PID, (Spät-)Abtreibungen und Heimunterbringung

Heute gehe ich mal schwierige Themen an. PID, (Spät-)Abtreibungen und Heimunterbringung und meine Gedanken dazu.

PID – Präimplantationsdiagnostik

Die PID dient unter anderem dazu, vor der Implantation von befruchteten Eizellen bei einer künstlichen Befruchtung zu dem Zeitpunkt bereits erkennbare Behinderungen auszuschließen. Solche Eizellen werden dann nicht implantiert. PID ist ein Instrument, das ausschließlich bei der künstlichen Befruchtung angewandt wird, das sollte man dazu wissen.
Es ist durchaus verständlich, dass Eltern sich ein gesundes Kind wünschen. Wenn sie den Weg der künstlichen Befruchtung gehen, haben sie da halt ganz andere Möglichkeiten einer Vorabauswahl. Die sind bei einer natürlichen Befruchtung nicht gegeben.
Vermutlich kann man sich nun lange darüber streiten, wie moralisch oder ethisch es sei, vorab über irgendwelche Eigenschaften des werdenden Kindes zu entscheiden. Da halte ich mich eher raus. Ich habe eher die Meinung, dass Menschen, die auf natürlichem Weg kein Kind bekommen können, halt keins bekommen können. Ich halte also von künstlicher Befruchtung an sich nicht sonderlich viel. Zumal diese Menschen auch ein Kind adoptieren könnten.
Aber da kann ich jenen, die sich dafür entscheiden, wohl auch kaum reinreden.

Abtreibungen und erweiterte Abtreibungsfrist bei Behinderungen

Ein enorm schwieriges Thema. Ich bin im Großen und Ganzen (Achtung! Aufmerksam lesen!) eher generell gegen Abtreibungen. Frühe, späte, wegen Behinderung oder nicht … Vollkommen egal.
Ich bin der Ansicht, dass fruchtbare Menschen, die Sex haben, immer damit rechnen müssen, auch ein Kind zu zeugen. Wer das definitiv nicht will, sollte keinen Sex haben. Wer das Risiko einer Schwangerschaft vermindern will, sollte verhüten, aber durchaus damit rechnen, dass keine Verhütungsmethode 100 % sicher ist – abgesehen von operativen Eingriffen zur Unfruchtbarmachung.

Wer sich ein Kind wünscht, sollte damit rechnen, dass da nicht zwingend das Kind rauskommt, das er sich erträumt hat. Meiner Meinung nach sollten Eltern schlicht keine Erwartungen an ihr noch nicht mal geborenes Kind stellen. Weder an seinen Charakter, noch an seine Optik, sein Geschlecht, seine Berufswünsche, Kirchenzugehörigkeit, körperliche oder geistige Unversehrtheit …

Da ich aber nun auch nicht naiv bin (Und bevor mir jetzt Inkonsequenz unterstellt wird, verweise ich auf das oben hervorgehobene Wörtchen eher!), ist mir durchaus klar, dass es für jede Frau Gründe geben kann, ein Kind, das aus irgendwelchen Gründen dann doch gezeugt wurde, nicht bekommen zu wollen.
Ich kann verstehen, dass zum Beispiel eine Frau, die durch eine Vergewaltigung schwanger wurde, das Kind ggf. nicht austragen möchte – auch wenn ich eine Frau, die ich im Fernsehen sah, die genau das tat mit der Begründung, das Kind sei das einzig Positive, was aus der schrecklichen Tat hervorgegangen sei, sehr bewundere.
Ich kann verstehen, dass Menschen in Lebenssituationen sein können, in denen sie sich nicht gewachsen sehen, ein Kind aufzuziehen. (Dass sie dann besser verhütet hätten, ist eine andere Sache, es geht um den Fall, dass es nun mal passiert ist.)
Ich kann auch verstehen, dass es sicherlich viele Menschen gibt, die sich gerade dem Aufziehen eines behinderten Kindes nicht gewachsen sehen.

An der Stelle ist halt die Frage, ob und wenn wie man die Menschen in unserer Gesellschaft besser auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten kann. Dieses Thema ist für mich eng damit verknüpft. Wäre die Gesellschaft so, und ja, das mag eher utopisch sein, dass jeder Mensch sich finanziell und seelisch stark genug fühlen könnte … Ich denke, Utopien sind dazu da, Möglichkeiten zu sehen und zu versuchen, in diese Richtung zu gehen, nicht um sie eben als Utopie einfach abzutun.

Jedenfalls, so wie die Gesellschaft derzeit halt ist, rede ich keiner Frau da rein. Ggf. bringe ich ihr Argumente, aber entscheiden muss sie selbst. Zumal mir auch bewusst ist, dass eine Abtreibung für die Frau in der Regel keine leichte Entscheidung und kein Späßchen zwischen zwei Kaffeekränzchen ist.
Und ja, trotz meiner eher gegen jegliche Abtreibung gerichteten Einstellung, habe ich bereits eine damalige Freundin zu einer solchen gefahren und sie seelisch unterstützt, soweit es mir möglich war.

Wie also zu sehen, ist das insgesamt ein enorm schwieriges Thema, dem ich allein mich schon von vielen Seiten nähere, da es da einfach keine pauschal passende Reaktion darauf gibt.

