Die Verschmelzung aller Störungen – oder – Wieso man differenzieren sollte

Dass die Mutter des Artikelschreibers evtl. ein Eisklotz war – da können wir Autisten nichts für. Und wenn des Artikelschreibers Probleme ausschließlich von einer emotionslosen Mutter herrühren, dann ist Autismus/Asperger-Syndrom sicherlich die falsche Diagnose.

Ich las gerade mit Entsetzen diesen Artikel: Autismus – 05. September 2008
So einen wirren Text mit derart vielen falschen Infos zu Autismus habe ich lange nicht gelesen. Die letzten Zeitungsartikel waren alle Gold dagegen. Dieser Artikel dagegen glänzt nicht mal zum Schein.

Da wird die Kühlschrankmutter wieder aus der Versenkung geholt und die Festhaltetherapie gelobt. Autisten und deren Mütter werden sich bedanken!
Kinder, die allein auf Grund einer zu emotionslosen Mutter autistische Züge entwickeln, haben eben genau das: Autistische Züge. Aber keinen Autismus!
(Edit 05.10.2016) Kinder, die allein aufgrund einer zu emotionslosen Mutter Symptome entwickeln, die denen des Autismus nach außen ähneln, haben eben genau das: Symptome, die denen des Autismus nach außen ähneln. Aber keinen Autismus!
(Warum nicht mehr „autistische Züge“ siehe hier im letzten Absatz: Autismus, Autist, Spektrum, Aspie, ja watt denn nu?) (Edit Ende)
Natürlich kann eine gute Erziehung und Eltern, die ihr Kind verstehen und auf seine Eigenarten eingehen, auch ihrem Kind mit Autismus helfen, zu lernen, wie es mit seinem Autismus in der Welt zurecht kommt, doch wird es nie geheilt werden.

Es gibt genau drei Möglichkeiten, wie es zustande kommen kann, dass ein Jugendlicher oder Erwachsener, dem als Kind Autismus diagnostiziert wurde, als „geheilt“ betrachtet werden kann:
a) Das Kind hat eine Fehldiagnose bekommen, es ist nie Autist gewesen. Seine Probleme rührten also woanders her, und das wurde nicht erkannt.
b) Der Jugendliche/Erwachsene ist immer noch Autist, lebt aber derart überkompensiert, dass er irgendwann zusätzlich zu seinem unterdrückten Autismus einen voll ausgeprägten Burnout bekommen wird.
c) Der Jugendliche/Erwachsene ist generell nach außen derart unauffällig, dass der Autismus, zumindest von Laien, nicht mehr erkennbar ist, wie zum Beispiel bei Nicole Schuster, die sich selbst als ehemals betroffen bezeichnet.

Selbstverständlich wird es auch Autisten geben, deren Kindheit von kalten Eltern geprägt war, aber diese lösten dann nicht den Autismus aus. Möglicherweise verschlechterten sie die Symptome, aber sie sind nicht der Auslöser. Dass es aber viele Autisten mit sehr liebevollen Eltern gibt, und da kenne ich mehrere teils persönlich und teils aus dem Internet, bedeutet, dass Autismus mehr (Edit 05.10.2016) etwas anderes (Edit Ende) sein muss, als eine vermurkste Kindheit. Das Argument kann so einfach nicht funktionieren!

Von der Festhaltetherapie weiß ich, dass sie einigen Autisten das Erwachsenenleben versaut hat. Ich musste so etwas zum Glück nie durchmachen. Die Kinder, die das erleben müssen, werden gebrochen. Sie werden irgendwann zu schreien und sich zu wehren aufhören, damit sie es schneller hinter sich haben, und weil sie gelernt haben, dass sie ohnehin chancenlos sind. Meines Erachtens kommt das einer seelischen Vergewaltigung gleich und einer körperlichen Misshandlung. Hamster zum Beispiel soll man mit Geduld zähmen und sie von sich aus auf sich zukommen lassen, aber Autisten werden bei der Festhaltetherapie bedrängt und gezwungen.

Sollte ich also tatsächlich eine Kommorbidität zum Asperger Syndrom haben, bin ich fest davon überzeugt, dass die Theorie (s.o.) von Alice Miller stimmt, weil sie meinen Gefühlen entspricht

schreibt der Artikelschreiber. Ich jedoch kenne keinen Autisten, dessen Gefühlen diese Theorie entspricht. Sicher, ich kenne nicht jeden Autisten. Doch durch meine Tätigkeit als Moderator in einem Autisten-Chat erlaube ich mir darüber schon ein gewisses Urteil.

