Politischer Autismus

Nicht gar zu selten twittern Menschen von politischem Autismus. Sie vergleichen Merkel, die ganze FDP oder andere einzelne Politiker mit Autisten oder schreiben ihnen Autismus zu.

Wie gehe ich als twitternder Autist damit um?

Hier und da weise ich die Menschen, die das tun, darauf hin. Mal nett, mal weniger nett, was sicher von meiner Laune abhängt, aber ich bemühe mich, dabei höflich zu bleiben. Mal bitte ich darum, den Begriff Autismus doch bitte nicht in Bezug auf Politiker zu verwenden, mal frage ich, ob der als Autist betitelte Politiker denn eine Autismus-Diagnose habe, mal sage ich klar heraus, dass der Politiker beschimpfende Mensch mit seinem Autismus-Vergleich auch Autisten beschimpft.

Und dann? Dann kommen die Reaktionen.

Mancher reagiert gar nicht. Vielleicht ist er peinlich berührt, vielleicht hat er meinen Tweet nicht gelesen, vielleicht ist es ihm egal.
Andere reagieren. Einer löschte seinen Autisten-Politiker-Tweet kommentarlos nach meinem Hinweis. Andere beschimpfen mich nach so einem Hinweis. Wenige entschuldigen sich und wollen auf ihre Sprachwahl achten. Einer hat mir gar mal lang und ausgiebig zu erklären versucht, dass es doch keinen Autisten beleidigen könne, wenn er einen FDP-Politiker Autist nenne, das habe doch gar nichts miteinander zu tun. Er verstrickte sich dabei in immer mehr Widersprüche und schien es selbst nicht zu merken, wie unlogisch er argumentierte.

Reagiere ich eigentlich über, wenn mich das überhaupt stört, dass Menschen Politiker Autisten nennen?

Ich empfinde das oft als eine Form der Diskriminierung. Oft werden Politiker so genannt, denen auch ich kaum etwas Gutes abgewinnen kann. Sie bekommen von den Menschen den Stempel, den ich auch habe, der bei mir angeboren ist, für den ich nichts kann. Das Verhalten dieser Politiker, das ich selbst nicht gutheiße, wird mit dem erklärt, was ich habe. Das bedeutet, ich müsste in den Augen dieser Menschen so ein Verhalten haben, wie ich es selbst nicht gutheiße.
Daran, wer wen aus welchen Gründen Autist nennt, sehe ich dann leider auch, was die Menschen denken, was Autismus sei. Es werden Eigenschaften der Politiker autistisch genannt, also kann es nur so sein, dass diese Menschen diese Eigenschaften eben für autistische Eigenschaften halten. Sei es Egozentrik, Kälte, Unempathie, Herzlosigkeit …
Das beruht sicher auch auf Uninformiertheit, Unwissen darüber, was Autismus wirklich ist. Was Autismus bedeutet.

Außenwirkung vs. Innenleben

Ich merke immer und immer wieder, dass ich nach außen oft etwas anderes ausstrahle, als in mir drin gerade passiert. Teils sogar das Gegenteil.
Leider meinen Menschen dann oft, ich würde lügen, wenn ich verbal mitteile, wie es wirklich innen in mir drin ist, während meine anders funktionierende Mimik und Gestik ihnen eben etwas anderes signalisiert.
Sie denken tatsächlich, ich sei schlecht gelaunt, wenn es mir gut geht, weil irgendwas in meinem Gesicht oder Verhalten ihnen schlechte Laune signalisiert. Irgendwas, das ich nicht steuern kann, wie sie es tun. Ich kann erklären und erklären, sie glauben meiner Mimik und nicht meinen Worten.

Eventuell ist es unter anderem das, was diese Vorurteile hervorruft, die dann in der Folge auch dazu führen, dass diese angeblichen autistischen Eigenschaften auf Politiker projiziert werden.

Was wünsche ich mir?

Ich wünsche mir einen offeneren Umgang mit dem Thema Autismus. Ich wünsche mir, dass die Menschen verstehen, dass da eben etwas anders tickt und sie nicht immer recht haben mit ihrer Interpretation.
Und in Bezug auf die Autismus-Politiker-Twitterer wünsche ich mir öfter einen Dialog an Stelle einer Trotzreaktion, Beschimpfungen oder Wegrennen vorm Thema.

Dieses Phänomen ist natürlich nicht nur auf Twitter beschränkt. Einen offeneren Umgang mit dem Thema Autismus wünsche ich mir von allen Menschen.

