Sommerwiese mit Kaninchen

Die Sicht verändert sich, je mehr du weißt.
Das Dumme ist nur, dass die restliche Menschheit nicht plötzlich auch weiß.

Mit jedem Funken Wissen wird die Welt so unerträglich, überall platzt es dir entgegen, kein Ausweichen möglich, alles ist klar, innen, und außen nur Wolken, der Smog der Verschwommenheit der Hirne. Bis dir nur noch das Leben in der Natur sinnvoll erscheint, ohne Menschen. Du möchtest weg, eine Insel, ein Blockhaus, ein Strand, ein Wald – und zeitgleich weißt du, dass du nicht überleben kannst. Weil du zivilisationskrank bist. In eine Welt geboren, in der der Kaninchenbraten samt Kopf im Supermarkt in der fleischfarben gutausehend machenden Beleuchtung der nicht dicht schließenden Kühlkiste liegt, irgendwo drei Fächer neben den Hähnchenschenkeln, und du weißt nicht, wie du so ein Vieh in der Natur kriegen könntest, maximal in der Theorie. Du kennst Pilze und Pflanzen, Beeren, Wurzeln, dennoch kriegst du immer noch kein Wildschwein gehäutet.
Doch selbst wenn du in der Lage wärest, dich außerhalb der Supermarktwelt vollumfänglich zu ernähren, so erlaubt dir der Staat nicht diese Freiheit. Einfach leben im Blockhaus, ohne Begrenzungen von außen – nicht in dieser Welt, nicht hier.
Und so lebst du weiter in der Supermarktwelt zwischen überteuerten Himbeeren und gefrorenen Karnickeln, quälst dich alle paar Tage durch die grellflackerndleuchtenden Regale zur Ernährung des Körpers und suchst dich selbst, wo du dich nicht in Gänze zu finden vermagst. Kriechst daheim in Computerwelten einer anderen Freiheit.
Doch im Sommer auf einer Wiese zu sitzen. Ja. Das ist der Rest der Schönheit.

Dieser Text sprang mir kurz vor der Schlusssequenz von Fight Club in meinen Kopf.

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2 Gedanken zu “Sommerwiese mit Kaninchen

  1. Oh ja, das kenn ich. Hab „Into the Wild“ in Gedanken schon als Teenager durchgespielt. Ehrlicherweise einschließlich des bitteren Ausgangs.
    Die Erkenntnis, dass man hier eigentlich falsch ist, war frustrierend, über Jahre hinweg.

    Was bleibt?

    Die heimliche Genugtuung, den Turmfalken über den Dächern zu sehen, für den die anderen blind sind.
    Die Verwunderung der Freunde, dass ich das Lagerfeuer so sorgfältig vorbereite, als wäre es eine Sprengung. („Wenn du Holz nachlegst, siehst du aus wie ein Schachspieler, der gerade am Zug ist.“)
    Und ihr Neid auf das Taschenmesser am Gürtel.

  2. Schön geschrieben, also ihr beide. Wir schaffen uns grade soweit möglich ein eigenes Universum mit dem Traum des Selbstversorgers der eh nie so klappen wird wie es toll wäre. Aber all das was wir schon haben ist wirklich eine Art innere Befreiung

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