Sonnenuntergang

Er schlich durch die Trümmer die Straße entlang. Traurig schlurfte der Stoffhase, den er mit der verkrampften Hand seines schlaff herabhängenden Arms am Ohr hinter sich her zog, durch den Dreck.
Sein Gesicht war staubweiß, matt, die Augen starrten dunkel daraus hervor. Sein Gehirn lieferte eine Mischung aus „abgeschaltet“ und „auf Hochtouren“. Bilder rasten durch seinen Kopf, aber er nahm sie kaum wahr.

Nun ließ er die Stadtgrenze hinter sich. Auch das merkte er nicht. Die Straße war aufgerissen, sauber war der Asphalt in der Mitte getrennt, die linke Fahrspur einen halben Meter höher als die rechte. Er starrte geradeaus, ins Nichts, der Hase schlurfte weiter gleichgültig über den Boden. Starr und schlaff zugleich war sein Körper. Erst als sich die Sonne rot am Horizont zur Erde neigte, wurde sein Blick klar. Wie schön das aussah.

Seine Eltern lagen derweil tot in der Stadt unter den Trümmern. Er war 5 Jahre alt. Er würde mit 6 Jahren bei der Familie auf dem Land, die ihn aufnahm, an der Verstrahlung sterben, ohne je wieder ein Wort gesagt zu haben. Allein sein Stoffhase kannte seine Geschichte. Er ließ ihn bis zum Schluss nicht mehr los.

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2 Gedanken zu “Sonnenuntergang

  1. Ja, lasst die Betroffenen sprechen! Dann werden die Anderen betroffen sein und endlich reagieren, bevor der nächste Reag(k)tor in die Luft fliegt!

    Danke für Deine kleine Geschichte!

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