Ich und mein Gallenstein – Teil 2

Donnerstag war es soweit. Ambulante ERCP hieß es. Ich sollte um 8:30 Uhr nüchtern erscheinen und jemanden mitbringen, der mich danach begleitet wegen der Narkose. So stand es auch auf dem Infoblatt, das ich unterschreiben musste.
Doch es sollte alles ganz anders kommen.

Ambulanz:
„Wir haben Sie hier nicht eingetragen, da muss ich mich eben erkundigen, bitte warten Sie noch.“
Wurde ich vergessen? Muss ich wieder nach Hause und den Stress noch mal durchleben, noch mal ein Tag Angst vor dem nächsten Termin? Doch dann: „Sie sind stationär eingetragen. Wir machen das nicht ambulant.“
Wieso? Warum wurde mir das nicht gesagt? Planänderung! Nein! Zum Glück habe ich ein paar Sachen dabei, falls ich durch Komplikationen bleiben müsste. Dabei dachte ich aber an medizinische Komplikationen, nicht an sinnlose Planänderungen.

Aufnahme:
„Nehmen Sie Medikamente? Haben Sie Allergien?“ Fragen über Fragen. „Das habe ich alles schon dort ausgefüllt“, sage ich und deute auf den Bogen. „Sie müssen nicht zickig werden!“ Zickig? Ich habe einfach nur Angst, weil alles anders kommt als es mir gesagt wurde und sehe keinen Sinn darin, Fragen doppelt zu beantworten.
Fieber wird gemessen. Blutdruck wird gemessen. Blut wollen sie abnehmen. „Mir wurde letztes Mal schon Blut abgenommen“, wende ich ein. Sie findet die Ergebnisse im Computer, ich muss nicht noch mal Blut abgeben. Sie bleibt unfreundlich.
Sie geht, zum Glück. Diese Frau hat mir Angst gemacht. Eine freundlichere Dame kommt und macht ein EKG und legt einen Zugang in meiner rechten Armbeuge. Sie erklärt alles, wunderbar. Nun soll ich auf die Station gehen.

Station:
Meine Akte in der Hand finde ich die Station und werde in ein Zimmer gesetzt. Das Bett am Fenster ist meins. Sehr gut. Bloß nicht in der Mitte liegen müssen. Der Overload überkommt mich. Zwei Stunden sitze ich heulend mit Blick aus dem Fenster auf dem Bett und schaukle. Die Dame im ersten Bett spricht mir Mut zu, das mittlere Bett ist leer. Ich will einfach nur nach Hause. Vor der Endoskopie habe ich weniger Angst. Die ganze Situation macht mir Angst. Alles ist ungewiss, nichts ist klar.

Eine Frau kommt und liest mir rasendschnell Nahrungsmittel vor. Ich soll aussuchen, was ich zum Frühstück, Mittag und Abend essen will. Ich habe Hunger. Darf nicht essen, aber muss mir alles anhören und entscheiden. „Frischwurst, Dauerwurst, Streichwurst?“, fragt sie. „Was ist das?“, frage ich. „Frischwurst eben, und Dauerwurst, Streichwurst halt.“ Ich bin nicht doof, ich esse nur normalerweise keine Wurst, woher soll ich wissen, was Frischwurst sein soll? Sie nennt Beispiele. Ich entscheide mich für Frisch- und Dauerwurst, um am Abend zu merken, dass ich Frischwurst nicht mag. Eigentlich will ich nur nach Hause. Die Wurst ist mir Wurst.
Wieder warten. Das mittlere Bett wird mit einer älteren Dame belegt, die munter drauf los plappert. Ok, Ablenkung. Das Mittagessen wird gebracht. Putenschnitzel mit Nudeln und Brokkoli. Es sieht erstaunlich lecker aus – ich darf es nicht essen. Es wird mir später warm gemacht, sagt man.
Um 14:00 Uhr drückt man mir meine Akte in die Hand. „Gehen Sie zum Ultraschall, erster Stock, beim Labor.“ „Wo ist das?“ „Na beim Labor.“ Solche Antworten bekomme ich öfter. Ich habe das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, für dumm gehalten zu werden. Ich frage nicht weiter, ich gehe runter, finde die Abteilung, wenn auch nicht beim Labor, denn sie wurde vor zwei Wochen verlegt, wie ich erfahre. Oben wusste das wohl noch niemand.

Ultraschall:
Ich muss warten. Die Zeit verstreicht. Ich habe Hunger. Ich will rauchen. Ich will nach Hause. Ich frage mich, wozu ich Ultraschall brauche. Mein Hausarzt hatte den Stein doch bereits per Ultraschall gefunden.
Eine Ärztin und eine Chefärztin machen die Untersuchung. Sie sind freundlich, aber finden keinen Stein. Ich soll zum Röntgen.

Röntgen:
Ausziehen, bestätigen, nicht schwanger zu sein, Schmuck ablegen, Röntgen, fertig.

