Warum ich ABA verlassen habe (eine Übersetzung)

Mit freundlicher Genehmigung von Steph von Socially Anxious Advocate biete ich euch hier eine Übersetzung ihres Textes Why I Left ABA an. Er enthält viele weiterführende Links, die natürlich dennoch weiterhin Englisch bleiben. Ich denke aber, dass es dennoch hilfreich sein wird, diesen Text auch auf Deutsch zu verbreiten. Denn hier ist die Sicht einer ABA-Therapeutin zu lesen, die nach und nach zu dem Schluss kam, ABA (Applied Behavior Analysis = Angewandte Verhaltensanalyse) abzulehnen. Wie es dazu kam und wie sie heute über ABA denkt, lest ihr hier:

Trigger-Warnung: ABA, Ableismus, institutionalisierter Kindesmissbrauch

Als ich ABA-Therapeut wurde, war ich begeistert. Ich würde meinen Psychologen-Abschluss nutzen können, mehr als ein Mindestgehalt erhalten und zu alledem einen positiven Unterschied im Leben autistischer Kinder machen. Zumindest dachte ich das.

Nun schaue ich zurück. Und das Jahr, das ich mit der Arbeit mit ABA verbrachte, ist mein größtes Bedauern.

Als ich aufhörte war das keine Entscheidung über Nacht. Es war ein langer, schwieriger Prozess, voller Leugnen und Verwirrung. Ich genieße es nicht, darüber zu reden, denn ich machte so viele falsche Dinge, die das Leben von Kindern beeinflussten. Und ich möchte keine Entschuldigungen für mich selbst suchen. Aber ich möchte, dass du ein Gefühl dafür bekommst, wie dieser Prozess in mir ablief, für den Fall, dass das jemand liest, der in der gleichen Situation ist.

Bevor ich weitergehe, möchte ich sagen, wie dankbar ich den Autisten in der Community bin, dass sie ihr Leben und ihre Erfahrungen teilen. Ich würde wohl immer noch mit ABA arbeiten, hätten sie nicht unermüdlich über Ableismus aufgeklärt, was mir geholfen hat, ebendiesen in meinem eigenen Leben und meiner Arbeit zu erkennen. Ihnen zuzuhören, ihren Stimmen über traumatische Erlebnisse mit ABA zu lauschen, ist es, was mich dazu brachte, aufzuhören. Und keine dieser Kritiken an ABA sind meine eigenen. Ich lernte alles von Autisten und werde viele ihrer Texte und Videos verlinken, die meine Entscheidung beeinflussten.

Da ABA in erster Linie das Leben von Autisten beeinflusst, sind es ihre Stimmen, die in dieser Diskussion am wichtigsten sind, und es ist essentiell, dass du ihnen zu diesem Thema zuhörst!

Natürlich sind die Links in diesem Post nur ein kleiner Ausschnitt aus all den unschätzbaren Informationen aus der autistischen Community – du kannst noch so viel mehr lernen, indem du nach mehr autistischen Schreibern und Sprechern suchst. Bevor du weiterliest, empfehle ich dir diese FAQ-Seite über Autismus von Autistic Hoya und dieses Video von Amythest Schaber, denn es gibt bereits eine Menge Missinformation darüber, was Autismus überhaupt ist. Und es gibt keinen besseren Experten zum Thema Autismus als jemanden, der selbst autistisch ist.

Auch möchte ich erwähnen, dass es eine Menge Formen von Therapien für autistische Kinder gibt, die „ABA“ genannt werden, aber nicht alle können als traditionelles ABA betrachtet werden und sind eventuell weniger problematisch als die Formen, die ich in diesem Post diskutieren werde. Oft wird eine Therapie als ABA bezeichnet, einfach nur um von den Krankenkassen/Versicherungen gezahlt zu werden. Daher kann es verwirrend sein, ABA zu diskutieren, wenn der Begriff benutzt wird, um eine breite Menge von Lehrmethoden zu umfassen. (Anmerkung: Hier handelt es sich um einen Bericht aus den USA. Das muss in Deutschland nicht genauso sein.) Bitte berücksichtige, dass ich von meinen persönlichen Erfahrungen spreche, wenn ich in diesem Post von ABA rede. Diese Seite bietet eine gute Zusammenfassung der Art von ABA, die ich anwendete (auch wenn ich nie genau dort arbeitete), beinhaltend Discrete Trial Training (DTT), Natural Environment Training (NET) und fehlerloses Lernen.

