Lockerer werden

Dieser Kommentar hat mich nachdenklich gemacht:
Kommentar zum Politischen Autismus
Bzw. bringt er mich auf einen Punkt, über den ich unterschwellig schon öfter nachdachte, zurück.

Das ist schwer in Worte zu fassen und schwer greifbar.

Politische Korrektheit in Bezug auf Behinderungen. Wie weit ist das wichtig, wie locker sollte man sein?
Ich selbst bin sicher nicht immer zu 100 % politisch korrekt und finde das teils auch eher daneben gegriffen als wirklich nützlich oder sinnvoll. Denn wenn man immer stundenlang drumrum reden muss, nur um einen eigentlich leicht beschreibbaren Punkt zu treffen, bricht man sich mehr einen ab als es doch eigentlich nötig wäre. Und das „nur“, um möglichst niemandem auf die Füße zu treten, von dem man eigentlich nicht mal weiß, ob und wovon genau er sich überhaupt auf die Füße getreten fühlt.

Vielleicht sollte das insgesamt (wieder) lockerer werden. Vielleicht sollte Sprache offener sein.

Bei dem Wort „Autismus“ kräuselt sich da manchmal was in mir. Wenn Menschen Politiker mit Autismus belegen, wenn Designer Autisten genannt werden, weil das von ihnen designte Gerät schwer zu bedienen ist, wenn plötzlich Haar-Autisten, Mode-Autisten und autistische Autofahrer wie Pilze aus dem sprachlichen Boden schießen.
Aus der Sorge heraus, dass die Menschen Autismus, die Behinderung Autismus, nicht verstehen. Dass die Menschen sie gar schlimm finden, oder verachtenswert. Dass ich eventuell nie verstanden werde als Autist.

In dem Kommentar sehe ich einen Aspekt, den ich noch mal hervorheben möchte:

ich möchte dich auch auf das problem der politischen korrektheit im umgang mit krankheiten und behinderungen hinweisen. da die menschen in diesen zeiten oft den eindruck haben, wegen e i n e m gedankenlosen oder lockeren satz gleich in die nähe zu menschenverachtenden positionen gerückt zu werden, die sie gar nicht einnehmen, so meiden sie auch deshalb oft die beschäftigung mit behinderungen und behinderten. weil sie angst haben, etwas falsch zu machen, etwas unkorrektes zu sagen..

DAS möchte ich nun gerade nicht erreichen. Ich möchte ja, dass sich die Menschen mit Autismus befassen. Ich möchte ihnen keine Angst machen, etwas Falsches zu sagen. Ich möchte sie nicht in die Nähe menschenverachtender Positionen schieben.

Zeitgleich fällt mir dabei ein:
Während Autismus gerne als Vergleich, machmal vielleicht sogar auch wirklich als Schimpfwort oder Beleidigung, benutzt wird, da der Umgang mit dem Begriff offener wird, ohne dass es sich da um die tatsächliche Behinderung Autismus drehen würde, wird das Wort „Autismus“ da, wo es hingehört, von Nicht-Autisten oft gerne gemieden.
In den Boards und Chats zum Thema, in der Selbsthilfe, da schreiben die Nicht-Autisten dann plötzlich „der Betroffene“, „die Krankheit“, „na, das eben worum es hier so geht“, statt einfach „Autist“ oder „Autismus“ zu schreiben.
Da sind sie dann erstaunt, wenn man als Autist sagt: „Nenn es doch einfach beim Namen.“ Aber da gehört das Wort doch hin.

Der Kommentator schreibt:

obwohl du sicher da viel geduld und humor gelernt hast: w e i l wir anderen halt ständig etwas falsch machen.

Ja. Und vielleicht muss ich noch mehr Geduld und Humor lernen. Vielleicht ist es wichtig, als Autist auch offen für solche Vergleiche zu sein, damit auch auf der anderen Seite der Nicht-Autist offen für Autismus sein oder werden kann.
Mein Gedanke war bis jetzt: „Wenn die Menschen Autismus irgendwann verstanden haben, dann ist es wahrscheinlich gar kein Problem mehr, den Begriff auch anders zu verwenden.“
Vielleicht sollte ich den Gedanken umdrehen: „Wenn die Menschen den Begriff Autismus locker verwenden können, ohne Furcht vor Fehlern, werden sie irgendwann auch Autismus verstehen.“

Ich hoffe einfach, es ist ok, wenn ich ab und an Menschen anspreche oder anschreibe, die das Wort „Autismus“ in anderem Kontext verwenden. Ich möchte damit niemanden angreifen, ich hoffe stets eher auf einen Dialog, der dazu führen könnte, dass Menschen sich mit der Behinderung Autismus befassen.
Irgendwann sehe ich als Autist das vielleicht ganz locker, wenn das Wort anders benutzt wird. Und irgendwann sehen die Nicht-Autisten es dann vielleicht auch ganz locker, Autisten als Autisten und als Menschen zu akzeptieren und ein Stück weit zu verstehen und ein paar Barrieren abzubauen.