Station:
Wieder im Zimmer erfahre ich, dass nun keine ERCP gemacht wird. Im Ultraschall war kein Stein zu sehen, der Gallengang sei auch normal, also brauche ich keine ERCP. Eine Magenspiegelung soll’s sein stattdessen. „Da werden Sie nichts finden, ich habe keine Magenschmerzen“, merke ich an. Für mich kommt das aufs Selbe raus, die Prozedur ist gleich. Aber ich muss warten. Um 16:00 Uhr soll ich plötzlich ein Hemdchen anziehen. Ich werde mit dem Bett durchs Krankenhaus geschoben. Alles läuft spontan ab. Termine sind entweder undifferenziert später oder jetzt sofort. Zeitangaben gibt es nicht. Keine Chance, sich innerlich vorzubereiten.

Endoskopie:
Der Pfleger ist freundlich, wundert sich über meine detaillierten Fragen, aber beantwortet sie. Offenbar gibt es keine Patienten, die genau wissen wollen, was mit ihnen passiert. Immer wenn ich Fragen stelle, werde ich als Weltwunder empfunden. Mancher ist erstaunt, aber nett und hilfsbereit, andere sind genervt und unfreundlich.
Ich muss ein Magenberuhigungsmittel schlucken. Es schmeckt neutral bis leicht fies. Dann sprüht er mir den Rachen ein, das schmeckt scharf und bitter. Mein Hals und meine Zunge werden schnell taub. Ich kann der Ärztin kaum noch antworten. Das Narkosemittel wird in den bereits gelegten Zugang gespritzt, der mich schon seit Stunden nervt. Ich muss auf einen Beißring beißen, dann bin ich weg.
Ich wache auf noch im Endoskopie-Raum. Werde in den Gang geschoben zum Aufwachen. Dann ins Zimmer.

Station:
Ich soll schlafen, ich müsse müde sein von der Narkose, aber ich bin fit und will essen. Zwei Stunden soll ich eigentlich warten. Doch nach 1 1/2 Stunden überrede ich die Schwester, zeige ihr, dass ich schon wieder problemlos Wasser trinken kann, ohne mich zu verschlucken.
Die Magenspiegelung war ohne Befund, klar. Morgen soll ich in den MRT. Wozu auch immer. Ich versuche, den Tag rumzukriegen. Die Dame aus dem Mittelbett ist nett, aber am Abend fängt es an zu nerven, dass sie keine zwei Minuten still ist. Selbst wenn ich nicht reagiere, redet sie weiter, bis ich es tue.
In der Nacht bin ich stündlich wach. Die Damen im Zimmer schnaufen, schreien, schnarchen. Mir ist kalt, sehr kalt.

Mogens darf ich wieder nichts essen. Für die MRCP muss ich nüchtern sein. Ich muss diesmal nicht lange warten. Schon um 9:30 Uhr geht es los.

MRT:
Wieder einen Zettel ausfüllen. Ankreuzen, dass ich verstehe, dass mein Tattoo in seltenen Fällen zu Verbrennungen führen kann. Metall ablegen, Hose aus, Pulli aus, hinlegen, Notknopf in die Hand nehmen, Kontrastmittel in den Zugang bekommen, Kopfhörer aufsetzen, Befehlen folgen, nur im Notfall klingeln. Ok. Ich fahre rein. Überlege, wie dick man maximal sein darf. Ich starre auf den blauen Streifen über mir. Nicht bewegen, nicht bewegen. Laut sollte es sein, aber ich finde es nicht laut. Ich mag die Geräusche. Ich zähle mit, welches Geräusch wie oft kommt. Netter Rhythmus.
Eine monotone Stimme vom Band sagt: „Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, Luft anhalten.“ Luft anhalten? Nach dem Ausatmen habe ich keine Luft zum Anhalten. Soll ich also doch noch mal einatmen? Ich entscheide mich, einfach nicht zu atmen, und denke, dass das wahrscheinlich eine nicht-autistische Art ist zu vermitteln, dass man nicht atmen soll. Eine Sekunde nach meiner Überlegung, ob ich schon blau anlaufe, sagt die Stimme: „Normal weiteratmen.“
Die Ansage höre ich noch öfter. Mal von der monotonen Stimme, mal von der Ärztin. Die Ärztin sagt aber „nicht atmen“ statt „Luft anhalten“. Das ist logischer. Das eine Geräusch zieht mich nach links, das andere macht es warm in meinen Adern. Lustig. Was auch immer im Körper passiert, ich spüre es deutlich.
Nach 20 Minuten fahre ich raus. Ich soll mich anziehen und warten. „Was haben Sie denn für Beschwerden?“, werde ich dann gefragt. „Gallenkoliken“, antworte ich. „Nein, was Sie für Schmerzen haben?“ „Gallenschmerzen“, sage ich. „Nein, wo haben Sie denn Schmerzen?“ „An der Gallenblase“, sage ich und verstehe langsam. „Im rechten Oberbauch und im Rücken bis unters Schulterblatt“, sage ich. „Wo laut Internet eben die Gallenblase weh tut“, füge ich hinzu. Wieder komme ich mir vor wie Häppchen Doof. „Ja, ok, Sie haben einen Gallenstein und einen leicht erweiterten Gallengang, das passt ja“, wird mir gesagt. ‚Ach‘, denke ich, ‚wieso bin ich wohl hier?‘

