Ein Tag im Oktober

Mir fallen die Augen zu. Kurz nur, ganz kurz. Ich schrecke hoch. So geht es die ganze Fahrt.
Die Nacht habe ich nicht geschlafen. Wie so oft vor einem Tag mit Terminen. Zu aufgeregt. Jetzt ist es Morgen, der Zug rattert über die Schienen. Ich bemerke die Landschaft nicht. Nur das monotone Geräusch des Zugs, das mich immer wieder wegschlummern lässt.

„Kommst du auch zum Treffen?“, hatte sie gefragt. Ich wusste es nicht. Auch jetzt noch nicht, obwohl ich im Grunde schon auf dem Weg bin. Der Zug rattert weiter. Zwischendurch muss ich umsteigen.
Ein Stück weit noch mit der U-Bahn. Auf den Leuchtdioden-Anzeigen stehen nicht exakt die gleichen Angaben wie auf der Bahn-Website. Hoffentlich fahre ich in die richtige Richtung. Im U-Bahnhof eine Lichtshow. Eine ganze Wand voller grünem und blauem Licht. Die Wand wellt sich durch den Gang, das Licht schlängelt sich an ihr entlang. Ich staune. Ich schaue. Ich lasse mich eine Weile hypnotisieren. Dann steht das Licht. Blau. Blaues Licht. Es leuchtet blau. Ich starre es an.
Losgerissen von dem Licht steige ich in die U-Bahn und besuche den Park. Das Wetter genießen, Greifvögeln beim Fliegen zusehen, Natur sehen, Ruhe haben.

Der Pelikan sitzt direkt neben mir. Unbeeindruckt von meiner Anwesenheit putzt er sein Gefieder. Beeindruckt schaue ich ihm zu. Ich mag ihn, er ignoriert mich, während er mich an seinem Leben kurz teilhaben lässt. Im Hintergund steht ein Reiher und tarnt sich als Statue.
Weiter geht’s. Zur großen Wiese am anderen Ende des Parks will ich. Greifvogelflugschau. Mein Ziel. Den Vögeln sind die Köpfe der Zuschauer egal. Wer sich nicht duckt, hat eben einen Vogel im Gesicht. Aber alle ducken sich. Wappenvögel mal nicht als Pleitegeier, sondern als heroische Könige der Lüfte, ganz in echt und ganz nah. Wie wunderschön sie sind.

Jetzt habe ich Zeit. Ich sitze am See, die Enten planschen ausgelassen, ein Eichenblatt schwebt vor mir zur Wasseroberfläche hinab. Die Sonne ist angenehm. Eine Schildkröte schwimmt ihre Bahnen, Gänse landen auf dem Wasser.
Dann die Blumengärten. Hummeln lassen sich fast streicheln, die Blumen umschmeicheln meine Augen. Der frühe Nachmittag jedoch lockt Menschen an. Und ich … ich will ja auch zu dem Treffen. Will ich? Eigentlich will ich, und eigentlich bin ich nervös, und eigentlich sind es viele Menschen. 20 Aspies. So viele. Ich kenne keinen. Will ich?

Wenige Stationen U-Bahn bringen mich zum Treffpunkt. Ich gehe ins Haus. All die Treppen. Nach oben, nach oben, Dachterrasse, das Wetter ist schön.
Zusammengeschobene Tische mit vielen Menschen – doch ich bin nicht nervös. Nicht mehr. Sie sind wie ich. Ich sehe es sofort. Ich passe dort hin.

Nie war ein Abend mit so vielen Menschen so entspannt.

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