Ich und mein Gallenstein

Heute habe ich ihn mal wieder gemerkt, meinen Autismus.

Ich habe mir per Google Gallensteine und Gallenkoliken „diagnostiziert“, nachdem ich immer mal wieder unter Schmerzen litt. Gut. Dank meiner Beharrlichkeit in Sachen Recherche war das kein großes Problem. Doch leider geht bei diesem Leiden kaum ein Weg am Arzt oder gar einer OP vorbei.

Also auf zum Hausarzt.
Wartezimmer. Kein MP3-Player, um ja den Aufruf nicht zu verpassen. Volle Konzentration, damit ich nicht wieder nachfragen muss, ob wirklich ich aufgerufen wurde und wo ich denn noch mal hin solle.

Dann im Arztzimmer. Nochmal warten. Warten ist schlimm. Jede Minute macht nervöser. Immer und immer wieder geht fiktiv das bevorstehende Gespräch durch meinen Kopf. Zum Glück ist mein Hausarzt sehr nett, hat immer ein wenig Zeit, alles anzuhören, und ist insgesamt ein sehr ruhiger Mensch. Das macht es mir leichter.
Der Arzt betritt den Raum. „Wie geht es Ihnen?“, fragt er mich. „Oh, besser als die letzten vier Tage“, antworte ich. Und dann ratter ich los: „Sie wissen doch noch, meine Schmerzen im Rücken, ich weiß jetzt, was das wahrscheinlich ist. Ich sah eine Tiersendung über Koliken beim Pferd, und da habe ich mal gegoogelt, die Schmerzen sind jetzt auch im Bauch und … blablabla … Jedenfalls möchte ich, dass sie jetzt meine Gallenblase ultraschallen.“

Mein Arzt tut es, er findet den Gallenstein. Und einige Organe, die er alle gesund und wunderschön findet. Wir reden ein wenig über das Ultraschallgerät, finden es beide toll. Mit ein paar Scheinen schickt er mich in die Apotheke, zu einem weiteren Arzt und zum Krankenhaus. Apotheke ist einfach. Beim anderen Arzt geht es los: „Wann soll denn die OP gemacht werden, der Arzt ist noch zwei Wochen im Urlaub. Lassen Sie die Endoskopie doch direkt im Krankenhaus machen.“ Nervös. Krankenhaus. Eingangsbereich. Zettel hinhalten. „Oh, damit müssen sie in die Ambulanz, vor den Aufzügen links.“ Nervöser. Ambulanz. Zettel abgeben. Warten. Aufgerufen werden. „Da müssen Sie mal in den ersten Stock zu Frau Schulte.“ Treppen rauf. Gänge ablaufen. Leute fragen. Frau Schulte finden, als sie gerade Feierabend machen will. „Das geht so nicht, ich hab fast Feierabend, die Überweisung kann ich nicht nehmen, Sie brauchen eine Einweisung.“ Erklären, dass der Arzt im Urlaub ist. Frau Schulte, bemüht aber unfreundlich, schickt mich runter in die Ambulanz. Treppe runter, Gänge, Treppen, Gänge, rumgeschickt werden, nervös, Overload, gleich, Tränen, fast. Ambulanz. Erklären, was Frau Schulte meint. Warten. Twitter im Handy aufrufen, mein Anker. Den Overload verhindern. Auf den Fernseher an der Wand starren. Aufgerufen werden. Im Arztzimmer warten. Internist. „Ja, eine Endoskopie müssen wir schon machen vorher, aber Sie merken da nichts, Sie kriegen eine kleine Narkose.“ Gut. Der Internist erklärt alles genau und zeigt schematische Bilder. Sehr gut. Zettel bekommen, Blut abnehmen lassen, Termin bekommen. Immer wieder erwähnen, dass ich an den Wochenenden unbedingt daheim sein muss. Termine erwähnen. Monatelang waren die Wochenenden ruhig, jetzt habe ich an zweien Termine, da kommt eine OP dazwischen. Klar. Aber es soll klappen. Ich frage alles noch mal nach und noch mal. „Den Zettel ausfüllen und mitbringen, die Einweisung mitbringen, nicht frühstücken, OP-Termin kriege ich erst nach der Endoskopie, so richtig?“
Alles im Kopf behalten. Nichts falsch machen. Überleben, irgendwie. Zurück zum Auto.

Auf der Fahrt merke ich, dass ich nicht weiß, wie lange vorher ich nichts essen darf. Ich werde die Nacht davor nicht schlafen, das weiß ich. Sie sagen nur „nicht frühstücken“, weil andere Menschen sich abends ins Bett legen. Aber ab wann genau soll ich nicht essen? Und darf ich auch nicht trinken? Und wie ist es mit rauchen? Wobei ich mich daran ohnehin nicht halten würde. Bis ich daheim zur Ruhe komme, stehe ich durchgehend kurz vorm Overload. Kurz vorm Heulen. Ich habe die Hälfte vergessen zu fragen. Und habe ich mir die andere Hälfte richtig gemerkt? So viele Anweisungen auf ein Mal. Mündlich. Ein Mensch nach dem anderen. Ein Ort nach dem anderen. Eine Anweisung nach der anderen. Einfach so. Das ist schwer. Das ist der Autismus, der mich das nur sehr schwer handeln lässt.

Jetzt harre ich der Dinge, die da kommen mögen. Immerhin musste ich nicht gleich da bleiben, sondern habe Zeit, mich vorzubereiten. Hoffentlich muss ich nicht länger als drei Tage am Stück bleiben. Wenn ich „zur Erholung“ noch bleiben soll, werde ich gehen. Erholung und Krankenhaus gehen für mich nicht überein. Ich schlafe da kaum. Und das Krankenhausessen und ich, wir vertragen uns nicht sehr gut.

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2 Gedanken zu “Ich und mein Gallenstein

  1. Ich drücke feste die Daumen! Gut, dass Du jetzt Zeit hast, Dich darauf einzustellen. Das finde ich immer extrem wichtig, obwohl kurz vorher doch die Panik kommt.

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