Füreinander da sein

Füreinander da sein, was bedeutet das eigentlich?
In Beziehungen, Freundschaften? Das ist so ein Schlagwort für zwischenmenschliche Beziehungen: Füreinander da sein.

Diese Worte haben etwas sehr Zueinandergewandtes, etwas Beiderseitiges.
Zuerst denkt man sicherlich an Verben wie trösten, kuscheln, zuhören, Rat geben, Lösungen suchen für und mit dem Partner.
Es könnten einem Situationen wie diese einfallen:
Der Partner kommt von der Arbeit, dort ist es derzeit sehr stressig. Man fragt ihn, wie es ihm geht, er klagt einem seinem Leid und man bemüht sich dann, ihm zuzuhören, Rat zu geben, einen gemütlichen Abend zu zweit mit gutem Essen zu gestalten … Gemeinsame Dinge eben, füreinander.

Doch reicht diese Definition aus, um den Begriff vollumfänglich zu begreifen?

Ich möchte gerne eine Ebene höher gehen in der Definition. Füreinander da sein.
Das bedeutet doch, die Bedürfnisse seines Partners zu erfahren, zu verstehen und zu achten.

Wenn zwei Partner sehr ähnliche Bedürfnisse haben, dann fällt das leicht. Denn von sich auf andere zu schließen ist leicht. Wenn es mir schlecht geht, will ich A, also gebe ich meinem Partner A, wenn es ihm schlecht geht. Das funktioniert, wenn die Bedürfnisse meines Partners meinen ähneln.

Füreinander da sein.
Das kann aber auch mal bedeuten, dass der Partner einem Rückzug gewährt. Dass der Partner zulässt und versteht, warum man jetzt gerade den Partner nicht sehen möchte, sondern Zeit für sich braucht.
Dieses Bedürfnis ist vermutlich seltener als das Bedürfnis nach Trost, Umarmungen, Gesprächen etc., aber es ist ein mögliches Bedürfnis, dessen Achtung auch füreinander da sein bedeutet.

(Asperger-)Autisten zum Beispiel sind so Menschen, die eher mal solchen Rückzug für sich brauchen.
Ein Beispiel kann sein:
Der Asperger-Autist hat Stress bei der Arbeit. Vom Arbeitgeber kann er schlecht erwarten, dass dieser das Bedürfnis nach Rückzug akzeptiert. Der Partner jedoch, bei dem gilt diese „Regel“, füreinander da zu sein. Der Partner ist der, der es verstehen sollte, den Rückzug gewähren sollte. Dem Partner dahingend Vertrauen schenken zu können, dass er für einen da ist, indem er den Rückzug akzeptiert, der in vielen anderen Lebensbereichen schlicht nicht möglich ist ohne existenzbedrohende Konsequenzen.

Füreinander da sein. Das ist also mehr, als man auf den ersten Blick so denkt.
Wenn man einen Partner hat, der in seinen Bedürfnissen von den eigenen abweicht, müssen beide immer wieder schauen und prüfen, was gerade das Bedürfnis des Partners ist und es achten und zu erfüllen versuchen. Von sich auf den Partner zu schließen, kann dann schiefgehen.
In einer Beziehung zwischen (Asperger-)Autist und Nicht-Autist kann es dann schnell passieren, dass sich der eine bedrängt und der andere vernachlässigt fühlt.
Denn der Rückzug bedeutet mitunter auch einen kompletten Kontaktabbruch auf Zeit. Da kann ein Telefonat oder eine E-Mail schon zu viel sein. Da geht es nicht zwingend nur um rein körperliche Nähe, sondern dass wirklich Ruhe gebraucht wird vor den Personen, wo es eben möglich erscheint, sie zu bekommen. Einfach um die Kraft für die Lebensbereiche zu haben, die man nicht abschalten kann.

Füreinander da sein. Das kann eben doch auch mal bedeuten, weg zu sein.

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Ein Gedanke zu “Füreinander da sein

  1. Als neurotypischer Mensch mit einem Vierteljahrhundert Eheerfahrung kann ich das nur bestätigen! „Einander auch mal in Ruhe Lassen“ gehört für mich zu den Grundtugenden einer gelungenen Beziehung. Unter NTs sicher nicht so sehr wie bei Autisten. Aber wenn zwei untentwegt wie Kletten aneinander hängen, dann habe ich schnell den Verdacht, dass da was nicht in Ordnung ist.

    Gerade zu klassisch ist die Situation, in der „er“ sich beim Frühstück hinter der Zeitung verbirgt, während „sie“ mit ihm reden will. Andere gehen Angeln. Und das nicht der Fische wegen, sondern um in die eigenen Gedanken versunken über das Wasser zu schauen. Manche brauchen getrennte Wohnungen oder wenigstens einen Schrebergarten, wo sie zeitweilig für sich sind.

    Das Geheimis einer gesunden Partnerschaft ist, die Bedürfnisse des anderen wahrzunehmen und für beides Räume und vielleicht auch Rituale zu schaffen. Dazu allerdings müssen beide miteinander reden. ;-)

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