Diagnose nur bei Leidensdruck?

Oft lese ich leider davon, dass es bei manchen Diagnosestellen so gehandhabt wird, laut ICD 11 generell so werden soll und sogar manche Autisten es befürworten, dass die Diagnose Autismus nur bei akutem Leidensdruck, bei akuten Problemen vergeben werden soll. Dass also ein Autist, der gerade akut eine gute Nische im Leben für sich gefunden hat, offiziell nicht als Autist gelten soll.
Was gerade bei Autisten dahintersteht, die das befürworten, kann ich nur mutmaßen, ich vermute eine Art Futterneid, Angst, dass das Hilfesystem für sie selbst nicht mehr genug abwirft.

Aber betrachten wir das mal ganz nüchtern:
Autist ist man, man wird so geboren und man stirbt so. Es ist angeboren und unheilbar. Also muss auch die Diagnose immer gelten, egal wann sie gestellt wird, ob zu einem Zeitpunkt, an dem gerade akute Probleme und Leidensdruck bestehen oder nicht.
Das Hilfesystem ist von der Diagnostik an sich ja nun ohnehin nahezu vollständig abgekoppelt. Niemand bekommt einfach so direkt nach der Diagnostik irgendwelche Hilfe an die Backe geklebt. Die muss man beantragen. Und die muss bewilligt werden. Und die wird, zurecht, auch entsprechend an die akuten Probleme gekoppelt.
Es wird auch nur enorm wenige bis gar keine Menschen geben, die diese Hilfen beantragen, wenn sie sie gar nicht benötigen. Eher werden so einige Autisten, die eigentlich Hilfe brauchen könnten, keine beantragen aus verschiedenen Gründen. Die Angst, jemand könnte einem unberechtigt was vom Hilfesystem wegnehmen, allein dadurch, dass er eine bestimmte Diagnose hat, halte ich für komplett unbegründet.

Die Diagnose kann aber auch jenen Autisten helfen, die akut ihre Nische gefunden haben und sich nicht ans Hilfesystem wenden.
Einerseits, und das erlebe ich selbst und lese es auch immer wieder von anderen Autisten, tut es schlicht gut zu wissen, warum man ist wie man ist.
Und dann ist es so, dass jeder, wirklich jeder, Autist plötzlich aus seiner Nische rutschen kann und plötzlich Hilfe brauchen kann.
Wenn man jetzt jedes Mal, sobald man eine Nische für sich fand, die Diagnose verliert, muss man sich auch jedes Mal, wenn man seine Nische verliert, neu diagnostizieren lassen. Das kann nicht im Sinne des Systems und auch nicht im Sinne anderer Autisten sein. Denn so werden die ohnehin recht dünn gesäten Diagnostiker noch stärker belastet als ohnehin schon. Und akut benötigte Hilfen zeitnah zu bekommen, ist für jeden einzelnen Autisten so unmöglich.

Die Diagnose selbst sollte also schlicht an der Existenz von Autismus festgemacht werden, nicht an den akuten Problemen und dem empfundenen Leidensdruck.
Die Nutzung des Hilfesystems dagegen ist an die akuten Probleme gekoppelt – und sollte das auch weiterhin sein.
Das ist doch ganz leicht zu verstehen, logisch und sinnvoll.

Ganz davon abgesehen kenne ich nicht einen einzigen Autisten, der gar keine Probleme resultierend aus seinem Autismus hat. Nicht jeder Autist trägt jedes Problem auf eine Weise vor sich her, dass es sofort gesehen wird. Viele Probleme bleiben nach außen, teils bewusst, teils unbewusst, unsichtbar.
Ich kenne allerdings einige Autisten, die sich mit ihren Problemen arrangiert haben, ihr Leben nach ihnen so ausrichten, dass sie gut zurechtkommen und ein gewisses Maß an Zufriedenheit oder gar Glück erlangen.
Ich erlebe, dass diese Neid-Fraktion das verwechselt mit Problemfreiheit. Es ist keine!
Es ist nur eben auch möglich, trotz Problemen nicht in Selbstmitleid unterzugehen.
Mit einem solchen arrangierten Leben ist stets Verzicht auf bestimmte Dinge verbunden. Und die Gewissheit, durch diesen Verzicht besser zurechtzukommen mit dem, was man tatsächlich leben kann, woraus man halt auch Kraft ziehen kann statt im Jammertal zu versinken.