Dann wird von Myelinschichten geschrieben, und der Beisatz „(ist ja bei Borderline ebenso)“ lässt mich denken: Tja, dann wird es wohl auch Borderline sein.
Nicht jede Störung hat dieselben Ursachen. Aber einige Störungen haben sich überschneidende Symptome – zumindest nach außen. Oft ist es erst das Innenleben des Menschen, das ein autistisches Symptom von einem Borderline-Symptom abgrenzt, das nach außen völlig oder nahezu gleich aussieht. Ebenso bei Symptomen, die allein von außen betrachtet einem Autisten ebenso wie einem Zwangsneurotiker zugeordnet werden könnten. Allein das Außen kann nicht erkennbar machen, aus welchem Grund ein Mensch sich selbst verletzt oder nie auf die Kanten zwischen unterschiedlichem Bodenbelag tritt. Erst das Innen lässt erkennen.

Die ignorierten Folgen dieser Verantwortungslosigkeit, der Schonung der Eltern, sind seelsich traumatisierte Menschen, welche die Gesellschaft u. a. Autisten, Asperger, Borderline nennt !
[…]
Aber Eltern sind ja grundsätzlich unschuldig und in sofern gibt es keine Fehler, aus denen wir lernen und unsere Haltung ändern könnten …
[…]
Ich bin davon überzeugt, dass Alice Miller recht hat. Ich bin der lebendige Beweis, egal ob es um Diagnosen wie Asperger, Autismus, Adhs oder Borderline geht, es liegt nicht an den Genen, ebensowenig an der Vererbung. Es liegt an der ganz frühen Kindheit, an den Bindungserfahrungen, in der ganz frühen Kindheit. Denn diese sind für das ganze weitere Leben wirksam.

Ich hatte als Baby schon Hospitalismussymptome und diese bekommt Baby nicht, weil es eine verfügbare Mutter hat.

Sicherlich gibt es Störungen, und das nicht zu knapp, die durch solche verantwortungslosen Eltern ausgelöst werden. Aber nicht jede Störung hat dieselbe Ursache. Natürlich gibt es traumatisierte Menschen, aber nicht jeder Mensch, der in irgendwelchen Lebensbereichen Schwierigkeiten hat, hat sie durch ein Trauma.

Was ist so schwer daran, zu differenzieren?

Gehe ich nach der Argumentation des Artikelschreibers, könnte man alle Störungen streichen und bräuchte nur noch einen einzigen Namen für alle Probleme, die je ein Mensch haben könnte, denn sie alle hätten denselben Grund. Den Grund, in der Kindheit irgendwie falsch behandelt worden zu sein.
Das ist irgendwie zu einfach.

Es ist eben nicht alles Gold, was glänzt – doch dieser Artikel tarnte sich nicht einmal als Katzengold.

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8 Gedanken zu “Die Verschmelzung aller Störungen – oder – Wieso man differenzieren sollte

  1. Und ich dachte, die Ära der Kühlschrankmuttertheorie als Ursache für Autismus sei längst vorbei. Offensichtlich muss der Mythos aber immer wieder herhalten, wenn es darum geht, nach Erklärungen zu suchen für das eigene Verhalten und sich in einer möglicherweise „angenehmeren“ Diagnose wiederzufinden, als in der tatsächlich zutreffenden oder bereits vorhandenen.

    Aber es ist, wie du beschreibst, am Ende ausschlaggebend, wie sich das Innensein eines Menschen gestaltet, nicht, wie der Mensch sich nach Außen hin gibt und wahrgenommen wird. Denn da sind die Symptome oft ähnlich und überschneiden sich in vielen Punkten. Das macht die Diagnose – gerade bei Erwachsenen – ja auch so schwierig.

  2. Ich bin der Meinung, die Argumentation dreht sich im Kreis.
    Wenn Autismus, wozu auch Asperger gehört, PER DEFINITION eine genetische bzw. organische Erkrankung ist, dann kann eine Störung, die durch Traumatisierung oder Vernachlässigung verursacht wurde, kein Asperger im Sinne dieser Definition sein.

