch Dinge, da sollte man irgendwann einfach akzeptieren, dass man an dem Punkt nun mal so ist wie man ist. Und dass es ok ist, so zu sein wie man ist.
Sonst kommt man nicht weiter.
Man kann einfach nicht auf dem Gleis fahren, das einen in Richtung Freude, Glück, innere Ausgeglichenheit führt, solange man noch auf dem Gleis festhängt, das einen nicht zu sich selbst, sondern zu dem Ich, das man glaubt, sein zu müssen, führt. Dem Gleis der anderen. Nicht seinem eigenen Gleis.
Die Weiche kann man nur selbst stellen. Und für viele kleine Eigenschaften und Situationen immer wieder aufs Neue.
Und vor der Weiche muss man abbremsen, sich umschauen und überlegen, wer man ist, wer man sein will, was man schaffen kann und was eine holprige Fahrt wird oder einen gar eher zum Entgleisen bringen wird.

Und so ist man dann jemand. Wenn man Glück hat, sogar man selbst.

Für den Fall, dass einer der Tweets gelöscht wird, hier noch ein Screenshot:
@SonnenKindi: "'Ich bin eben so' ist die faulste Ausrede seinen Mitmenschen und sich selbst gegenüber." 22:38 - 7. Juli 2017 - @Klavieristin "Ich warte quasi schon auf die ersten Replys "ABER BEHINDERTE MIMIMI"" 13:02 - 8. Juli 2017

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3 Gedanken zu “„Ich bin eben so“ – oder doch nicht?

  1. Volle Zustimmung meinerseits.

    Schon der erste Tweet ist grenzwertig (wie du schon schreibst, woran der Twitterer hierbei konkret dachte ist ja leider nicht weiter). Der zweite ist aber so offen behindertenfeindlich, dass man kaum noch ein passendes Wort dafür findet. Vor allem wird hier ja wieder gegen Personen gewettert, deren Verhaltensweisen man nicht versteht, die deshalb „falsch“ sind und das deshalb zwingend „ändern“ sollen. Unabhängig davon, ob sie selbst unter diesen Verhaltensweisen leiden oder nicht. Und selbst im ersten Fall hat es nicht zwingend etwas mit Faulheit zu tun, wenn man nicht voran kommt -.-

    Es macht mich echt sauer, wie einfach es sich manche Menschen machen. Und niemals sehen, wie viel unnötiges Leid sie dadurch verursachen …

  2. Auf den Kommentar fiel mir spontan ein „Ist die doof – aber die ist eben so.“
    Solche Aussagen sind durch ihre Kurzsichtigkeit sehr verletzend. Aber lohnt es sich, dafür Kraft zu verschwenden, wenn die Aussicht auf Einsicht verschwindend gering ist?
    Dennoch ertappe ich auch mich öfter dabei, derartige Ungerechtigkeiten zu sehr auf mich zu beziehen und korrigieren zu wollen. Ich lass es für gewöhnlich, auch wenn es an mir nagt.

    1. Genau deshalb hab ich es verbloggt, statt mit der Dame zu diskutieren.
      Die Diskussion wäre ziemlich sicher sinnlos und kraftraubend gewesen.
      So kann jetzt aber jeder meine Gedanken dazu lesen und darüber sinnieren. Vielleicht liest es jemand, der dann bei sich mehr reflektiert. Oder jemand, der das weiterträgt.
      Vielleicht lesen es auch „nur“ Leute, die sich auch über sowas aufregen und sich dann nicht so allein damit fühlen.
      Wie auch immer. Mir jedenfalls hilft es, sowas zu thematisieren.

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