Als ich anfing als ABA-Therapeut zu arbeiten, hatte ich über ABA noch kaum etwas gehört und es war ein wenig unlogisch für mich. Ich googelte es und fand Seiten über Seiten mit glänzenden Berichten von Familien darüber, wie sehr ABA ihren autistischen Kindern geholfen habe. Ich sah, dass Autism Speaks, die größte und bekannteste Interessenvertretung bezüglich Autismus in den USA, ABA befürwortete. Ich sah, dass ABA als evidenzbasiert auf wissenschaftlichen Forschungen beruhe und dass es die verbreitetste Behandlung für autistische Kinder in Amerika ist. Leute, die als „Autismus-Experten“ gelten, empfahlen es sehr. Ich fühlte mich großartig bezüglich meiner Arbeit.

Wie auch immer, ich fand mich auch der ersten kritischeren Perspektive ausgesetzt. Ich wusste nicht, wie ich mit nicht-sprechenden Kindern, mit denen ich arbeitete, interagieren sollte, so sah ich mich gezwungen, eine flüchtige Recherche über die Erfahrungen von Autisten anzustellen. Schlussendlich fand ich Ido Kedars wundervolles Buch über seine Erfahrungen als nicht-sprechender Autist, und er lehrte mich, dass die Fähigkeit zu sprechen keine Rückschlüsse über die Intelligenz einer Person zulässt. Ido kritisierte ABA offen für das Ignorieren dieses einfachen Fakts, neben anderen Dingen, und er schreibt in seinem Blog darüber, wie sehr er von seinem ABA-Team unterschätzt wurde (wie in diesem Beitrag). Seine Erfahrungen ließen mich mit einigen Zweifeln zurück, aber eine einzelne negative Sicht war noch viel zu einfach wegzuwischen gegenüber all dem Positiven über ABA.

Das ist es größtenteils, was ich in den nächsten Monaten tat. Ich nahm mir einige von Idos Kritiken zu Herzen und war besorgt, ABA wäre nicht immer eine gute Option für nicht-sprechende Kinder, aber immer noch dachte ich, einigen könne es wirklich helfen. Also konzentrierte ich mich darauf zu lernen, wie ich meinen Job gut machen könnte und versuchte, die Art Therapeut zu sein, die nie an der Intelligenz der Kinder zweifelt. Ich dachte, das sei ausreichend.

Nach einer Weile entschied ich mich, mehr Meinungen über ABA von Autisten selbst kennenlernen zu wollen. Ich ging wieder auf Google und entdeckte eine aktive Online-Community von Autisten und ihren Verbündeten.

Als ich mehr und mehr Blogs und Artikel von Autisten fand, die ihr aus ABA resultierendes Trauma beschrieben, war ich so entsetzt, dass ich sie kaum zu Ende lesen konnte. Diesen Post von Unstrange Mind fand ich als einen der ersten. Und er ließ mich meinen Job wirklich in Frage stellen.

Aber ich war schnell darin, mich selbst zu verteidigen. Was immer ich las, ich würde immer etwas finden, worin sich die Erfahrungen des Autors mit ABA und meine unterschieden. Ich versicherte mir selbst, dass das ABA, das ich nutzte, nicht dasselbe war, weil wir keine Aversiva benutzten oder weil wir Optionen als Verstärker hatten, die der Autor nicht hatte, oder weil manche Kinder so viel Fortschritt machten oder weil ich mich wirklich um die Kinder sorgte.

Der letzte Grund war für mich der tröstlichste. Ich dachte, weil ich mich um das Wohl der Kinder sorgte, weil ich den starken Wunsch hatte, ihnen zu helfen, sei alles was ich tat in ihrem besten Interesse. In meiner Vorstellung gab mir das eine spezielle Immunität vor Fehlern.