    Gefährlich finde ich es aber, daraus eine Ideologie zu machen und kategorisch zu behaupten, emotionale Vernachlässigung, Traumata u.ä. könnten gar keine Störungen nach sich ziehen, die Asperger-typische Symptome haben.

    1. Eine Erkrankung ist (Asperger-)Autismus nicht. (Asperger-)Autismus ist angeboren, man erkrankt nicht daran. Ansonsten ist es richtig, per Definition kann eine Störung, die allein durch Vernachlässigung oder Traumatisierung verursacht wurde, kein (Asperger-)Autismus sein.

      Was du in deinem zweiten Absatz beschreibst, habe ich nicht behauptet, schon gar nicht kategorisch. Im Gegenteil, ich schrieb:
      „Kinder, die allein auf Grund einer zu emotionslosen Mutter autistische Züge entwickeln, haben eben genau das: Autistische Züge. Aber keinen Autismus!“
      Ich halte es also nicht für ausgeschlossen, dass Menschen durch Traumata oder Vernachlässigung oder andere Umstände autistische Züge entwickeln. Autistische Züge unterscheiden sich aber grundlegend von Autismus, unter anderem eben dadurch, dass sie erworben wurden. Dementsprechend sind sie dann auch zu behandeln. Das ist gerade für die Therapie unglaublich wichtig, das auseinanderzuhalten.

  3. Es ist durchaus richtig dass es zwischen schon früh traumatisierten Kindern (oftmals späteren Borderlinern) und Autisten gewisse Parallelen im Verhalten gibt, aber auch beträchtliche Unterschiede.
    So haben Autisten oftmals ausgeprägte Spezialinteressen, die in der Gruppe der traumatisierten nicht zu finden sind, wie auch Probleme mit der Reizüberflutung, aber genau hier wird es differentialdiagnostisch oft schwierig, da dissoziative oder psychotische Zustände ähnlich aussehen können und die Probleme mit der Reizverarbeitung auch zu emotionalen Meltdowns führen können, ähnlich wie man sie von Borderlinern kennt. Auch Hirnorganisch gibt es gewisse Überschneidungen (so groß ist das Gehirn ja nicht ;) ), aber auch beträchtliche Unterschiede.
    So sind die Unterschiede im autistischen Gehirn zu groß, als dass sie alle nach der Geburt hätten entstehen können.
    Viele Diagnosen in der Psychiatrie überschneiden sich symptomatisch sehr eng und auf vielfache Weise, dass eine genaue Diagnose oftmals sehr schwierig ist. Insbesondere bei Autismus, da es sich auf vielfältige Weise zeigen kann und zahlreiche Überschneidungen hin zu den unterschiedlichsten Diagnosen haben kann, weshalb nichtnur die vorhanden Symptome, sondern auch eine genaue Anamnese über Entwicklung und Verlauf etc. so wichtig ist, was aber leider oftmals nicht gemacht wird. 5 min.-Diagnosen scheinen oftmals „modern“ zu sein und nur wenige Psychiater haben wirklich Ahnung von Autismus und wie es sich manifestiert und man von anderen Diagnosen abtrennen kann.
    Mein Verdacht ist immer mehr, dass es in der heutigen Psychiatrie abgesehen von den Diagnosen die den Affekt betreffen (Depressionen, Angststörungen etc.) fast nurnoch Borderline und Schizophrenie gibt, dass innerhalb von 5 min. am Fließband diagnostiziert wird. Das Problem von Autismus ist nun, dass es symptomatisch aus beiden Bereichen Symptome hat, wie Rückzug, verflachter Affekt etc. das man von Schizophrenen kennt und Probleme mit der Emotionsregulation, autoaggressives Verhalten etc. wie man sie von Borderlinern kennt.

    So hoffe ich auch, dass die Kühlschrankmutterära bald entgültig vorbei ist, aber durch eigene Erfahrung mit sog. „Fachpersonal“ muss ich sagen, dass meine Hoffnung da gering ist, habe auch ich als Kind die Festhaltetherapie durchlebt, die mich mit Klaustrophobie „brandmarkte“ und mit einer ausgeprägten Angst vor Psychopersonal, dass man diesem aber kaum beibringen kann, ohne dass sie aus mysteriösen Gründen oftmals denken ich wolle eine Sonderbehandlung oder schlimmstenfalls sie manipulieren was mir unerklärlich ist und ich so in diesem Gesundheitssystem mit oftmals zu wenig Fachkenntnis und „Pseudowissen“ zu Schweigen gelernt habe.

