Zur Sendung Domian 24.11.2011

Ich höre mir Domian nur selten an. Doch diesmal las ich auf Twitter, eine Asperger-Autistin habe dort angerufen. Die Tweets brachten mich dazu, mir diese Sendung mal zu Gemüte zu führen.

Domian selbst hat zwei große, aber typische, Fails gebracht:

1. Das Asperger-Syndrom sei eine Variante des Autismus, die stets mit einer besonderen Begabung einhergehe.
Das beantworte ich mit einem klaren Nein! Viele, aber nicht alle, Asperger-Autisten haben sogenannte Spezialinteressen. Eine Begabung ist etwas ganz anderes. Und sollte gar Inselbegabung gemeint gewesen sein, so verweise ich auf diesen Artikel, der den Unterschied verständlich machen sollte:
Realitaetsfilter – Zu Inselbegabungen

2. Autismus sei eine psychische Erkrankung.
Nein! Autismus ist eine Behinderung. Niemand erkrankt an Autismus, Autismus ist angeboren. In der ICD wird Autismus als Tiefgreifende Entwicklungsstörung beschrieben. Autisten sind nicht psychisch krank.

Das wurde teils auch in den Tweets zur Sendung thematisiert. Doch da las ich auch andere Anmerkungen zur Anruferin:

Sie könne keine Autistin sein, sonst könnte sie schließlich nicht arbeiten, schon gar nicht in einer Arztpraxis.
Falsch! Es gibt sogar Autisten, die selbst Arzt sind! Autisten studieren, gehen arbeiten, haben Familie. Nicht alle, aber eben auch nicht keiner. Mancher spätdiagnostizierte Autist hätte vielleicht im Nachhinein einen anderen Beruf gewählt, doch mancher fühlt sich in seinem Beruf auch gerade geborgen, kann dort sein Spezialinteresse ausleben und hat seine Arbeitsumgebung seinen Bedürfnissen mit Glück sogar gut angepasst.
Natürlich gibt es leider auch viele arbeitslose Autisten, wie es auch viele arbeitslose Menschen generell gibt. Und es bedarf sicherlich auch noch viel Aufklärung, damit potentielle Arbeitgeber Autisten auch eine Chance geben.

Man selbst laufe auch mit ernstem Gesicht rum, fände diverse Comedians nicht lustig, habe Probleme mit der Gesellschaft oder könne sehr gut zeichnen. Dann müsse man selbst ja auch Autist sein, oder die Dame könne keiner sein.
Falsch! Autismus ist die Summe vieler Symptome. Jedes einzelne Symptom kann auch ein Mensch ohne Autismus aufweisen. Die Menge der Symptome ist entscheidend, ob man ins Autismus-Spektrum fällt oder nicht. Keins der Symptome ist für sich allein übermäßig außergewöhnlich.

Es wird viel spekuliert über ein paar Minuten Domian.

Wie ich die Sendung sehe:

Was die Dame dort schilderte, ist ein Ausschnitt aus ihrem Leben. Ein kleiner Ausschnitt. Ich habe dort nichts gehört, auf Grund dessen ich ihr Asperger-Autismus absprechen würde. Bedenken sollte man, dass sie nur über sich und ihren Autismus redete. Wie oben schon erwähnt, ist Autismus die Summe vieler Symptome. Doch ist der Symptom-Mix nicht bei allen Autisten vollkommen gleich. Nicht jeder Autist hat Schwierigkeiten, Liebe zu empfinden, nicht jeder hat starke Probleme mit Körperkontakt, nicht jeder ist gar asexuell. Aber all das kann vorkommen bei Autismus. Und natürlich gibt es auch Nicht-Autisten, auf die das ein oder andere Symptom zutrifft.

Alles in allem finde ich diesen Anruf ok. Zwei dicke Fauxpas von Domian, was er sicher schlicht nicht besser wusste, und ansonsten eine kurze Schilderung einer Autistin. Problematisch ist bei sowas halt die Kürze. Nicht-Autisten kann man das in derart wenig Worten nun mal nicht komplett nahebringen.
Da kann man sich höchstens fragen, ob mit einer Sendung wie Domian das richtige Medium gewählt wurde, um über Autismus zu berichten. Doch finde ich, dass das zumindest Menschen neugierig macht, sie sich dann vielleicht sogar informieren. Und das ist positiv zu bewerten.

Die Sendung kann hier angehört werden: Nachtlager
Sie heißt „Wieder unter Menschen“ und ist vom 24.11.2011.

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11 Gedanken zu “Zur Sendung Domian 24.11.2011

  1. Ein wirklich sehr gelungener und differenzierter Artikel, dem ich voll und ganz zustimme. Generell finde ich, dass es teilweise erschreckend ist, wie unreflektiert manche auf die Anrufe bei Domian twittern. Ich habe das am Beispiel der letzten Anruferin heute Nacht gesehen: Die Dame erzählt, sie hätte einen Gehirntumor und werde heute operiert. Unglaublich, was es dazu so zu lesen gab. Manchen ist einfach nichts heilig.