Sich zu sorgen bedeutete, dass es keinen Weg gab, sie zu verletzen. Jetzt merke ich wie gefährlich diese Idee ist. Ich habe viele Menschen verletzt, um die ich mich sehr sorgte. Nur dass du dich um jemanden sorgst oder gute Absichten hast, garantiert dir nicht, dass du wirklich das Beste für ihn machst.

Aber ich war überzeugt, dass ABA nicht schädlich sein könnte, da es als Hilfe konzipiert ist, so glaubte ich jedenfalls zu der Zeit. Das Ergebnis dieser Denkweise ist, dass autistische Kinder wiederholt gezwungen werden, Dinge zu tun, die für sie unnatürlich, uninteressant oder sogar schmerzhaft sind, alles im Namen von „Therapie“ – und alles mit dem Lächeln und der optimistischen Haltung der Therapeuten, die es fordern. Die Kinder mögen weinen. Sie mögen zu entkommen versuchen. Sie mögen sich weigern. Aber sie müssen es tun, weil wir entschieden haben, dass es gut für sie ist und wir ihnen helfen. Sie mögen in dem Moment nur nicht in der Lage sein, das zu sehen oder zu verstehen. Real Social Skills schreibt sehr ergreifend über diese Art von Haltung unter Therapeuten in diesem Post.

Dieses Gesamtkonzept wird Compliance-Training (compliance = Fügsamkeit) genannt und ist ein wesentlicher Teil vieler ABA-Programme. Die Regel lautet, sobald du ein Kommando gegeben hast als ABA-Therapeut, musst du es verfolgen egal was passiert. Wenn ein Kind zu weinen oder entkommen versucht oder ein anderes „Verhalten“ ergreifen will, darfst du nicht nachgeben, weil du sonst sein schlechtes Verhalten verstärkst und es wahrscheinlicher machst, dass es das in Zukunft wieder nutzt.

Ich hoffe, du kannst erkennen wie verstörend diese Idee wirklich ist, wie ich es jetzt tue. Compliance-Training lässt dem Kind keinen Weg, „Nein“ zu sagen, sobald der Therapeut ein Kommando gab, weil jeder davon ausgeht, dass das Kind keinen triftigen Grund hat eine Handlung zu verweigern. Dieses Video von Amythest Schaber (Neurowonderwul) erklärt, warum dies so schädlich ist.

Wie Amythest erklärt, sendet Compliance-Training eine sehr schädigende Botschaft an die autistischen Kinder, indem ihnen das „Nein“ verboten wird. Es sagt ihnen, dass ihre Gefühle ungültig sind, und am schlimmsten, dass da etwas grundlegend falsch mit ihnen ist, wenn sie von Dingen verletzt oder gestresst sind, die uns nicht verletzen oder gar beruhigen. Als ob neurotypisch zu sein automatisch bedeute, wir würden wissen was am besten für jedes autistische Kind wäre.

Compliance-Training wird doppelt gefährlich, wenn es nicht in einem wirklichen Verständnis der Wahrnehmungen von Autisten wurzelt. Häufig ist ein Grundwert hinter vielen Zielen von ABA, die Kinder zu lehren, weniger autistisch auszusehen und zu handeln. Wenn ein Kind irgendein Verhalten zeigt, das „repetitiv“ (wiederholend) oder „obsessiv“ wirkt, oder Verhaltensweisen, die einfach nur von den neuroptypischen Menschen in ihrer Umgebung nicht verstanden werden, versuchen Behavioristen sie zu ändern. Stimming (selbststimulierendes Verhalten) ist das bekannteste Beispiel solchen Verhaltens, aber es kann alles sein. Auf Zehenspitzen zu gehen, über dasselbe Thema zu oft zu reden, Echolalie, ein intensives Interesse zu haben, keinen Augenkontakt zu halten, die Ohren zuzuhalten, mit Spielzeugen nicht in einer bestimmten Weise zu spielen – alles, was Behavioristen als „unangemessen“ erachten, wird zum Ziel, an dem das Kind zu arbeiten hat, um es zu verändern. (Wenn du nicht weißt, was Stimming ist, Amythest hat dazu zwei großartige Videos, die es erklären, hier und hier. Du kannst auch diesen Post von BJforShaw lesen.)

