Ich und mein Gallenstein – Teil 3

Spät aber doch. Ein abschließender Artikel zu meinem Gallenstein.

An einem Donnerstag hatte ich das OP-Vorgespräch. Auf zum Krankenhaus. Ein Chirurg und ein Anästhesist sollten mir alles erklären. Und das taten sie auch. Die beiden Herren waren nett, verständnisvoll und beantworteten mir all meine Fragen. Am Freitag sollte ich dann um 7.00 Uhr nüchtern im Krankenhaus erscheinen. Ich sei Nummer zwei in OP 1, das könne ca. um halb elf sein.

Diesmal war ich viel ruhiger. Ich war informiert, ich wusste was auf mich zukommen wird und ich kannte das Krankenhaus schon etwas besser. Das hat so wahnsinnig viel ausgemacht, das hätte ich selbst kaum gedacht. Beim letzten Termin noch ein Nervenbündel, obwohl es nur um kleinere Untersuchungen ging, dafür eben alles spontan und ungeplant, diesmal die Ruhe selbst, obwohl ich aufgeschnitten werden sollte.
Gerade Autisten, aber wohl auch alle anderen Menschen, profitieren sicher sehr von guter Vorbereitung, detaillierten Informationen und ruhigen Ärzten und Krankenhauspersonal, die es verstehen, Ängste zu erkennen und ein wenig zu nehmen. An dieser Stelle danke ich jenen, die so ruhig und verständnisvoll waren und wünsche, dass sie es bleiben und noch vielen Patienten ihre Ängste lindern.
Ganz besonders danke ich der Dame, die mich zum OP schob. Selten traf ich einen so netten Menschen, lustig, lieb, einfach toll.

Freitag:
Um 7.00 Uhr betreten mein blauer Stoffhund und ich das Krankenhaus. Blut müsse mir noch einmal abgenommen werden. Mein Kaliumwert sei zu hoch gewesen, sie wollen ihn kontrollieren. Dann kriege ich meine Akte in die Hand gedrückt und soll zur Station gehen. Dort soll ich alsbald ein Hemdchen und ein Netzhöschen mit Einlage anziehen. Auch Trombosestrümpfe werden mir übergestülpt. Sie sind eng und die Nähte stören mich am Fuß. Aber ich werde bald schlafen und sie nicht mehr spüren. Ich bin nun doch die Nummer eins in OP 1. Ich habe kaum Zeit, packe meine Wertsachen noch schnell ins Schließfach, dann geht es schon los.
Die Dame, die mich zum OP schiebt, kenne ich vom letzten Mal. Ich bin froh, dass sie wieder da ist. „Mein Hund muss hier bleiben“, sage ich und will ihn auf den Nachttisch setzen. „Nein, der kann mit bis vor den OP, ich lege ihn dann für Sie in Ihr Bett, dort wartet er auf Sie“, sagt die Dame. Ich bin glücklich. Vor 30 Jahren wurde mir mein Teddy entrissen und in eine weiße, rechteckige Wanne im Zimmer geschmissen, als ich in den OP musste. Das habe ich bis heute nicht vergessen und nie verstanden. Heute darf mein Hund mit. Diese schreckliche Kindheitserinnerung kann sich endlich auflösen.
Um 8.00 Uhr stehen wir auf dem Gang. Bzw. die Dame steht, mein Hund und ich liegen. Wir müssen etwas warten. Gerade wird ein anderer Patient vorbereitet. Das Beruhigungsmittel, das ich noch im Zimmer einnehmen musste, macht mich etwas duselig. Ich unterhalte mich mit der Bettschieberin. Ich mag sie wirklich gerne.
Dann geht es los. Sie schiebt mich in einen Vorraum. Dort stehen allerlei Kisten. Gerade sei eine neue Lieferung OP-Material gekommen. „Na, dann kann ja nichts passieren“, sage ich. Ich muss auf eine Liege rüberrutschen. Mein Hund bleibt im Bett. Gerade sehe ich noch, wie die Dame ihn liebevoll zudeckt. Ich lächle.
Diese Geste bedeutet mir so viel. Niemand hat gesagt: „Sie sind 36, sie sind erwachsen, das ist albern!“ Es war ok. Endlich war es ok.

Ein Mann schiebt mich durch einen Gang. An der Wand sind Regale voller Gummischuhe. Ich fasel was von Gärtnerei, denn so wirkt das gerade auf mich. Im Vorraum zum OP stellt sich die Anästhesistin vor. Eine junge Frau, die mir alles erklärt und sehr nett ist. Ich bekomme einen Zugang in die rechte Hand. Eine Maske mit Sauerstoff wird mir leicht über das Gesicht gehalten, während das Narkosemittel in meinen Arm fließt. Dann bin ich schon weg. Es ist kein Schlaf, es ist mehr ein Herunterfahren des Systems. Data im Standby.

