Ich töte keine Menschen!

Zuletzt bloggte ich, dass mich Menschen fragen, ob ich als Autist überhaupt mitfühlen könne.
Jetzt gerade mache ich genau das. Ich fühle mit mit jenen, die den Amoklauf in Newtown miterleben mussten.

Und dann erfahre ich, der Amokläufer soll Autist gewesen sein.
Ausschließen kann ich das nun nicht, aber wie das Eingang in die Berichterstattung der Medien, insbesondere SpOn, gefunden hat, bestürzt mich zutiefst. Als Begründung, als Entschuldigung, als Abstandshalter. “Ah, der ist anders, alles klar!”

Einige Autisten bloggten schon darüber. Ich kann auch kaum noch mehr dazu schreiben.
Realitaetsfilter: Lieber Spiegel-Online
AutZeit: Fremdbestimmt
aspergerfrauen: Mein Name ist Sabine und ich bin keine Massenmörderin
quergedachtes: Autismus: Das Medienbild und die Wirklichkeit
Am Abend stelle ich dann fest, dass ein Mitarbeiter von SpOn auf Twitter noch versucht, das zu verharmlosen, und dann ausschließlich auf Tweets von Nicht-Autisten reagiert und die der Autisten ignoriert.
Die Autorin selbst hält sich auf Twitter bislang gänzlich geschlossen dazu.

Wie soll ich je offen umgehen mit meiner Diagnose? Ohne Angst? Wie, SpOn?
Ich töte keine Menschen!

Weitere Artikel:
OT: Newtown, Connecticut
Adam Lanza und sein angeblicher Autismus
Populismus pur. Asperger, das Attentat in Newtown und die Rolle von Spiegel Online
Meet Autismus
Offener Brief von AutZeit
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Heute kommentiert zum Thema “Autisten als Amokläufer”
Küchenpsychologie, heute: Asperger
Feiertagsblues
Fickt euch, Medien!
Post Mortem
Medienversagen: Wenn Autismus zur Gefahr wird
Mehr Links in den Pingbacks unter dem Artikel bei den Kommentaren. Vielen Dank an alle Leser, Verlinker, Kommentatoren, Selbst-was-Schreiber und Positiv-über-Autismus-Denker!

Nachtrag 16.12.2012 11:36 Uhr:
Die Autorin des SpOn-Artikels äußert sich inzwischen auf Twitter. Es soll ein Update des Artikels geben oder einen weiteren Artikel. Ich bin gespannt.
Dies klingt zunächst positiv:

Bei diesem Tweet jedoch frage ich mich, ob Journalisten nicht ganz genau wissen, wie sie welche Wirkung erzielen:

Derweil machte ich einen konstruktiven Vorschlag:

Andernorts passiert dies:

Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was auf Twitter los ist auf Grund dieses SpOn-Artikels.

Nachtrag 16.12.2012 12:57 Uhr:
SpOn hat einen Mininachtrag an den Artikel gehängt. Mein Kommentar dazu:

Merken die eigentlich noch was?

Nachtrag 17.12.2012 09:50 Uhr:
Seit gestern bin ich dabei, stets weitere Blog-Artikel einzufügen, damit hier die Masse der Reaktionen zu sehen ist. Auf Twitter war viel los, viele Autisten und Angehörige von Autisten schrieben Briefe an SpOn. Gut so!
Der SpOn-Artikel hat einen neuen Absatz bekommen, der das alles relativieren soll. Tut er aber nicht. Die Überschrift langt, der Text haftet sich als Zusammenhang Autist – Amok in die Hirne einiger Menschen, hoffentlich nicht vieler Menschen. Auch ändert dieser neue Absatz nichts an den fehlerhaften Fakten im Artikel. Nur 100 hochbegabte Autisten weltweit. Wer hat denn da mal wieder den Unterschied Autismus – Savant – Hochbegabung – Inselbegabung nicht geschnallt? Das nur als Beispiel.
Es wird einfach nicht besser, egal was sie da noch dran rumfummeln bei SpOn. Ich empfehle: Finger weg, Löschknopf betätigen, Entschuldigung schreiben (keine Floskeln, und bitte zuerst schlau machen diesmal) und Autisten zu Wort kommen lassen!
Hier sind übrigens zwei zu hören, @h4wkey3 und @Wendelherz:
Angriff der Killerautisten – TUK2 mit @wendelherz und @h4wkey3

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25 Antworten zu Ich töte keine Menschen!

  1. Pingback: Lieber Spiegel-Online, auf Realitaetsfilter

  2. Pingback: OT: Newton, Connecticut | Die Amy bloggt

  3. Splitterraum schreibt:

    Ich habe dazu schon im Realitaetsfilter einen Kommentar verfasst. Und da dieser Kommentar recht ausführlich ist, verweise ich jetzt nur auf ihn, auch wenn er aus meiner Sicht eine eindeutige und klare Aussage trifft, die hier sehr gut hinpassen würde.