Das Problem an dieser Art von Zielen ist, dass sie den Fakt komplett ignorieren, dass jeder einen Grund für seine Handlungen hat. Nur weil jemand nicht versteht, warum ein Kind mit den Händen flattert oder sich die Ohren zuhält oder zahlreiche andere Verhalten zeigt, bedeutet das nicht, dass das Kind keinen triftigen Grund für dieses Verhalten hätte.

Da Autismus oft mit speziellen sensorischen Sensitivitäten einhergeht, ergibt es durchaus Sinn, warum Autisten auf die Welt anders reagieren als Neurotypische. Tatsächlich haben schon viele Autisten erklärt, dass es Gründe für Stimming und andere repetitive Verhaltensweisen gibt, die auf neurotypische Menschen seltsam wirken mögen – zum Beispiel, dass es ein natürlicher Ausdruck von Gefühlen ist und überwältigenden sensorischen Input zu regulieren hilft, wie Amythest in ihrem ersten Video über Stimming erklärt. Dinge, die eine neuotypische Person kaum bemerkt, wie fluoreszierendes Licht oder sanfte Hintergrundmusik, können für jemanden mit sensiblerem Sinnessystem überwältigend sein. Das bedeutet, einem Kind das Stimming zu versagen – was oft Unterbrechung oder Verhinderung des Stimmings durch körperliches Zwingen, die Hände an den Körperseiten oder auf dem Tisch zu halten, umfasst – kann physisch schmerzhaft für es sein. Julia Bascom schreibt hier darüber wie grauenhaft diese Erfahrung ist. Beim Augenkontakt ist es ähnlich, viele Autisten sprachen schon darüber, dass direkter Augenkontakt eine stark überwältigende sensorische Erfahrung ist, wie Judy Endow hier schreibt.

Compliance-Training und schädliche Therapieziele sind zwei der größten Probleme mit vielen Formen von ABA, aber es gibt noch eine Menge mehr Beunruhigung, die Autisten und ihre Verbündeten aufgeworfen haben bezüglich ABA wie sie es erlebten. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber einige weitere Probleme sind:

  • Das Benutzen expliziter Aversiva, um unakzeptables Verhalten aktiv zu verhindern (siehe diesen Post von Ink und Daggers).
  • Das Zurückhalten aller Belohnungen bis das Kind danach fragt oder es sich verdient, inklusive Essen, Pausen und Zuneigung.
  • Das Nichterlauben jeglicher Freizeit oder nur kurzer Pausen in fünf- bis acht-Stunden-Tagen (siehe diesen Post von Unstrange Mind, in dem auch viele weitere Probleme mit ABA beschrieben werden, inklusive der Ziele zum Normalisieren der Kinder).
  • Das Ignorieren von Bewegungsstörungen, die den Eindruck erwecken können, der Autist würde das Kommando nicht verstehen, während er tatsächlich nicht in der Lage sein könnte seinen Körper so zu steuern, wie er möchte, da er einen Verbindungsabbruch zwischen Geist und Körper erlebt (siehe diesen Post von Ido Kedar, diesen Post von Amy Sequenzia und diesen Post aus Emma’s Hope Book).
  • Den Behavioristen zu viel Macht zuzugestehen (siehe diesen Post von Real Social Skills).
  • Das Benutzen verbaler Anweisungen (sogenannter Prompts wie „Hände still“, „Hände schön“, „Hände runter“) und physischer Prompts, um die Kinder vom Stimming abzuhalten (siehe diesen Post von Julia Bascom).
  • Das Verwenden von Funktions-Labels, um die Fähigkeiten des Kindes zu definieren (siehe diesen Post bei Musings of an Aspie und dieses Video von Amythest Schaber).
  • Regelmäßige Anwendung physischer Beschränkungen als Lösung gegen gewalttätiges oder zerstörerisches Verhalten statt sie nur als letzte Möglichkeit zu verwenden und sich der Schädlichkeit bewusst zu sein (siehe diesen Post von Real Social Skills und diese Checkliste zur Erkennung von Gründen für Aggressionen bei We Are Like Your Child).
  • Den Kindern keine Kompetenz zuzusprechen und, damit zusammenhängend, ihnen keine passenden Mittel zur Kommunikation anzubieten (siehe diesen Post aus Emma’s Hope Book und diesen Post von Ido Kedar).

