Leichter Autismus – Schwerer Autismus

Autismus wird gerne, vor allem von Nicht-Autisten, in „leicht“ und „schwer“ eingeteilt.
Ich wehre mich stets gegen diese Einteilung von außen. Warum?

Ich teile Autismus höchstens ein in „nach außen auffälliger“ oder „nach außen unauffälliger“.
Schon allein, wenn ein Mensch nach außen sehr unauffällig ist, macht es das mitunter nicht leichter sondern schwerer.

Eine Situation:
Stell dir vor, du triffst zwei Autisten. Der eine ist sehr auffällig, der andere sehr unauffällig. Beide können etwas nicht, zum Beispiel eine Diskothek besuchen, weil sie dort einen Overload auf Grund der Lichtreize bekämen. Dem ohnehin auffälligeren würdest du vielleicht sagen: „Ok, ja, ich verstehe, dann bleib doch daheim.“
Und dem unauffälligeren? Wenn du nichts von seinem Autismus weißt oder nicht viel über Autismus weißt? Vielleicht dies: „Stell dich nicht so an, komm schon, geh doch mit, enttäusch mich nicht!“

Der auffälligere wird verstanden oder es wird zumindest akzeptiert, dass er auf Grund seiner Behinderung einige Dinge nicht kann oder anders macht. Der unauffälligere muss jetzt nicht nur damit leben, dass seine Behinderung ihn an der Teilhabe hindert, sondern auch noch damit, Menschen enttäuscht zu haben, und damit, Vorwürfe zu bekommen.
Wessen Autismus ist jetzt leichter oder schwerer?

Zudem ist Autismus ein Spektrum. Autist X hat Symptome ABC stark ausgeprägt, DE nur ein bisschen und F gar nicht. Autist Y hat mit AB keine Probleme, CEF stark ausgeprägt und D nur ein bisschen. Und so weiter.
Das ist nicht linear einteilbar in leicht und schwer! Die einzelnen Symptome, ja, das ganze Syndrom, nein.

Auch ist es so, dass jene Autisten, die nach außen eher unauffällig sind, nahezu durchgehend große Leistungen erbringen, um eben unauffällig zu sein.
Dran denken, ab und an in die Augen zu schauen im Gespräch, dran denken, dass andere Menschen zwischen den Zeilen reden, überlegen, ob etwas anderes gemeint sein könnte als die reine Sachebene, Stimming unterdrücken, zusehen, den Meltdown oder Shutdown nicht mitten vor den Leuten zu kriegen, sich selbst beobachten, lernen, den Overload rechtzeitig zu bemerken und sich unauffällig kurz zurückzuziehen …

Ich möchte keinem Autisten, der nicht sprechen, nicht arbeiten, sich nicht selbst anziehen kann oder was auch immer, absprechen, dass es ihm eventuell schlechter geht als mir. Aus nicht-autistischer Sicht geht es ihm ganz sicher schlechter als mir. Er kann ja nix!
Aber wie ist es aus seiner Sicht? Ist er vielleicht glücklich, wenn er in einer für ihn passenden Umgebung lebt? Kann er wirklich nichts? Was denkt er?

Ich denke, so einfach ist es eben nicht, nur von außen auf die Menschen zu schauen. Nur zu schauen, kann der Mensch an dem teilnehmen, was die Mehrheit als normal empfindet, und wenn er das nicht kann, dann muss es ihm ja schlecht gehen, dann muss es ja sehr schwerer Autismus sein.
Und wenn der Mensch nach außen gar nicht so sehr auffällt, vielleicht sogar arbeiten geht, auch mal mit in die Diskothek kommt, was hat er dann schon? Der soll sich nicht so anstellen. Wenn der überhaupt Autismus hat, dann doch wohl nur sehr leichten!
So einfach, nein, so einfach kann das nicht sein.

Dieses Thema hat auch @h4wkey3 in diesem Artikel beleuchtet. Sehr lesenswert.

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6 Gedanken zu “Leichter Autismus – Schwerer Autismus

  1. Richtig gut, deckt sich mit meiner Wahrnehmung! Ich bin überangepasst unterwegs, meinen Autismus merken mir nur wenige Menschen an. Mir fällt immer wieder auf, dass wenn ich sage: „Ich mag nicht mehr, das wird mir jetzt zuviel.“ die anderen meinen, dass ich mich wohl noch zusammen nehmen könne usw. Wenn aber jemand anderer das sagt (es muss nicht mal eine Person aus dem autistischen Spektrum sein), dann haben sie plötzlich grosses Verständnis. Ich glaube auch, dass die Kategorisierung leicht/mild bis schwer/stark beim Autismus nicht funktioniert. Der Leidensdruck den ich durch das Asperger-Syndrom habe ist weit grösser als was von aussen festgestellt werden kann.

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