    Hier nun möchte ich aber nicht nur wiederholen, wie sehr mich der unprofessionelle Journalismus berührt und fassungslos lässt. Hier nämlich will ich darüber hinaus klarzustellen, dass zwei Konsequenzen unbedingt folgen müssen, auch wenn ich glauben will, dass das Ergebnis des Artikels so nicht beabsichtigt sein dürfte.

    Es muss erstens eine sehr präzise korrigierende Klarstellung der Passagen zum Autismus-Zusammenhang erfolgen. Zweitens muss, was weitaus wichtiger ist, darüber ausführlich reflektiert werden, dass hier das Verhältnis zwischen NT / AUT, was ohnehin nicht nur mangelhaft gefördert, sondern sogar verfassungswidrig vernachlässigt wird, erneut empfindlich gestört wird.

    Tacheles: Wie zum Teufel sollen wir die ohnehin oft inhärent erheblichen zwischenmenschlichen Verstehensprobleme zwischen NT und AUT mildern, wenn kurz vor Weihnachten ein so trauriges Ereignis wie dieser grausame Amoklauf in diesen Zusammenhang gestellt wird?

    Und dann muss nach dem “Verstehen” ohnehin noch ein “Tun” folgen, das gerade von uns NT einen großen Vertrauenssprung in eine für uns häufig noch zu fremde Wahrnehmung bedeutet. Dies braucht Konzentration und festen Willen und beides nicht aus Mitgefühl oder weihnachtlicher Fürsorge, sondern aus simpler Verpflichtung, die wir genau jetzt und schon zu lange rechtswidrig verschlabbern.

    Und dann dieser Artikel. Jetzt. Na, super.
    Glückwunsch auch!
    Das war echt daneben..

    Splitterraum

  4. Pingback: Küchenpsychologie, heute: Asperger — Carta

  5. Pingback: Offener Brief « autzeit

  6. Pingback: Heute kommentiert zum Thema “Autisten als Amokläufer”

  7. Pingback: Selbst Schuld, Newtown, Connecticut | TheManWithTheHat's Weblog

  8. Pingback: Die ekelhafte Berichterstattung von Spiegel Online. /cc .@lyssaslounge (Katharina Borchert, CEO Spiegel Online) « pixlpop.de

  9. Pingback: Klicks don’t kill people, people do » YOUdaz.com

  10. Andre schreibt:

    Ich hab mich in http://www.compyblog.de/archives/5011-Amoconneticut.html auch mal ausgelassen über die Berichterstattung, wobei es erst nur um die Berichterstattung allgemein ging, aber dann hab ich vorhin noch extra einen Absatz eingebaut für den Dünnfug von Frau Briseno. So viel Ignoranz will gewürdigt werden.

  11. Pingback: Statement zur aktuellen Berichterstattung – Amoklauf in Newtown « Autismus macht Schule

  12. Pingback: Ulf. Mehr oder minder täglich Privatkram.

  13. Pingback: Laute Stimmen - Fuck you, I'm human.

  14. lawgunsandfreedom schreibt:

    Ich bin Sportschütze. Ein Schützenkamerad von mir ist ebenfalls Asperger-Autist. Der Mann hat einen guten Job, Frau, Kinder, lebt in geordneten Verhältnissen, hat einen schrägen Geek-Humor und ein paar Eigenheiten, mit denen ich gut leben kann, auch wenn ich sie nicht so ganz begreife. Und der Spiegel will mir jetzt so quasi einreden, daß ich mir Sorgen machen müsste? Wer hat denen ins Hirn geschissen?

    Unsere Journaille ist immer schnell dabei Leute zu stigmatisieren und zu diskriminieren, wenn sie nicht in’s “Raster der Normalität” passen – eine Pseudo-Normalität, die in Teilbereichen vollkommen irre ist. Aber dieser Irrsinn ist ja gesellschaftlich akzeptiert. Wenn man ihm nicht folgt, dem ungeprüften und unhinterfragten “Normalbild” nicht entspricht, dann gilt man als anomal und wird ausgegrenzt.

    Was da abläuft ist nur noch mit diffusen Ängsten zu erklären. Da wird nicht hinterfragt, da wird nicht recherchiert, da wird ein haariger Primat mit all seinen Urängsten von der Leine gelassen. Der Primat kann sich gut ausdrücken, kann Krawatten tragen und sich die Zähne putzen, aber er begreift nicht wirklich, daß das, was er von sich gibt, wenig bis nichts mit Intelligenz zu tun hat, dafür eine ganze Menge mit unreflektierten Emotionen, mit Annahmen und Vorurteilen.