Von dieser Liste enthielt das ABA, das ich anwendete, alle außer dem ersten Punkt.

Als ich in dieses Gebiet versunken war, habe ich die ableistische Geisteshaltung, die vielen Programmen für Kinder zugrundeliegt, nicht vollumfänglich realisiert. Andere Menschen haben auf diesem Gebiet schon viele Jahre gearbeitet und sie sprachen selbstbewusst über die Lehrmethoden, die sie benutzten. Eltern vertrauten ihnen. Vielen von ihnen wurde wahrscheinlich dasselbe erzählt wie mir. Die Menschen, mit denen ich zusammenarbeitete, behandelten mich freundlich und rücksichtsvoll. Ich hörte immer und immer wieder, dass dies die einzige wissenschaftliche, evidenzbasierte Methode für autistische Kinder sei, und die effektivste, also vertraute ich den BCBA (Board Certified Behavior Analyst, in etwa zertifizierte Verhaltensanalaytiker), die die Programme für die Kinder schrieben, und ich nahm an, dass es gute Gründe für die Dinge gab, die wir taten.

Natürlich ist Ignoranz keine Entschuldigung. Ob ich mir nun die Zeit nahm, Autisten zuzuhören oder nicht, die ABA-Therapie, die ich anwendete, war schädlich für diese Kinder. Wissen oder Nichtwissen hat daran nichts geändert.

Ich brauchte eine Weile, um wirklich zu verstehen, warum viele Autisten ABA ablehnen. Ich würde aufwachen und zur Arbeit gehen, entschlossen weitere Gründe zu finden, warum mein ABA gut war. Ich würde mich freuen, meine Klienten zu sehen und zu sehen, dass meine Klienten sich freuten, mich zu sehen. Ich würde mit Menschen zusammen sein, die ich bewunderte und respektierte, über die Fortschritte einiger Kinder hören, und in diesen Momenten würde sich alles, was ich in der Nacht zuvor gelesen hatte, nur wie ein böser Traum anfühlen. Dann würde ich nach Hause gehen und weiter nachschauen, was Autisten über ABA zu sagen hatten, und erneut versuchen, mich zu überzeugen, warum mein ABA anders wäre.

In dieser Zeit versuchte ich alles, was ich konnte, um einen Weg zu finden, ABA durchzuführen ohne in ethische Zwickmühlen zu geraten, aber ich fand mich wiederholt an dem Punkt, eine Entscheidung treffen zu müssen zwischen ABA und Respekt dem Kind gegenüber.

Belohnungen zurückzuhalten, ist Teil von ABA. Die Kinder dazu zu bringen, zu reden oder Zeichen/Gesten zu benutzen, auch wenn das deutlich merkbar nicht die beste Form der Kommunikation für sie ist, ist Teil von ABA. Stimming zu löschen, Nötigung zum Augenkontakt, das Unterrichten neurotypischer Spielfähigkeiten sind Teil von ABA. Zwang zur Fügsamkeit ist Teil von ABA. Wenn ich diese Dinge nicht tun wollte, bedeutete das, ich konnte kein ABA-Therapeut sein.

Als ich schlussendlich begann, meinen Kollegen meine Bedenken mitzuteilen, bekam ich typischerweise als Verteidigung zu hören, dass ABA wissenschaftlich sei, eine evidenzbasierte Methode, und dass wir den wissenschaftlichen Studien mehr vertrauen müssten als Einzelberichten von Autisten selbst.

