Heute wird gehungert

Heute wird gehungert.

Gestern:
Das Wetter ist schön, ich habe ein Busticket. Also gehe ich einfach mal los. Wann der Bus kommt, ist mir egal, ich habe Zeit. Ich werde an der Busstrecke entlanggehen, bis ein Bus passend kommt, und dann einsteigen. Meine Laune ist gut. Ich mag es, mit Sonnenbrille und MP3-Player die Straßen entlang zu gehen, hier und da ein Photo zu knipsen und einfach Zeit und Ruhe zu haben. Kein Stress, keine Hektik, einfach Zeit.

Ein paar Photos später kommt der Bus, ich steige ein, alles easy. Mir gegenüber sitzt ein Baby. Daneben die Mutter. Das Baby kann gerade eben selbst sitzen, mit Mamas Hand an der Seite. Ich mag es, wie man Babys beeinflussen kann, indem man sie mit Absicht anlächelt. Sie lächeln zurück, fast alle. Irgendwann in meinem Leben habe ich viel über Gestik und Mimik gelesen, und seitdem probiere ich sowas immer mal wieder aus. Babys sind toll dafür.

Das Baby wird müde, die Mutter legt es in den Kinderwagen, es schläft sofort ein. An der nächsten Haltestelle muss ich raus.
Ich gehe zum Supermarkt, in Ruhe einkaufen, das war mein Ziel. Ich habe einen bestimmten Supermarkt gewählt, denn ich brauche meinen Zitronentee. Nicht irgendeinen, sondern nur diesen. Anderen trinke ich nicht. Dann noch etwas Fleisch, Mayonnaise, Gemüse für meinen Hamster, das sollte schon reichen für das Wochenende.
Meine Laune ist so gut, dass ich sogar einen jungen Mann anlächle, der gerade einkauft. Ich gehe fast beschwingt durch die Gänge, nehme einen Radicchio für meinen Hamster und wiege ihn. 388, das ist die Radicchio-Nummer auf der Waage.
Wieder schaue ich in den nächsten Gang, wohlwissend, dass mein Zitronentee dort seit ein paar Wochen nicht mehr steht. Es macht mich kaum noch nervös. Gut. Ich gehe weiter, zu den Fischen. Neben der Fischtheke ist ein kleines Aquarium. Ich begrüße den Stör und seine Freunde, wie immer. Sie sind unbeeindruckt, wie immer. Die Fischtheke selbst ist heute nicht spannend. Keine Papageienfische und auch kein Anglerfisch diesmal.

Jetzt will ich meinen Zitronentee, den darf ich nicht vergessen. Den Rest hole ich danach. Ich gehe weiter, biege ab, sehe meine gelbe Dose nicht. Alles andere ist ausgeblendet. Wo steht er denn? Wo steht er denn? Beim Näherkommen sehe ich die Kumpels meines Zitronentees. Pfirsich, Apfel und irgendwas Rotes. Die Lücke zwischen Rot und Apfel bestätigt meine Befürchtung.
Kein Zitronentee, kein Zitronentee, kein Zitronentee. Mein Kopf wirft keine anderen Meldungen mehr aus.
Da, eine Verkäuferin. „Ist noch Zitronentee im Lager?“, frage ich. „Nur das was da steht“, sagt sie. „Da steht nichts!“, sage ich. „Dann haben wir es nicht“, sagt sie. „Was soll ich dann morgen trinken?“, frage ich. „Kochen Sie sich doch einen Tee und drücken Sie eine Zitrone …“ „Das vertrage ich nicht!“, unterbreche ich sie.
Ich muss raus, einfach nur noch raus. Kein Zitronentee. Und ich bin mit dem Bus da. Kein Zitronentee. Mit dem Auto führe ich schnell zur Stadtgrenze in den anderen Markt mit meinem Zitronentee, mit dem Bus werde ich das nicht schaffen. Kein Zitronentee.

Ich gehe hektisch durch den Getränkegang, schnappe mir zwei kleine Flaschen Wasser mit Kirschgeschmack und eine große Flasche billigen Zitronensprudel, in der Hoffnung, dass er trinkbar ist. Sowas trinke ich normal nicht daheim. Da trinke ich Zitronentee. Ich stürze fast schon zur Kasse, bezahle, packe meinen Rucksack und gehe zum Bus.
Fleisch und Mayonnaise habe ich darüber vergessen.

Jetzt:
Heute wird gehungert.

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3 Gedanken zu “Heute wird gehungert

  1. Du hast jetzt wirklich nichts zu essen zu Hause? Welcher Zitronentee ist das? Max trinkt nur den Fencheltee von Hipp, wenn der alle ist, gibt es Katastrophenalarm.
    LG

    1. Hausmarke eines bestimmten Supermarktes.
      Doch, schon, Apfelstrudel, Erdnussflips, so Kleinkram eben. Aber die geplanten Schnitzel eben nicht. Verhungern werde ich nicht.

  2. Das Problem kenne ich. Ich habe dazu vorgestern erst meinen Beitrag „Umgeräumt“ geschrieben. Ich verliere die Orientierung, wenn die Sachen nicht mehr dort stehen, wo sie immer gestanden haben, weil ich jeden Gang, jedes Regal in meinem Gedächtnis eingescannt habe und diesen Plan benutze, um die entsprechenden Lebensmittel zu finden. Das ist auch ein Grund dafür, dass ich immer in dem gleichen Supermarkt einkaufen gehe. Fremde Geschäfte verunsichern mich. Selbst, wenn sie vom gleichen Konzern sind, so hat doch jede Filiale ihr eigenes System, wie die Waren einsortiert werden. Hat mein Stammsupermarkt die Tieflkühltheken gegenüber der Fleischtheke, so würde ich diese auch in jedem anderen Supermarkt dort vermuten. Trifft das nicht zu, gerät mein Ordnungssystem durcheinander und ich finde gar nichts mehr.

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