Nun speziell zu den Spätabtreibungen:
Ich persönlich finde den Gedanken daran ganz schrecklich. Viel mehr kann ich zu meiner persönlichen Sicht dazu kaum niederschreiben.

Rein rechtlich ist es so, dass eine solche Spätabtreibung allein mit der Begründung, das Kind komme mit einer Behinderung zur Welt, seit 1995 in Deutschland verboten ist. Eine erweiterte Abtreibungsfrist bei Behinderung des werdenden Kindes gibt es also nicht.
Erlaubt jedoch ist eine Spätabtreibung sogar bis kurz vor dem Geburtstermin, wenn die Gesundheit der Mutter dadurch gefährdet ist. Und zwar die körperliche und die seelische. Wenn also eine werdende Mutter glaubhaft versichert, dass sie durch das Gebären eines behinderten Kindes seelisch stark beeinträchtigt wird, kann sie das Kind bis kurz vor der zu erwartenden Geburt abtreiben lassen.
Um dazu eine Quelle zu nennen: http://www.hilfreich.de/spaetabtreibung-rechtslage-deutschland_9135

Beides ist wichtig. Der Schutz des ggf. behinderten Kindes genauso wie die Unversehrtheit der Mutter.
Und damit komme ich wieder zum Gesellschaftsproblem. Wenn die Gesellschaft so wäre, wie ich sie mir wünschte, gäbe es weniger werdende Mütter, die die Geburt eines behinderten Kindes als psychisch unverkraftbar empfinden oder deklarieren würden.

Wie ich auch an das Thema herangehe, ich lande immer und immer wieder dabei, dass die Gesellschaft sich ändern müsste, gestärkt werden müsste, um sich ändern zu können, somit also jeder einzelne Mensch gestärkt werden müsste. Und das führt unweigerlich zu einer politischen Debatte über Mindestlöhne, BGE, Schwerbehindertenausweise, Arbeitsplätze für behinderte Menschen, Integration, Inklusion, Vielfalt …
Es ist nicht abgrenzbar. Es ist nicht möglich, Abtreibungen, Spätabtreibungen, Behinderungen etc. zu diskutieren, ohne diese Aspekte zu berücksichtigen.
Man kann einfach nicht dauerhaft am einen Ende rumflicken und das andere zerfallen lassen. Diese Themen sind verknüpft.

Heimunterbringung behinderter Kinder

Wer ein Kind austrägt, sich aber dann nicht gewachsen sieht, es aufzuziehen, hat sicherlich verschiedene Möglichkeiten, von Hilfen zur Erziehung über Adoptionsfreigabe bis hin zur Heimunterbringung. Viele der Möglichkeiten sind sicherlich nicht so, wie ich sie mir wünschen würde, und bumm, bin ich wieder bei der Gesellschaft und der Politik. Aber sicherlich zwinge ich keine Eltern dazu, ihr Kind aufzuziehen, wenn sie es ohnehin nicht gebacken kriegen. Dazu kenne ich zu viele Menschen, die durch ihre Eltern verhunzt wurden.
Es gibt schlicht viel zu verbessern auf diesem Planeten, in dieser Gesellschaft, in dieser Politik. Pauschal ist da schlicht gar nichts!

Abschließend ein Bezug zu meinem Autismus

Mein Leben ist lebenswert. Ich mag es. Natürlich geht es mir auch mal mies. Und mir geht es auch mal super. Meist geht es mir normal.
Dass es (behinderte) Menschen gibt, die niemandem zumuten wollten, ihr Leben leben zu müssen und daher kinderlos bleiben, ist für mich ok. Mein Leben jedenfalls ist nicht so scheiße, dass ich es niemandem zumuten könnte.

Ich persönlich fände es bedauerlich, wenn sich werdende Eltern dazu entschieden, ein autistisches Kind abzutreiben. Denn oft würde es vorwiegend an Desinformation liegen, die Ängste schürt. Das sehe ich daran, dass durchaus aufgebrachte Eltern in die Selbsthilfe von Autisten kommen und dort schildern, dass sie nichts wissen, und was sie denn nun tun sollten, wie sie mit dem Kind denn nun umgehen sollten. Da hilft Aufklärung. Da würde auch wieder eine Verbesserung genannter gesellschaftlicher und politischer Aspekte helfen.
Ein steiniger Weg.

Und ja, ich denke, dass Autisten die Gesellschaft bereichern. Genauso Menschen mit Down-Syndrom, die schon seit Jahren (un-)dank Früherkennung in wesentlich geringerer Zahl ausgetragen als gezeugt werden – was bei Autismus derzeit noch nicht möglich ist.

Und ja, ich denke, dass eine Gesellschaft mit vielfältigen Menschen sehr gut funktionieren kann. Und dass das Funktionieren einer Gesellschaft über kurz oder lang nicht mehr nur rein wirtschaftlich betrachtet werden kann.

Und nein, ich suche mir meine Partner nicht nach Diagnose aus, um die Gesundheit meiner möglichen Kinder zu beeinflussen. Wenn ich einen Autisten träfe, mit dem ich Kinder wollen würde, dann wäre das genauso ok für mich wie wenn ich einen NA (Nicht-Autisten) träfe, mit dem ich Kinder wollen würde. Für mich spielt da mehr eine Rolle als nur die Diagnose, bei der Partnerwahl, auch für die Familiengründung.

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2 Gedanken zu “PID, (Spät-)Abtreibungen und Heimunterbringung

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