Das System fährt wieder hoch. Langsam, ganz langsam. Ganz im Hintergrund merke ich, wie mir ein Schlauch aus dem Hals gezogen wird. Weg. Ich werde geschoben. Weg. „Wo ist mein Hund? Wo ist mein Hund?“ – „Ihr Hund ist zu Hause.“ – „Nein, mein blauer Hund.“ Weg. Ich liege im Bett, jemand legt meinen Hund in meinen Arm, glücklich. Weg. Ich bin im Zimmer. Weg.

Wie viel später ich wieder einigermaßen auf Touren bin, weiß ich nicht. Ich habe Schmerzen, bitte um Schmerzmittel, aber ich bekomme wohl schon welches über den Tropf. Eine Zimmergenossin stellt den Fernseher ein, laut, sehr laut. Ich kann nicht laut reden, murmele immer wieder, dass es mir zu laut ist. Eine Schwester bittet die Dame, leiser zu machen. Die aber meckert, ich solle es selbst sagen. (An dieser Stelle ein großer Nicht-Dank an die komplett ignorante Zimmergenossin! Ich hätte wirklich Ruhe gebraucht!)
Ich kann nur auf dem Rücken liegen, habe Schmerzen. Ich bekomme Besuch von meinen Eltern und einem Freund. Ich bin noch zu schlapp, um wirklich mit ihnen zu reden. Aber ich freue mich, dass sie einfach eine Weile da sind.

Irgendwann muss ich mir mein Handy geben lassen und getwittert haben. Ich hatte kaum Kraft, konnte es nicht lange halten, aber ich hatte versprochen, mich zu melden. Irgendwann bekam ich Zwieback und Tee. Irgendwann ging ich mit Hilfe einer Schwester zur Toilette und hatte Angst, es noch nicht zu schaffen. Der Rest des Tages liegt in einem unbestimmten Schlummer- und Schmerzzustand.

An dieser Stelle habe ich im Juni aufgehört zu schreiben. Schade.
Dennoch möchte ich diesen letzten Teil meines Gallensteinwegs gerne veröffentlichen.

Ich kann mich erinnern, dass ich mich am Samstag schon viel besser fühlte. Ich konnte mich langsam drehen, ich konnte sehr langsam aufstehen, ich kann bis heute zwei der männlichen Ärzte/Pfleger nicht auseinanderhalten, habe aber irgendwann gemerkt, dass das zwei Personen gewesen sind, und nicht nur eine, ich ging einmal hinaus, fand es aber noch sehr beschwerlich und fühlte mich insgesamt noch nicht komplett anwesend. Das Essen war ok, wenn auch nicht extrem toll, die eine Dame in meinem Zimmer lag nur rum, die andere war unsympathisch und verständnislos, ich mied das Gespräch. Einmal brachte ich eine Schwester zum Kloputzen, auch wenn sie sich nicht zuständig fühlte, aber das war mir schlicht zu dreckig. Bald schon wurde mir gesagt, ich könne schon am Sonntag nach Hause, und so war es dann auch. Mein Hausarzt kontrollierte die Fäden, zog sie eine Woche darauf dann auch. Daheim war ich noch ca. eine Woche nicht wirklich fit, hatte vor allem noch Probleme, mich zu drehen, aufzustehen und länger zu laufen, aber insgesamt war das alles schon ok. Die Schmerzen der letzten 2 1/2 Jahre vor der OP sind seitdem weg.
Es wäre noch nett gewesen, wenn mir jemand gesagt hätte, dass tief im Bauchnabel noch Fäden waren, die sich selbst auflösten, das hätte mir einen Overload beim Entdecken derselben erspart.
Achja, vor der OP sollte ich eigentlich noch ein Antibiotikum (Ciprofloxacin) nehmen. Das konnte ich aber kaum schlucken, weil die Tabletten riesig waren und sich sofort zu dem fiesesten Geschmack der Welt in meinem Mund auflösten. Ich würgte zwei Mal eine Tablette herunter, bekam dann aber sämtliche Nebenwirkungen, die je jemand davon hatte, und ließ sie nach Absprache mit dem Hausarzt schließlich weg.

Heute erinnern mich drei (vier) kleine Narben an die OP. Zwei sind kaum als solche zu erkennen, die dritte und größte, ein Stück weit über dem Bauchnabel, juckt manchmal. Die vierte ist irgendwo am Grunde meines Bauchnabels und somit unsichtbar. Meine Ernährung musste ich nicht umstellen.
Dass der KH-Aufenthalt heutzutage so kurz ist, ist für mich sehr positiv. Ausruhen ging daheim dann sehr gut.

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