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13 Gedanken zu “Politischer Autismus

  1. Ist genau das Gleiche mit ADS, die Leute verwenden diese Begriffe einfach zu undifferenziert.

    Liebe Grüße vom Dodo

  2. Auch so ein Klassiker: „Behindert“ als Schimpfwort oder zumindest in einem herabsetzenden Sinn benutzt. Das geht alles gar nicht. Die Leute denken manchmal einfach zu wenig nach.

  3. Erstmal: deine Kritik ist berechtigt. Man sollte Leute nicht mit Worten beschimpfen, deren Bedeutung man nicht kennt.
    Allerdings habe ich mit dem „Autismus“ bestimmter Politiker nicht sowas gemeint wie das, was du anführst: Egozentrik, Kälte, Unempathie, Herzlosigkeit …
    Sondern ein bewußtes die Wirklichkeit nicht Wahrnehmenwollen. Und Lügen verbreiten über Dinge, die eigentlich jeder längst besser weiß. (Dabei speziell an #Friedrich gedacht.)
    Da ich nicht denke, daß „echte“ Autisten sich bewußt und absichtlich so verhalten, habe ich euch auch nicht beleidigen wollen. Nett war es aber auch nicht, weil unüberlegt.
    Ich habe privat auch selber schon Leute für falsche Anwendung des Wortes kritisiert. Nächstesmal achte ich auch bei mir drauf. Versprochen.

    (und gelegentlich guck ich mir dann mal dein Blog etwas mehr an und lern ein Wenig dazu!)

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Dass du mir ehrlich schreibst, wie du das gemeint hast, hilft mir auch zu verstehen. Die Kritik an den Politikern kann ich ja oft genau so auch teilen, nur das Wort „Autismus“ tut mir an der Stelle immer ein bisschen weh. Irgendwie fehlt ein gutes Wort dafür.

      Ich freue mich, wenn du dich über „echten“ Autismus informierst. Du bist willkommen. :-)

  4. lieber fotobus,

    ein vergleich ist keine gleichsetzung.
    man nimmt sich einen aspekt einer sache, eines wortes und bezieht sie auf etwas anderes. so kann ich zum beispiel das wort „krebs“ für etwas wucherndes, sich unkontrolliert verbreitendes benutzen und so den wachsenden einfluß der banken mit dem wachstum von krebszellen vergleichen, die überall eindringen, wo sie nichts zu suchen haben.
    dürfte ein krebskranker mich dafür tadeln?
    nun sagst du vielleicht, autismus ist aber keine krankheit wie krebs, sondern eine behinderung und der behinderte hat ein recht darauf nicht mit leuten verglichen zu werden, die wie wulff oder guttenberg, schwierigkeiten haben sich und ihr tun mit den augen anderer zu sehn. oder denen die sicht anderer egal ist. was für autisten natürlich nicht zutrifft.
    ich vergleiche aber nicht wulff oder guttenberg mit einem autisten. d a s wäre in der tat beleidigend für dich. schon, weil s i e freiwillig und arrogant etwas tun, was für dich eine krankheit und wohl doch auch eine lebenserschwernis darstellt? diese politiker w o l l e n nicht wahrnehmen, wie ihr verhalten wirken muß, obwohl sie es ändern könnten. das heißt, sie könnten wahrnehmen, wie man sie sieht und anders kommunzieren.
    wenn ich mich nicht irre, ist bei autismus im krankheitssinne aber genau das die schwierigkeit: du kannst nicht ändern, wie man dich wahrnimmt und du kannst eine bestimmte form der kommunikation nicht leisten, obwohl du es möchtest.
    falls ich mich in einem dieser punkte irre, entschuldige bitte. natürlich sind meine kenntnisse auch nicht sehr weitreichend.
    der vergleich, also der e i n e punkt, wo ich zb wulffs verhalten „autismus“ nennen d a r f ist schlicht der einer gestörten kommunikation. denn das i s t so ja a u c h bei der krankheit.
    damit habe ich also n i c h t einen autisten mit einem kommunikationsunwilligen politiker gleichgesetzt, denn kommunikationsf ä h ig sind sie ja.
    was widerum nicht bedeutet, daß ich sage, autisten wären kommunikationsunfähig, sondern sie
    haben bestimmte wege nicht und dafür andere? ok?
    ich möchte dich auch auf das problem der politischen korrektheit im umgang mit krankheiten und behinderungen hinweisen. da die menschen in diesen zeiten oft den eindruck haben, wegen e i n e m gedankenlosen oder lockeren satz gleich in die nähe zu menschenverachtenden positionen gerückt zu werden, die sie gar nicht einnehmen, so meiden sie auch deshalb oft die beschäftigung mit behinderungen und behinderten. weil sie angst haben, etwas falsch zu machen, etwas unkorrektes zu sagen.. obwohl du sicher da viel geduld und humor gelernt hast: w e i l wir anderen halt ständig etwas falsch machen.
    dennoch gehört die sprache allen. die worte gehören allen. und eigentlich ist es ausreichend, etwas nicht zu beabsichtigen, um nicht böses getan zu haben.
    ich wollte keinen autisten beleidigen. ich wollte einen aspekt politischen fehlverhaltens benennen. ich kenne dafür kein andres wort. ich habe es also nicht gedankenlos verwendet. sag mir einen anderen ausdruck dafür, dann werde ich den verwenden.