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7 Gedanken zu “Diagnose nur bei Leidensdruck?

  1. Frage: Bist du dir sicher, dass die Diagnose nach dieser Regelung wieder aufgehoben werden kann? Klingt für mich, als würde man die Diagnose nur erst bekommen, wenn ein Leidensdruck besteht, aber nicht, dass die Diagnose wieder verfällt. Das würde ja eine Art „Heilbarkeit“ implizieren. Wäre medizinisch einfach sinnfrei und ignoriert den Stand der Forschung.
    Aber wer weiß, wenn schon Blinde regelmäßig geprüft werden, ob sie denn nicht plötzlich wie durch ein Wunder doch wieder sehen können.

    Aber selbst wenn die Diagnose dann wieder verfallen kann, ein weiterer Haken wäre ja dann die Außenwirkung: Leute, die in Autismus eine Modediagnose oder nur Aufmerksamkeitsheischerei sehen, würden sich bestätigt fühlen, wenn man seine Diagnose erneuern müsste, sobald ein Leidensdruck entsteht.
    Ein weiterer Grund, wieso ich nicht denke, dass man eine gestellte Dignose wieder verlieren kann.

    1. Nein. Das wäre halt nur die logische Konsequenz, wenn die Diagnose nur bei bestehendem Leidensdruck vergeben würde. Wirkt auf mich halt auch so, als wollten einige Autisten genau das: Bloß alle, die irgendwie glücklich wirken, raus aus unserem Kreis!
      Das habe ich etwas überspitzt.

      Wie auch immer, jedenfalls finde ich, dass die Diagnose eben auch vergeben werden sollte, wenn akut kein Leidensdruck vorhanden ist. Damit nicht, im Fall des Auftretens von hilfeerfordernden Problemen, noch inzwischen rund ein bis zwei Jahre auf die Diagnostik gewartet werden muss. Reicht doch, dass man dann auf die Bearbeitung von Anträgen auf SBA oder andere Hilfen oder auf Plätze bei Therapeuten noch oftmals enorm lange warten muss. Das ist ohnehin schon Hemmschwelle genug, überhaupt das bisschen an brauchbarem Hilfesystem, das da ist, in Anspruch nehmen zu wollen.

  2. das hieße dann ja auch, dass es festgelegte Kriterien geben müsste, nach dem ein Leidensdruck in „Schweregrade“ definiert werden würde. Das ist unmöglich, da es sehr subjektiv und total schwankend ist. Zumal die Selbstwahrnehmung mitunter doch recht dürftig ausfallen kann. Sprich: „Können Sie denn mit dem Bus zur Arbeit fahren? Ja sage ich ( und denke…man muss eine Fahrkarte haben und dann zu gewissen Zeiten an der Bushaltestelle in den Bus mit der richtigen Nummer einsteigen) Würden Sie das auch dann tun? Vor allem nach dieser Arbeit wieder mit einem Bus zurück? Spätestens dann bemerke ich das es nicht das Selbe ist ob ich kognitiv Bus fahren könnte und dies auch in Handlung um zu setzen vermag…geschweige denn nach den Arbeitsstunden und den Reizüberflutungen, etc…heile mit einem Bus auch wieder zu Hause ankomme…das sollte ich dann am nächsten und über nächsten Tag wiederholen. Unmöglich.

    Also es ist sehr relativ ob jemand dies kann oder jenes durchhält oder wie hoch der Grad der jeweiligen Belastung ist und wann derjenige dem nicht mehr Stand hält.

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