Weltautismustag 2011 – Was ist Autismus für mich?

Autismus ist eine Tiefgreifende Entwicklungsstörung. So steht es in der ICD-10.

Aber was ist Autismus für mich?

Jahrelang war es etwas, das weit weg von mir war. Es war ein unbekannter „Rain Man“, es waren kleine Jungen in Filmen, die nicht sprechen. Und doch fühlte ich irgendeine Verbundenheit dazu. Irgendein Verständnis.
Aus Spaß habe ich manchmal gesagt „Vielleicht bin ich ja auch Autist.“ und fragte mich, wo Autismus wohl anfängt.

Irgendwann erfuhr ich vom Asperger-Syndrom, las darüber und entdeckte, dass Autismus gar nicht so weit von mir weg ist. Ich ließ mich als erwachsener Mensch auf Eigenverdacht diagnostizieren.

Jetzt ist Autismus eine Erklärung, eine Zusammenfassung meiner Macken – aber leider auch etwas, das ich verstecken muss, oder von dem ich denke, dass es oft besser ist, es zu verstecken.

Ich weiß jetzt, warum ich merkwürdige Essgewohnheiten habe. Ich weiß jetzt, warum ich in großen Gruppen nicht immer alles mitbekomme, warum andere Menschen sich problemlos diagonal über einen Tisch hinweg unterhalten können, während andere auch reden, ich aber nicht. Ich weiß jetzt, warum mich das so anstrengt, dann noch zuzuhören und warum ich dann manchmal gerne einfach weggehen möchte. Ich weiß jetzt, warum mein Vater mich oft fragt, ob ich noch zuhöre, wenn ich wegschaue, um gut zuhören zu können. Ich weiß jetzt, warum ich viele Dinge anders sehe als andere Menschen, warum mir Details so viel wichtiger sind, warum es mir hingegen mitunter schwer fällt, den Überblick zu wahren. Warum mir Fahrrad fahren schwer fällt, warum ich erst spät lernte, eine Schleife zu binden, während ich zeitgleich die anderen Kinder verbesserte, wenn sie wie statt als sagten. Ich weiß jetzt, warum ich nur wenige Freunde habe, und auch nur wenige Freunde brauche. Warum ich schon seit Jahren erkläre, dass man bitte nichts zwischen meinen Zeilen lesen soll. Ich weiß, warum man mich oft für rational und perfektionistisch hält. Ich weiß jetzt, warum ich etwas langsam, aber dafür sehr gründlich arbeite. Ich weiß jetzt, dass es Overload heißt, wenn mich die einströmenden Eindrücke überfordern. Ich weiß jetzt sogar, warum ich im Supermarkt fast immer denselben Weg gehe. Und ich weiß noch viel mehr über mich. Ich kann mich endlich richtig reflektieren.

Es ist gut, das zu wissen, doch sagen kann ich es nicht jedem.
Zeitgleich mit der Erleichterung über das Wissen kommt auch die Angst, wie andere Menschen damit umgehen. Wie reagieren Ämter? Wie reagieren Freunde? Wie reagieren Ärzte? Wie reagieren Eltern?
Ich muss abwägen, wem ich davon erzähle. Und wie ich davon erzähle.

Manche Menschen gehen gut damit um. Sie nehmen mich wie ich bin und nehmen etwas Rücksicht auf die eine oder andere Besonderheit. Andere meinen, es wäre gut mich mit genau den Situationen zu konfrontieren, die mir auf Grund des Autismus schwer fallen. Sie denken, ich müsse das nur oft genug machen, dann ginge das schon weg. Und wieder andere meinen, ich hätte einfach zu viel Zeit zum Nachdenken und solle nicht rumspinnen.

Die letzten beiden Gruppen von Menschen kann ich nicht gebrauchen. Sie wollen mich nicht verstehen. Und genau wegen solcher Menschen ist es so wichtig, dass Autismus nicht nur in seiner bloßen Existenz in das Bewusstsein der Menschen gerückt wird, sondern auch und vor allem, dass die Menschen so weit es irgend geht verstehen lernen, was Autismus bedeutet.

Ich versuche dies zu erreichen, indem ich blogge und twittere. Nicht nur über Autismus, denn mein Leben ist nicht nur Autismus. Ich bin auch einfach Mensch. Ein Mensch, der allein leben kann, eine Ausbildung hat, manchmal gerne wieder einen Partner hätte, aber eben auch die ein oder andere Schwierigkeit hat und gerne offen mit dem eigenen Autismus umgehen würde, ohne sich Job-Chancen zu verbauen und ohne die Angst, wie Menschen reagieren könnten.

Dieser Artikel entstand im Zuge einer Aktion von Autism Understanding and Acceptance.

Um mehr zu erfahren, kannst du mir natürlich in den Kommentaren Fragen stellen und mir gerne auch auf Twitter folgen.

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2 Gedanken zu “Weltautismustag 2011 – Was ist Autismus für mich?

  1. irgendwie kenne ich das, und gestern habe ich noch darüber nachgedacht. besonders über dieses diagonal über den tisch reden, das einfach nicht funktioniert. das ist für mich nur stimmlärm. oder das vorbeisehen an menschen, weil ich sie dann besser verstehe. aber sie verstehen das nicht. und die ständige erschöpfung unter vielen, die alle so anders sind. deren regeln ich nur mit leichter verzweiflung versuchen kann zu folgen.

    bislang dachte ich, das sei biografisch begründet. und ich weiß auch nicht, ob eine diagnose daran ändern würde. es ist wie es ist.

  2. das seltsame ist ja, dass vermutlich jeder das eigentlich nachvollziehen sollte. jeder mensch hat wohl irgendwelche „seltsamen“ angewohnheiten. ob das nicht auf die linie treten ist, dass anordnen von gegenständen, die genau diesen platz und keinen anderen haben dürfen, das „perfekte“, … aber für viele ist es es eben eine „macke“, die man mit entsprechender disziplin verändern kann. und vielleicht erwarten das auch viele von ihnen. wissen sie was ich meine?
    ich selbst habe auch so manches seltsames verhalten, etwas was manche als autistische züge interpretieren würden. und doch weiß ich, dass es bei einem selbst nichts mit autismus zu tun haben wird. so beneide ich sie fast um diese dianose, weil es für sie die welt ein stück erklärt.
    in dem sinne, wünsche ich ihnen einen schönen abend.

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