    guter gruß, marcel, baden-baden

    1. Danke für deine ausführliche Sicht.
      Ich habe zu deinem Kommentar gleich mal einen ganz neuen Artikel verfasst:
      https://dasfotobus.wordpress.com/2011/12/19/lockerer-werden/
      Was du über dein Verständnis von Autismus schreibst, ist schon ok. Nur eine Krankheit ist es nicht, da man nicht daran erkrankt.

      Problem an deiner Argumentation ist dies:

      „der vergleich, also der e i n e punkt, wo ich zb wulffs verhalten „autismus“ nennen d a r f ist schlicht der einer gestörten kommunikation. denn das i s t so ja a u c h bei der krankheit.“

      Autismus ist eben nicht nur dieser eine Punkt. Autismus ist ein Haufen von Symptomen. Da kann man nicht ein einzelnes Symptom Autismus nennen. Ein Vergleich:
      Du hast einen Topf mit Reis, sonst ist nichts drin. Und du nennst es aber „Paella“.

    2. Würdest du Menschen denn dann auch als Krebs bezeichnen?
      Das halte ich für entmenschlichend & falsch. Welche wirkung diese Mensch(engruppe) = Krankheit(des „Volkes“ heute „der Gesellschaft“, der „Szene“ der „Gemeinschaft“ etc hat wissen wir. Wie leicht so etwas ist, wie menschlich gar-sehen wir regelmäßig-Viel in Vergangenheit, genug in Gegenwart.

  5. Ich fand den Link auf einem meiner Beiträge, ohne, dass ich den Begriff „Autismus“ verwendet habe, also etwas „off topic“. Ihren Artikel fand ich jedoch sehr gut, denke mit aber als Arzt, dass ein Teil des Problems darin besteht, dass viele (natürlich auch wir Ärzte) Diagnosen immer als Zensur bzw. endgültige Abstempelung eines Menschen verstehen (wollen) und deshalb die Betroffenen sich eben „abgestempelt“, „eingeordnet“ und dergl. fühlen. („Die Galle auf Zimmer 7 in den OP“) Ohne an Ihrer Diagnose zweifeln zu wollen oder zu können möchte ich nur zu bedenken geben, dass auch die Diagnose „Diabetiker“ zwar bestimmte übereinstimmende Merkmale von Personen mit einer „Glukoseverwertungsstörung“ zusammenfasst, aber „über den bestimmten Menschen“ wenig aussagt. (ebenso Hypertoniker, Herzkranker, …) Vielleicht hilft dass, um zu erklären, dass man mit der Bezeichnung eines kommunikationsunfähigen Poltikers als Autisten nicht „die Autisten“ an sich meint. Aber eigentlich haben Sie es mit dem Reis-Paella Vergleich ohnehin schon schön auf den Punkt gebracht…. LG

    1. Vielen Dank für den Kommentar.
      Ich habe mal geschaut:
      http://medicus58.wordpress.com/2012/08/12/ranking-zwanghafte-schwanzparade-fur-alle/
      Die Kommentare dort sind nicht von mir. Ich hätte das wahrscheinlich auch unkommentiert stehengelassen, wäre ich darüber gestolpert. Über Off-Topic also bitte beim Kommentarschreiber „beschweren“. Aber so ganz stimmt es ja nicht, das Wort „Autismus“ kommt schon im Artikel vor, im Bezug auf die Freundeanzahl auf Facebook. ;-)
      Nun, was soll ich sagen, ich habe nicht mal einen Account dort. :-D

      Ansonsten noch mal danke. Ich kann deine (ich bleibe auf meinem Blog beim Du) Vergleiche nachvollziehen. Abgestempelt fühle ich mich jedoch nicht. Ich habe ja selbst nach der Antwort gesucht und sie mit dieser Diagnose für mich gefunden.
      Und ja, auch bei Autismus gibt es natürlich Differentialdiagnosen. Und die Diagnose macht auch nicht alle Autisten gleich. Ich muss es ja nicht noch mal ausführen. Der Reis-Paella-Vergleich kann oben drüber ja noch nachgelesen werden.

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