Gründonnerstag. Wenn die Nächstenliebe wieder tief fliegt.

Ich brauche heute nicht viel.
Also husche ich schnell in den Aldi, schnapp mir die paar Lebensmittel für heute und morgen auf den Arm, gehe zur Kasse und stell mich in die Schlange.
Am Band angekommen lege ich meine Ware ab, aber kein Näkubi aufs Band. Vor meiner Ware liegt schon eins, hinter meiner Ware ist eine beträchtliche Lücke bis zur Ware eines Herrn, der mit viel Bedacht hinter seine Ware den Warentrenner legt, vor seine aber nicht. Ob der großen Lücke ist mir das egal.

Ich bin dran, räume meine Ware in den Rucksack, nachdem sie über den Scanner rutschte, zahle und noch währenddessen fragt die Verkäuferin, ob „das da“ auch noch meins sei.
Der Herr und ich antworten unisono mit einem knappen „Nein“.

An dieser Stelle ist in solchen Situationen das Gespräch meist auch schon vorbei. Oder es wird noch kurz gewitzelt.
Dem Herrn aber quillt seine ganze österliche Nächstenliebe aus dem Hals mit den Worten:
„Sie hat ja keinen Warentrenner hingelegt!“
Und dann zu mir:
„Sie können ja keinen Warentrenner hinlegen, haben Sie ja gerade bewiesen! Vielleicht lernen Sie das noch!“

„Das hätten ja auch Sie tun können“, antworte ich noch höflich, um stante pede in einem Wortschwall angepampt zu werden, immer mit der Wiederholung, ich könne das ja nicht, wie ich ja bewiesen hätte. Und dass ich das ja vielleicht noch lernen könne.
Zunächst erkläre ich noch, dass er wohl eins hätte hinlegen sollen, wenn er ja so dringend eins da liegen haben will, werde aber von seinem Schwall übertönt.

Ich packe in Ruhe meine Waren weiter ein und sage dann, als der Herr fertig zu sein scheint, ganz ruhig:
„Und das zu Ostern. Mal so als Spiegel am Gründonnerstag: Höflichkeit lernen Sie ja vielleicht noch. Dass Sie das noch nicht können, haben Sie ja gerade bewiesen!“

Ich verlasse den Laden.


In und nach solchen Situationen habe ich immer ganz viele Antwortmöglichkeiten im Kopf und bin froh, inzwischen relativ schnell eine möglichst passende auswählen und aussprechen zu können.
Das war früher noch deutlich schwieriger. Oft genug habe ich es auch gar nicht geschafft, irgendwas zu sagen.
Danach läuft das Gespräch dann noch mehrfach durch meinen Kopf, in anderen Varianten. Manchmal über Stunden.

Zum Beispiel hätte ich sagen können:
„Sie feiern heute doch sicher das letzte Abendmahl? Sie sind doch sicher Christ?“
Und egal was er darauf gesagt hätte, hätte ich kontern können:
„Nun ja, oft sind es genau jene, die mir mit derart herzlicher Nächstenliebe begegnen wie Sie gerade.“

Oder ich hätte eine honigsüße Höflichkeit und ein breites Grinsen aufsetzen können:
„Lächeln, immer lächeln! Und Ihnen auch ein gesegnetes Osterfest!“

Oder ich hätte sagen können:
„Demnächst bleiben Sie mit so einer Laune aber bitte daheim. Sowas möchte ja nun wirklich keiner mit ansehen müssen!“

Vielleicht benutze ich eine der Varianten, die meinen Kopf noch so lange durchschwirren, dann beim nächsten Mal.
Lieber wäre mir, es würde kein nächstes Mal geben. Aber das wird es. Es gibt leider immer ein nächstes Mal. So sicher wie das Amen in der Kirche.

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3 Gedanken zu “Gründonnerstag. Wenn die Nächstenliebe wieder tief fliegt.

  1. Seit Jahren versuche ich vergeblich diesen Vorgang zu vereinfachen. Für den reibungslosen Ablauf an der Kasse genügt ein einziges von diesen Dingern. Logischer Weise lege ich normaler Weise kein Ding vor mir aufs Band, wenn ich der erste an der Kasse bin. Dann sollte eigentlich das Ding vom letzten Kunden noch da liegen. Seine Sachen sind weg und das Ding bleibt einfach liegen. Wenn der nächste Kunde kommt, nimmt er das Ding und legt es an das Ende seines Einkaufs. Wenn das Ding an der Kasse angekommen ist, nimmt der nächste Kunde das Ding und legt es an das Ende seiner Waren. Und so geht das munter weiter. Es ist immer nur eins von den Dingern unterwegs und Millionen und Abermillionen vollkommen überflüssige Handgriffe würden nicht gemacht. Ich denke besonders an die Leidtragenden an den Kassen. Immer und immerwieder derselbe Handgriff für nichts und wieder nichts. Also tut es. Wenn die Waren des letzten Kunden über die Kasse gegangen sind und das Ding an der Kasse angekommen ist, nehmt es und legt es hinter eure Waren. So einfach könnte das sein.
    Frohe Ostern.

  2. Bemerkenswert ist die Frage „Ist das auch noch Ihres?“. Ich habe auch schon die Frage gestellt bekommen „Gehört das auch noch Ihnen?“. Ja, echt jetzt: „Gehört das Ihnen?“.

    Wenn ich da mit „Ja“ antworte, muß ich dann damit rechnen, daß mich im nächsten Moment der Ladendetektiv des Diebstahls beschuldigt, wenn ich behauptet habe, die Ware würde mir bereits gehören, obwohl ich sie noch gar nicht bezahlt habe?

    Warum sollte jemand Sachen auf das Kassenband legen, die ihm selbst gehören? Das ist doch ein total absurder Gedanke!

    Neulich hatte ich die Situation wieder, daß einfach nur eine Lücke zwischen den Waren waren, mein Einkauf ging also noch weiter. Da habe ich die Frage wahrheitsgemäß beantwortet mit „Nein, noch nicht“. Die Kassiererin hat mich irritiert angesehen und ist in völligen Stillstand verfallen. Dann habe ich ergänzt „Ich habe diese Waren noch nicht bezahlt“, dann hat sie nach ein paar stillen Gedenksekunden schließlich weitergearbeitet.

    Warum fragt mich die Kassierein, ob mir die Sachen gehören? Sie könnte ja statt „Gehört das Ihnen?“ fragen „Gehört das zu Ihnen?“, damit wäre nur eine Zugehörigkeit und kein Besitz formuliert. Oder „Ist das noch Bestandteil Ihres Einkaufs?“. Ich möchte nicht die Behauptung aufstellen sollen, daß mir die Sachen bereits gehören würden, die ich in Wahrheit erst noch kaufen will.

    1. Tatsächlich „gehört“ einem die Ware im Sinne des Begriffes Besitz, sobald man sie in seinen Einkaufswagen legt. Man besitzt die Ware, ist also Besitzer.
      https://de.wikipedia.org/wiki/Verbotene_Eigenmacht#Fallbeispiel

      Eigentümer ist dann noch der Supermarkt, Besitzer ist bereits der Kunde.
      http://www.recht-kinderleicht.de/eigentum/
      Durch das Bezahlen wird der Kunde dann auch zum Eigentümer.

      Daher denke ich, man kann die Frage getrost mit „Ja“ beantworten, ohne eines Ladendiebstahls bezichtigt zu werden.

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