Ich hätte da gerne mal ein Problem …

In letzter Zeit häuft sich etwas Interessantes, aber auch Erschreckendes, das ich hier mal beschreiben möchte. Ich weiß noch nicht, wie damit umgehen, ob überhaupt damit umgehen … Aber raus muss das mal.

Immer mehr Autisten schreiben im Internet.
Sie schildern ihre Probleme, ihren Alltag, Gutes aus ihrem Leben … Und sie wehren sich auch immer häufiger!
Wehren sich gegen Ungerechtigkeiten, gegen den Missbrauch der Worte „Autismus“, „Autist“ oder „autistisch“ als Schimpfwörter, gegen Klischeeverbreitung und -verfestigung.
Das machen die meisten Autisten nicht aus Spaß am Streit, sondern aus Notwendigkeit. Kaum jemand hat wirklich Spaß daran, stundenlang Probleme zu diskutieren. Und eigentlich soll es auch gar kein Streit werden, es soll Aufklärung sein, es soll den Graben schließen, es soll Verständnis schaffen.

Ein Phänomen begegnet mir da neuerdings immer häufiger.
Das Wehren wird von einigen Menschen nicht verstanden, wird abgeblockt, wird weggeschoben. So weit, so normal. Es dauert, bis verstanden wird.
Aber oft passiert es derzeit, dass den Autisten dann schlicht vorgeworfen wird, dass sie ja aufgrund des Autismus alles falsch verstünden und deshalb das Wehren im Keim bereits ungerechtfertigt sei.

Der Autismus selbst wird also als Grund dafür genommen, den Autisten zu erklären, warum sie sich nicht wehren dürften gegen Ungerechtigkeiten bezüglich des Umgangs mit (dem Thema) Autismus.

Oft passiert das subtil. Mitten im Gespräch über den Missbrauch des Begriffs Autismus zum Beispiel plötzlich ein: „Ach so, jetzt verstehe ich es, warum du dabei so pedantisch bist. Ich las ja kürzlich, dass das so typisch für Autisten sei.“
Und ab da wird das besprochene Problem schlicht nicht mehr ernst genommen, der Autist nicht mehr ernst genommen. Bumm. Ab da kann man sein Problem schildern und erklären oder auch seine Gefühle wegsperren und einen Joghurt essen gehen, das macht keinen Unterschied.

Dass das Problem überhaupt als Problem wahrgenommen wird, liege also allein im Autismus selbst begründet, für niemand anderen, für keinen Nicht-Autisten in irgendeiner Form als Problem wahrnehmbar, also im Grunde auch nicht existent. Und der Autist müsse das einfach nur einsehen, damit das Problem auch für ihn verschwinde.
Ein Zirkelschluss, der sämtliche Argumente des Autisten invalid macht!

Das ist derart perfide und widerwärtig, dass ich weiter noch gar nicht weiß, was damit nun anzufangen.
Ich weiß nur, dass dadurch den Autisten das Recht, so zu fühlen wie sie eben fühlen, abgesprochen wird. Und das Recht darzustellen, wie sie sich fühlen. Und das Recht, für sich einzustehen.
Ein Fühlverbot mit verheerenden Folgen.

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9 Gedanken zu “Ich hätte da gerne mal ein Problem …

  1. Ich verstehe dein Problem nur zu gut. Ich hoffe, daß die Medienaufmerksamkeit bleibt bis auch die ‚Guten‘ das Thema aufgreifen und echte Aufklärung betreiben. Ich jedenfalls respektiere jeden und jede Art zu denken (hoffentlich) und werde wo immer ich kann in meinem Umfeld laut schreien, wenn‘ s die Leute nicht kapieren. Denn ich habe gute Freunde aus dem Autismusspektrum auf Twitter gefunden. (Bin – muß ich gestehen – aber auch manchmal noch unsicher beim Gebrauch von Begriffen etc. Man möge mich korrigieren, wenn nötig, bitte.)

  2. Ich empfinde ähnlich!

    Und ich weiß auch noch nicht, warum Autisten sich und den Autismus nicht so ernst nehmen dürfen und sich entsprechend wehren dürfen.

    Ich verfolge die ungute Diskussion über Nuhr [ Anmerkung der Redaktion: https://de-de.facebook.com/nuhr.de/posts/558571054198191 ], der gar nicht weiß, was er angerichtet hat.

    Und lese da Dinge, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Und ich kann da nicht mit umgehen!