    Nicht nur der Spiegel verzapft oft so einen Unsinn. Aber bei dem Anspruch den der Spiegel an sich selbst hat und von dem er seit Jahrzehnten zehrt, erwartet man mehr Qualität als man bekommt. Seit Jahren sinkt die Qualität. Aus Meinungsbildung wird Meinungsmache. Es werden Vorurteile bedient, die ich bei BILD erwarte – aber doch nicht beim Spiegel. Können die Journalisten kein Deutsch mehr? Können sie nicht neutral und distanziert berichten? Wägen sie nicht mehr ab? Prüfen sie nicht mehr, was beim Leser ankommt und wie der es auffassen könnte/wird? Oder schlimmer? Machen die das vielleicht sogar absichtlich?

  15. Pingback: Zwischen Genie und Wahnsinn » „Asperger-Syndrom: Blind für die Emotionen anderer Menschen“

  16. Pingback: Autismus und die medialen Nachwehen | quergedachtes

  17. Rincewind schreibt:

    Zwei Fragen drängen sich mir auf (ohne den Spiegel-Artikel gelesen haben):
    1. Wenn Menschen mit Asperger-Syndrom so emotionslos wären, wie SpOn das offenbar annimmt bzw. behauptet, welche Motivation nimmt SpOn dann für einen solchen Menschen an, die ihn zu einer solchen Tat veranlassen könnte? Das schlösse Menschen mit Asperger-Syndrom doch schon begrifflich als Amok-Läufer aus!
    2. Warum werden eigentlich in allen Artikeln die ich dank Bildblog jetzt zu diesem Thema gelesen habe, Menschen mit Asperger-Syndrom konsequent mit “Autisten” gleichgesetzt?
    Sicher, das Asperger-Syndrom zählt zu den sogenannten Autistischen Störungen, aber die Unterschiede zwischen Menschen mit Asperger-Syndrom und Menschen mit frühkindlichem Autismus sind doch so gewaltig, dass eigentlich niemand auf den Gedanken kommen dürfte, beides unter dem verkürzten Begriff “Autismus” zu subsummieren (jetzt mal ausser Acht gelassen: die ganzen Menschen auf die weder die eine noch die andere Diagnose passt, die aber in irgendeiner Form “autistische Verhaltensweisen” zeigen und deshalb das Label “Atypischer Autismus” erhalten und bei dieser verkürzten Bezeichnung natürlich auch noch mit subsummiert werden)

    • dasfotobus schreibt:

      Zu 2.:
      Weil das Asperger-Syndrom Autismus ist. 2013 werden im DSM V alle derzeit noch getrennt aufgeführten autistischen Störungen zusammengefasst zur Autismus-Spektrum-Störung. Und das ist auch passend so.
      Spätestens im Erwachsenenalter sind Kanner-Autisten (frühkindlicher Autismus) HFA (High Functioning Autism) oft nicht mehr von Asperger-Autisten zu unterscheiden. Es gibt keine klare Grenze. Und diese künstlichen Grenzen werden auch im DSM und nachziehend vermutlich auch in der ICD verschwinden.
      Ich bin Asperger-Autist. Und oft genug schreibe ich auch verkürzt Autist. Einfach weil ich da keinen großen Unterschied mache. Die Diagnosekriterien unterscheiden sich ja auch kaum. Kanner HFA und Asperger unterscheiden sich derzeit allein durch den Zeitpunkt des Spracherwerbs und durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein motorischer Probleme. Sprache und Motorik werden bei der neuen Regelung in separate Diagnosen ausgelagert, soweit ich das bis jetzt mitbekommen habe. Dann ist der letzte Unterschied weg.
      Die Ausprägung nach außen hin ist halt von Autist zu Autist verschieden. Linear messbar ist das nicht.

  18. Pingback: Autism and the Repercussions in the Media | My Autism explained

  19. Pingback: Jetzt erst recht! – und was Spiegel Online damit zu tun hat | Lady Pillow erzählt

  20. Pingback: Welches Ziel verfolgen Sie? | dasfotobus

  21. chris schreibt:

    Ich hänge diesen Beitrag gern mal an.
    In welcher Form und in welchem Ausmaß deutsche Onlinemedien wie Bild.de, “Spiegel Online”, “Focus online”, FAZ.net oder sueddeutsche.de in der ersten Woche über die Ereignisse von Newtown berichtet haben, haben wir in einer Übersicht zusammengefasst:

    Die deutsche Online-Berichterstattung über den Amoklauf in Newtown (PDF)

    http://www.bildblog.de/45174/newtown-im-deutschen-onlinejournalismus/

  22. Pingback: Ein Amoklauf und ein Schämen : journalist on the road

  23. Pingback: Jetzt erst recht! – und was Spiegel Online damit zu tun hat | NarkAspie

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