Aber diese Worte sind nicht wirklich so beeindruckend wie sie scheinen, in vielen Fällen von ABA. Ja, die Methoden, die bei ABA benutzt werden, sind „wirksam“, aber nur in dem Sinne, dass viele Autisten, die ABA mitmachen mussten, am Ende „weniger autistisch“ wirken. Das bedeutet, ein autistisches Kind wird durch die Anwendung von ABA mit der Grundidee der Normalisierung wahrscheinlich lernen, autistisches Verhalten zu unterdrücken. Aber das sagt nichts darüber aus, wie ABA das Selbstbewusstsein eines Autisten beeinflusst, die Gefühlslage und die Sicht der Welt. Es sagt nichts darüber aus, ob ABA ethisch vertretbar ist. Wenn wir messen, ob ABA Autisten hilft, sich sicher zu fühlen, angenommen und akzeptiert in einer vorwiegend neurotypischen Welt, dann ist es sehr unwirksam, entsprechend den überwältigenden Aussagen aus der autistischen Community.

Mal ein Beispiel. Wenn jemand ein Kind schlägt um es an etwas zu hindern, was es nicht tun soll, wird es wahrscheinlich aufhören, das zu tun, und du kannst sagen, dass Schläge eine „wirksame“ Methode sind. Man könnte sogar Daten im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie sammeln, um zu zeigen, dass das Verhalten des Kindes sich verringerte, nachdem man begann, es zu schlagen. Aber es ist offensichtlich, dass das nicht bedeutet, dass irgendjemand sein Kind schlagen sollte. Es bedeutet nicht, dass Schläge gegenüber einem Kind kein Missbrauch wären. Es bedeutet nicht, dass das Kind sich gesund und glücklich darüber fühlt, wer es ist. Missbrauch ist niemals okay und Wissenschaft kann nichts über die Ethik einer Methode aussagen.

Es ist sogar noch besorgniserregender, dass ABA von Ivar Lovaas gegründet wurde, der unumwunden seine Überzeugung erläuterte, dass Autisten nicht mal Personen wären. Dies ist ein wörtliches Zitat von ihm:

“You see, you start pretty much from scratch when you work with an autistic child. You have a person in the physical sense – they have hair, a nose and a mouth – but they are not people in the psychological sense. One way to look at the job of helping autistic kids is to see it as a matter of constructing a person. You have the raw materials, but you have to build the person.”

„Wie Sie sehen, fängt man nahezu bei Null an in der Arbeit mit autistischen Kindern. Sie sind Personen im physischen Sinne – sie haben Haare, eine Nase und einen Mund – aber sie sind keine Personen im psychologischen Sinne. Ein Weg, den Job, autistischen Kindern zu helfen, zu betrachten, ist, ihn als die Konstruktion einer Person zu sehen. Man hat die Rohmaterialien, aber man muss die Person erst erschaffen.“

Lovaas verwendete auch Elektroschocks an autistischen Kindern.

Natürlich würden heute nur wenige Menschen, die ABA anwenden, nach außen hin mit Lovaas Aussagen über Autisten als Personen übereinstimmen. Sehr wahrscheinlich sind sie sich dessen nicht mal bewusst. Aber seine Art zu denken zeigt sich heute noch deutlich in vielen Aspekten von ABA – zu viele Behavioristen setzen weiterhin den Fakt herab, dass Autisten gute Gründe für ihre Art des Verhaltens haben, obwohl es inzwischen eine große Community von autistischen Self-Advocates (Autisten, die für sich und andere Autisten sprechen, Selbst-Fürsprecher) gibt, die ihre eigenen Erlebnisse und Erfahrungen schildern.

Wenn dein Ziel ist, einer bestimmten Gruppe von Menschen zu helfen, solltest du mit zuerst sicherstellen, dass du in Kontakt mit dieser Gruppe bist, der du helfen möchtest. Ihre Stimmen sind wichtiger als irgendwessen anderer Stimmen. Und dennoch bleiben viele ABA-Programme komplett abgetrennt von den Autisten selbst.

Als ich bemerkte, dass sich auch nach dem Anbringen meiner Zweifel nichts ändern würde, konnte ich mich schließlich nicht mehr verteidigen. ABA war falsch. Und ich musste da raus. Ich stellte eine Liste zusammen mit vielen Anti-ABA-Artikeln der autistischen Community, die ich las, schrieb meinen Vorgesetzten eine E-Mail, sprach erneut mit einigen von ihnen darüber, warum ich ging, und bin dann verdammt noch mal gegangen.