Der Weg ist ja schon beschritten. Die ersten paar Meter, ein paar Schritte weit. Ich sehe schon, er führt durch dunkle Wälder, über holpriges Gestein, hat ein paar Abzweigungen ins Nichts, aber hier und da führt er auch über sonnenbeschienene Blumenwiesen oder Lichtungen, die zum Verweilen und Nachdenken einladen. Auf so eine Lichtung führte mich der Kommentar. Danke dafür.

Abschließend beantworte ich noch dies:

sag mir einen anderen ausdruck dafür, dann werde ich den verwenden.

Es wird meist ein einzelnes Symptom des Syndroms oder Symptomenkomplexes Autismus herausgenommen und weiterhin Autismus genannt. Ein einzelnes Symptom ist aber kein Autismus. Das macht solche Vergleiche schwierig, zumal man nicht immer weiß, welches Symptom wohl gemeint ist. Da wäre es oft besser, das einzelne Symptom zu benennen.

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6 Gedanken zu “Lockerer werden

  1. Einspruch. Gerade diejenigen, die leichtfertig Behinderungen als Schimpfwörter oder zumindest als herabsetzende Begriffe verwenden, befassen sich ja gerade nicht damit, sonst würden sie genau das nicht tun.

    Das was bei den „autistischen“ Designern etc. gemeint ist, ist meiner Ansicht nach eigentlich Egoismus („ich mach alles so, wie ICH es richtig finde, sollen die anderen doch sehen, wie sie klarkommen“). Daß das ein typisch autistisches Symptom ist, möchte ich doch eher bezweifeln.

    1. Das ganze Thema ist sehr komplex und zweischneidig. Wie viel Lockerheit ist gut oder sogar wichtig, damit eben Barrieren, Ängste vor dem Befassen mit dem Thema, abgebaut werden oder gar nicht erst entstehen bei den Nicht-Autisten. Und wie viel Lockerheit wäre zu viel, weil es schon wieder gefährlich wird.

      Mit dem Egoismus hast du recht. Das sehe ich auch nicht als autistisches Symptom. Fakt ist, dass autistisches Verhalten bei Nicht-Autisten oft egoistisch ankommt, obwohl es das nicht ist. Und da ist ein großes Problem. Das meine ich mit der Sorge davor, evtl. nie verstanden zu werden, weil eben die Außenwirkung oft so sehr abweicht vom Innenleben.

  2. Da gibts doch diesen Link:
    http://autismus-kultur.de/autismus/medien/autismus-in-den-medien.html

    Was „Autismus verstehen“ angeht: Ich vermute, mit Aspies haben die meisten Leute (nicht unbedingt bewusst) Erfahrung, weil es nun mal viele davon gibt. Und sie bringen die eventuellen Eigenheiten bloß nicht mit dem großen Wort Autismus in Verbindung, das sie eher an schwere Behinderungen oder an Rainman denken lässt, sondern erklären sie mit irgendwas anderem (Nerdtum, ADS, scheinbare Schüchternheit, kleiner Professor, Eigenbrötler…). Viele haben eh keine Diagnose und sehen sich selbst auch nicht anders.

    Als ich mal einen Podcast mit Roman reinhörte, dachte ich spontan: Wieso soll der Autist sein, der hat doch Freundschaften und Sex! Womöglich mehr als ich! Mein früheres Bild von Autismus ging wohl eher in Richtung hochfunktionaler Autismus, und die Aspies habe ich gar nicht damit in Verbindung gebracht.

    Ich habe Roman dann schon geglaubt. Es gibt aber etliche Leute, die halbwegs unauffällige Probleme bagatellisieren, so in Richtung „aber das hat doch jeder irgendwie / haben alle mal, das ist doch kein XYZ…“. Vielleicht meinen manche Leute, dass man sich nicht so wichtig nehmen und hervortun soll und sich irgendwie durchwursteln wie andere auch…

    1. Das „Durchwursteln“ ist aber ungleich schwieriger, wenn man von vorneherein n icht richtig wahrgenommen wird und sich ständig mit Missverständnissen herumplagen muß.

  3. Ja klar ist das schwieriger.

    Aber Schuldzuweisungen helfen nix, zu Missverständnissen gehören ja zwei. Mir ist es auch schon passiert, dass mich Autisten nicht richtig wahrnahmen, einer zum Beispiel, weil er mich nur durch die Brille seines Spezialinteresses sah. Dummerweise war er mein Arzt.

    Machst Du das denn selbst, dass Du Dich intensiv mit Hochsensibilität, ADS, Depression, Hypomanie und sonstigen Besonderheiten befasst, um andere besser zu verstehen und Missverständnisse zu vermeiden? Oder erwartest Du das nur von den anderen?

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