  3. Diese Dynamik ist dafür verantwortlich, dass ich mit meinem ‚Outing‘ sehr selektiv umgehe. Es passiert leider nicht nur mit dem Thema Autismus an sich, sondern mit eigentlich allen, aber vor allem kontroversen Themen.
    Mein Urteil über Menschen wird grundsätzlich gefiltert. Wie viel davon ist Autismus, wie viel Auseinandersetzung mit der Person um die es geht (in einem Gespräch über Dritte)? Ich kann ja gar nicht eine Person oder ihr Tun beurteilen, weil ich ja eine ‚tiefegreifende Persönlichkeitsstörung‘ habe. Wie sollte ich da wissen, wie sich ’normale‘ Menschen verhalten?
    Ähnlch fühlen sich Diskussionen über Politik oder soziale Phänomene an. Oft habe ich leider das Gefühl nicht ernst genommen zu werden. Mittlerweile lege ich diesen Filter im Vorfeld soweit wie möglich selber an. Bescheuert.
    Was das Thema Autismus an sich angeht, da fange ich ehrlich gesagt erst gar nicht an. Es gibt nicht eine Hand voll Leute in meinem Umfeld, die genug Aufwand betrieben hätten, sich mit dem Thema ernsthaft auseinander zu setzen, dass ich mit ihnen darüber sprechen würde. Manche kennen meine Diagnose und ich kann förmlich die Vorurteile und einfachen Erklärungen in ihren Köpfen spüren. Da weiß ich, dass es keinen Sinn macht, das Thema zu vertiefen.

  4. Der Titel „Ich hätte da gerne mal ein Problem …“ ist bezeichnend:
    Wer hat hier eigentlich ein Problem?
    Und wer hat es zu lösen?
    Wenn man einem Komiker erklären muss, warum sein „Witz“ nicht funzt und dieser das trotzdem nicht begreifen will, dann ist es das Problem des Komikers. Nur merkt er es nicht. Und damit macht er sich sich selbst zu einer tragischen Firgur.
    Wenn Menschen sich mit Hilfe von Vorurteilen davor schützen wollen, ihre Vorurteile abbauen zu müssen, dann sind haben diese Menschen ein Verstehensdefizit, und das ist wiederum *deren* Problem.
    Traurig ist nur, dass es die Falschen sind, darunter zu leiden haben, nämlich ihr Autisten. Das hast du ja treffend beschrieben.
    Trotzdem möchte ich euch bitten, weiter zu machen!
    Mit der Aufklärung darüber, wer und wie ihr wirklich seid!
    Und natürlich auch mit eurem Protest gegen offene und unterschwellige Diskriminierung!
    Denn es gibt auch die anderen. Leute, die euch nicht unter dem Schema „Autist“ betrachten, sondern die merken: Da ist ein wundervoller Mensch! <3

  5. Diese Argumentation ist ja so verletztend! Ich wünsche mir und Dir, dass sie so wenig Einfluss nimmt, wie angemessen wäre. Aber ich weiß aus eigener Erfahrung, dass sie völlig aus der Bahn werfen kann (RW).

    Ich kenne diesen Mechanismus von früher. Wenn es um die Rechte von (hier alles einsetzen, was mal neu war) ging, wurde nach ähnlichem Schema verfahren: Es wurde in den angeblichen Defiziten gesucht um die Opposition zur jeweils angenommen herrschenden Meinung als wahlweise „nicht objektiv“, „weniger wichtig als die „Sache“ usw. (hier den jeweiligen Mainstream einsetzen) zu diskreditieren und soweit abzuwerten, dass man sich nicht mehr damit befassen musss.

    Die Zeit hat gezeigt, dass es nichts genutzt hat: Kinder dürfen nicht mehr geschlagen werden, Frauen nicht mehr diskriminiert, „Behinderte“ nicht mehr ausgesondert, weggesperrt und mundtot gemacht werden. Jeder weiß, dass diese Dinge dennoch getan werden. Aber – jetzt sind sie Unrecht, können verfolgt, die Ausführenden belangt und die Taten geahndet werden.

    Das ist der Fortschritt, so klein er auch ist, er ist bedeutend.

    Zur Sache selbst: Es ist wichtig zu wissen, dass das weder mit der sich wehrenden Person zu tun hat, noch mit dem Objekt der Kritik durch Dritte (hier: Autismus). Es ist ein Mechanismus, der vom Objekt abstrahiert werden kann, wenn man ihn einmal durchschaut hat. Die Verletzung aber bleibt und man muss einen Weg finden, damit umzugehen. Das ist sehr, sehr schwer.

    Wie ich diese Art, gegen Neues zu argumentieren finde? Abscheulich, widerwärtig … ich fürchte, ich finde keine Worte, die angemessen und veröffentlicht werden können.

    Ich wünsche Dir und den anderen Aktiven viel Kraft, Besonnenheit und ein ganz, ganz dickes Fell (RW)! Und eine Menge Glück :-)

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