Ich habe das Glück, dass ich einfach gehen konnte. Aber da sind immer noch zu viele autistische Kinder, die nicht gehen können, egal wie sehr sie wollen.

Kinder, um die ich mich sorge, sind immer noch in ABA, fünf Tage die Woche für 25 – 40 Stunden. Und es kann leicht passieren, dass sie weitere zehn Jahre oder mehr ihres Lebens damit verbringen. Viele von ihnen wachsen in diesem Bereich auf, verinnerlichen die Botschaft, dass sie schlicht fehlerhaft sind, allein weil sie mit einem anderen Neurotyp geboren wurden. Simpler Fakt ist, dass viele Autisten, die ABA erleben mussten, es als missbräuchlich beschreiben. Manche tragen gar eine Posttraumatische Belastungsstörung davon.

Wenn du im Bereich des Behaviorismus oder ABA arbeitest – wenn dein Job irgendeine der oben erwähnten Charakteristiken aufweist – nimm dir bitte die Zeit zu lesen, was Autisten sagen, und wäge genau ab, ob du tatsächlich hilfst oder schadest. Rede mit deinen Vorgesetzten und Mitarbeitern darüber, was du von den Menschen der autistischen Community gelesen hast. Frage dich, ob du dich wohl fühlst, wenn du mit einem Autisten über deinen Job redest. Ich weiß, es ist entmutigend, und ehrlich, es ist nicht leicht. Es war nicht leicht für mich. Aber ich habe es geschafft. Und das kannst du auch.

Denk immer daran: Es geht nicht um dich. Es geht nicht darum, was für dich am einfachsten oder bequemsten ist oder am besten für deine Karriere. Es geht um autistische Kinder und Erwachsene, die aufwachsen und sich dabei traumatisiert und wertlos, entwertet, fühlen. Es geht darum, Autisten wirklich zu helfen, die Gesellschaft für sie sicherer zu machen, Akzeptanz und Annehmen aller Neurotypen. Kämpfe für dieses Ziel und nicht dagegen.

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20 thoughts on “Warum ich ABA verlassen habe (eine Übersetzung)

  1. Hat dies auf butterblumenland rebloggt und kommentierte:
    Von ABA-Befürwortern wird uns Kritikern ja gerne vorgeworfen, wir hätten uns nicht richtig informiert. Oder was wir kritisieren wäre gar nicht ABA. Und es würde in den Therapien ganz anders laufen. Unsere ethischen Bedenken seien nicht korrekt.

    Lassen wir doch heute mal wieder einen ehemaligen ABA-Therapeuten zu Wort kommen.

  2. Ich wäre mal gespannt, was ABA-Befürworter in Deutschland zu diesem Text sagen. Der Vorwurf, „nicht richtig informiert“ zu sein, kann auf diese Therapeutin wohl nicht wirklich zutreffen.

    1. Genau deshalb ist dieser Text so enorm wichtig.
      Was die ganzen ABA-Befürworter den Autisten und Eltern gerne vorwerfen, kann hier nicht ziehen.

  3. Merkwürdigerweise löst sich die Aussagekraft von ABA-Wirksamkeitsstudien schnell in Luft auf,
    wenn man sich anguckt was für immense Methodische fehler bei der Durchführung solcher Studien gemacht wurden, die so veheerend auf die Aussagekraft gewirkt haben, dass es eine
    schlichte Lüge ist, wenn man von „evidenzbasierte Therapie“ spricht.
    Quelle:http://autismus-kultur.de/autismus/eltern/heilt-aba-autismus.html

  4. Hat dies auf Menschlicher Stumpfsinn rebloggt und kommentierte:
    Ihr mögt einen Sinn für zwischenmenschliche Bindungen besitzen. Aber im Grunde seid ihr, sobald ihr auf mich herab schaut nur weil ihr mich nicht versteht, einfach nur schrecklich stumpfsinnig.

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