Ich trage die Akte auf meine Station, die Bilder soll ich behalten. Der Befund wird abgeheftet. Wieder muss ich zum Ultraschall. Die Ärztinnen finden meine Gallenblase nicht, dann doch, aber nun finden sie sie klein, dann finden sie wieder keine Steine, dann doch, ganz undeutlich, das sei aber schwer zu sehen. Warum nur sah mein Hausarzt das sofort? Ich soll heute noch nach Hause dürfen, es ist viertel vor eins. Aber ich soll auf den Chirurgen warten. Der soll mir einen OP-Termin geben. Das könne etwas dauern. Alle die nett waren, lobte ich dafür. Nun nur noch etwas warten, Termin machen, heim gehen. Gut. Es ist vorbei.

Denke nie zu früh, es sei vorbei!
Ich erlebe noch das Mittag- und das Abendessen – mit leerem Handyakku und leerer Zigarettenschachtel und dauerlabernder Zimmergenossin, was meine Laune nicht gerade hebt.

Um 19:00 Uhr endlich kommt ein Arzt. Er sei zwar nicht Chirurg, aber er würde jetzt schauen. Er sucht eine viertel Stunde meinen Befund, ist sichtlich genervt, kurz vor Feierabend, hatte sicher eine lange Schicht. Ich verzeihe ihm die Unfreundlichkeit, doch noch länger warten will ich keinesfalls. Ich solle nächste Woche kommen und mit einem Chirurgen einen OP-Termin für in vier Wochen absprechen. Hätte man mir das sofort gesagt, wäre ich schon seit sechs Stunden zu Hause. Also mache ich deutlich, dass ich jetzt einen Termin will und zwar für nächste Woche. Ich habe ganz sicher nicht sechs Stunden für nichts rumgesessen! Auch wenn mir offenbar niemand die Schmerzen anmerkt, die ich auch nicht täglich habe, aber zu oft für meinen Geschmack, will ich keinesfalls noch vier Wochen damit rumlaufen. Er gibt nach, geht mit mir in die Ambulanz, schaut ins Terminbuch. Am Donnerstag soll ich nun zur OP-Besprechung kommen, am Freitag soll dann die OP sein. Bis Montag werde ich mindestens bleiben müssen. Hoffentlich wird das weniger chaotisch. Immerhin weiß ich jetzt schon vorher, dass ich dann keine Frischwurst will.

Fazit:
Nichts wie geplant, sechs ungeplante Untersuchungen, die angekündigte dafür gar nicht, alles spontan, zu lange Wartezeiten, zu wenig genaue Erklärungen, Essen erstaunlich gut, viele freundliche Menschen, einige extrem unfreundliche Menschen, OP-Termin (allerdings nur durch Beharrlichkeit) trotzdem fast am Wunschtermin. Und alles trotz autistischer Probleme irgendwie überlebt.
Überlebt ist allerdings auch leider wirklich das brauchbarste Wort dafür. Den Autismus hatte ich übrigens nicht erwähnt. Keine Ahnung, wie es dann gelaufen wäre.

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5 Gedanken zu “Ich und mein Gallenstein – Teil 2

  1. Ich wäre sicher auch durchgedreht. Schon der Gedanke an einen Krankenhausaufenthalt versetzt mich in Panik. Fremde Menschen – die Angst vor Ärzten. Du hast das wirklich gut hinbekommen.

  2. das haben sie gut gemacht. ich selbst kenne krabkenhäuser eher von der anderen seite, manchmal ist es ein wunder,dass menschen dort lebend hinaus gelangen :)
    viel glück für die kommende op und nur nicht ärgern lassen. meistens findet sich aber zumindest auch eine nette person.

  3. Prima gemacht! Vor allem nach dem ganzen Theater auch noch die Hartnäckigkeit, auf einen früheren OP-Termin zu bestehen. Das hätte ganz sicher nicht jeder gekonnt. Auch nicht unter den Nicht-Autisten.

    Ansonsten – leider der „ganz normale Wahnsinn“ in großen Kliniken. :-( Hoffentlich läuft es am OP-Termin dann besser.

  4. Nach meiner Erfahrung – ein paar Mal war ich schon im Krankenhaus, auch mal über zwei Wochen – ist das, was du beschreibst, der Normalfall. Dass die meisten Leute nicht nachfragen und alles über sich ergehen lassen, liegt wohl daran, dass einem der kafkaeske Apparat, der dir hier gegenübersteht, einfach Angst macht. Die Krankheitssuituation an sich ist ja schon ein Ausgeliefertsein, da lässt man das andere auch noch über sich ergehen.

    Würden sich alle Patienten so verhalten wie du, würde sich wahrscheinlich einiges verbessern in den Krankenhäusern: Es würde mehr mit den Patienten gesprochen, es würden weniger unnötige Untersuchungen gemacht, es würde Geld und Zeit gespart. Warum diese einfache Erkenntis immer noch nicht in der Gesundheitspolitik angelangt ist, ist mir ein Rätsel.

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