    Aber back to topic: Danke für diesen Beitrag!

  2. Autismus ist genau so wenig eine „Krankheit“ wie Homosexualität. Man stelle sich mal vor, jemand hätte bei Domian Schwulsein als Krankheit bezeichnet. Oder als Behinderung.

    Als Aspie kann ich bestimmte Sachen weniger gut als „Neurotypen“ (Normalos) und manche Sachen auch besser. Das gilt für die meisten Aspies, besonders die mit Spezialinteressen.

    Das tut schon weh, da so als therapiebedürfiger Zirkuspudel vorgeführt zu werden.

    Ich finde Comedy übrigens sehr lustig (kommt natürlich auf die Person drauf an). Ja, es soll sogar Aspies mit Humor geben.

  3. Interessant. Speziell der zweite Punkt, ob Autismus eine psychische Erkrankung sei oder eine Behinderung. Nun, ich will weder das eine, noch das andere behaupten, dazu weiß ich zu wenig von der Diagnose „Autismus“. Nur, dass mir auffällt, das eine Krankheit durchaus Ursache für eine Behinderung sein kann, und dass nicht jede neurogolische Erscheinung psychischen Ursprungs sein muss, sprich auch auf diesem Weg damit umgegangen werden muss.

    Ich lese derzeit viel über Impfungen. Interessnterweise begegnet mir dort gehäuft ebenfalls die Diagnose „Autismus“. An einer Stelle heißt es gar, dass Finnland ein Beispiel für zunehmende Impfungen bietet (inkl. Auffrischungen) und gleichzeitig eine Autismus-Epidemie erkennbar ist. Gibt es einen Zusammenhang?

    Ich weiß es nicht. Doch ich sehe zwei Probleme:

    1) Ob etwas angeboren ist oder nicht, ist in Bezug auf Impfungen schwer festzustellen, da sie oft sehr früh im Leben erfolgen. Den betreffenden Menschen kennt man nicht anders, so wie er sich ab da entwickelt.

    2) Forschungen nach Zusammenhängen dürften sehr schwer sein, da aus dem Pharma-Industriellen-Komplex nicht mit Unterstützung zu rechnen ist, sondern eher mit Gegenwehr.

    Es muss sich also zunächst weiterhin jeder sein eigenes Bild machen. Und was Impfschäden angeht, so gibt es Behandlungsmethoden. Doch jemanden zu finden, der auf neurologischer Ebene Erfahrungen damit hat, dürfte schwer sein. Die Autorin des englischsprachigen Buches, aus dem ich obiges habe, heißt Wendy Lydall.

    1. Ich bin mal wieder erschrocken, dass sich der Impf-Mythos immer noch hält.
      Ja, es gab eine Studie, eine sehr kleine, mit nur zwölf Kindern, in der angeblich bewiesen wurde, dass Impfungen Autismus auslösen könnten. Diese Studie wurde widerlegt durch Folgestudien mit tausenden von Kindern. Dr. Andrew Wakefield wurde in der Folge seine Arztzulassung in Großbritannien entzogen.

      Wenn man ein bisschen googelt, findet man viel dazu. Zum Beispiel auch diesen Artikel:
      http://www.stern.de/gesundheit/masern-impfung-und-autismus-spaetes-ende-eines-medizin-skandals-1540936.html

      Tatsache ist, dass Masern sehr gefährlich sind und dass mit steigender Zahl ungeimpfter Kinder auch die Zahl der Toten steigt. Und Tatsache ist auch, dass auch ungeimpfte Menschen Autismus haben können.
      Was den Begriff der Autismus-Epidemie anbelangt:
      Gerade Asperger-Autismus steht überhaupt erst seit Anfang/Mitte der 1990er Jahre in der ICD. Da ist es klar, dass nach und nach immer mehr Asperger-Autisten, die bislang unerkannt lebten, keine oder gar falsche Diagnosen hatten, nun die Diagnose bekommen und es so zu einem signifikanten Anstieg der Diagnosen, nicht des Autismus, kommt. Das mag nur ein Grund sein, vielleicht gibt es weitere. Doch Impfungen sehe ich nicht als Grund.

  4. vielen dank für diesen objektiven bericht , er war sehrnett zu lesen , und ich fand ihn sehr gut .
    Ich lese ja schon öffter deinen block und finde ihn eh, sehr gut .

    gruß

  5. Nein! Autismus ist eine Behinderung. Niemand erkrankt an Autismus, Autismus ist angeboren. In der ICD wird Autismus als Tiefgreifende Entwicklungsstörung beschrieben. Autisten sind nicht psychisch krank.

    Autismus ist eine neurologische Andersartigkeit, weder eine Krankheit, noch Behinderung, ebensowenig wie eine Gazelle unter Löwen therapiebedürftig ist.

    1. Du kannst da gerne für dich sprechen.
      Generell Autismus nicht als Behinderung einzustufen, erweist jedoch jenen Autisten, die auf einen SBA angewiesen sind, einen Bärendienst.

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