    Danke für den guten Artikel! :)

    1. danke..denn genau das ist was mir passiert ist. ich war immer schon „seltsam“. mein elternhaus gab da auch einen guten anlas zu vermuten, dass das alles „nur falsch gelernt und antrainiert oder eine komepnsation auf vernachlässigung ist“. sicher. dem hab ich auch jahre lang zugestimmt. machte auch sinn. ich hab probleme – vor allem im zwischemmenschlichen, die sind offensichtlicher und machen mehr ärger. ich verletze mich selbst. (mittlerweile weniger wo ich einfach physische nichtmal so sehr psychische ruhe in meinen alltag bringe). ich hab probleme ferundschaften zu finden und aufrecht zu halten, ich verstehe viele dinge nicht, obwohl ich nicht dumm sein kann ( ich hab nen uniabschluss und lerne vetreufelt schnell). ich hab hilfe gesucht…antwort: aha slebstverletzung: ganz klar borderline…hier: medikamente…dass die bei mir (wie fast alles) ne paradoxe reaktion auslösen war dann egal…ha, jetzt tickt sie aus? noch klarer: borderline…(und ich hab alles was man mir gab bis zur höchstdosis geschluckt, sucht kam dann dazu bis hinzu sehkraft verlust, das meine leber noch fit ist ist ein wunder)..dann ging es an die „verhaltenstherapie“ und siehe da..ich war immer noch wunderlich…kam auf soziale situationen nicht klar, hatte mein gedächtnis, meinen hang zu prinzipien, meine eigenheiten und meine überausgeprägte wahrnehmung…schwubs: ok sozialphobie gibbet extra und den verdacht auf adhs, bipolar und hochbegabt ( wie bescheuert kann eine person für sich eigentlich sein, wenn man ihr zich diagnosen geben könnte?)…jetzt endlich weiß ich , dass all die diagramme die ich gemalt hab für mein umfeld damit endlich klar wird was in meinem kopf passiert und warum ich nicht NOCH mehr verarbeiten kann einen grund hatten: asperger und die damit verbundene wahrnehmung..plus das nicht ganz so optimale sozialverhalten, aber ich bemühme mich seit jahren das zu kompensieren, weil ich ja keinem „auf den schlips treten“ will…
      das ende vom lied war verdacht auf trauma (würde ich gar nicht mal von mir weisen, ich hab eins, aber das muss bitteschön autismusspezifisch behandelt werden, soviel weis ich jetzt) und ab in die klinik…nicht mit mir…nicht aus meinem alltag..ich brauch meinen raum und ruhe…dann hab ich mich informiert und durch nen dummen zufall hab ich erfahren, dass autisten auch emotionen haben können. das hatte ich für mich immer ausgeschlossen. dann noch mal genau geguckt und mich testen lassen…siehe da…nix borderline…nur ne mittlerweile durchaus traumatisierte aspie frau…wenn das trauma besiegt ist werde ich aber immer noch: lilablumen, rosablumen, ne wasserfläche, ne ente und zwei erpel, nen stechapfel (ich erspare hier lateinische namen, ich kenne sie), meinetwegen auch den in reihe gepflanzten buxus sowie die rasenfläche mit etwas höheren grasbüscheln sehen…und keinen vorgarten…;-) und ich werde vermutlich nie auch wenn ich drauf achte witze erkennen können, wenn ich unaufmerksam bin…(und ja: DAS kotzt mich an^^, ich mach gerne witze…und würde sie auch gerne erkennen..genau wie differrenzierte gefühle…)

  4. Ich kann mich meinen Vorkommentierern nur anschliessen und habe dazu noch folgendes. Meine beiden Kindern wurden absolut mit derselben Liebe und Zuneigung erzogen, erfuhren also auch dieselbe Zuwendung. Trotzdem ist der eine ein Autist und zwar ein 100%iger und der andere überhaupt nicht. Im Gegenteil, hier litt er sogar mehr darunter, weil er nicht immer von mir verstanden wurde (naja, wen wunderts). Da auch meine Frau autistische Züge hat, (aber halt nur Züge,) wurde er wohl von ihr auch nicht richtig eingeschätzt. Demnach hätte er der Autist werden müssen. Ich folgere also auch daraus, dass der Autor des verlinkten Blogs wohl auch kein Autist ist.

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