Die Wörtlichkeiten des Lebens und das Monster im Wandschrank

„Ob es an den vielen offenen Fenstern liegt, dass die CPU so ausgelastet ist?“, fragt er. Ich stutze. Was haben offene Fenster mit der CPU zu tun? Und wer lüftet überhaupt bei diesem Sauwetter?
Ich brauche oft einen Moment, bis ich Worte in den richtigen Zusammenhang bringe. Als er sein CPU-Problem endlich im Griff hat, sitzen wir zusammen im Wohnzimmer.

Wir reden den ganzen Abend. Über dies und das, über Musik, Bücher, Haustiere.
„Ich habe mein Meerschweinchen unter einer Birke beerdigt“, erzähle ich. „Auf meinem wachsen Erdbeeren“, erhalte ich als Reaktion. Das Bild in meinem Kopf von einem Meerschweinchen mit Erdbeerpflanze auf dem Rücken entbehrt nicht einer gewissen Komik. Aber bis ich verstehe was gemeint ist, vergehen glatte fünf Minuten. Bis dahin habe ich eine Mischung aus Spaß und Verwirrung im Kopf.

Er gehört nicht zu den Leuten, die es stört, wenn ich an „unpassenden“ Stellen lache. Er versteht mich. Ihm geht es ja manchmal selbst so. Und so reden wir weiter.
An diesem Abend stolpere ich nicht noch mal in die Wörtlichfalle. Aber ich erzähle ihm: „Mein erstes Gulasch war eine Katastrophe. Das Rezept klang einfach. Aber von leckerem Gulasch konnte keine Rede sein.“ „Was war passiert?“, fragt er. „Naja“, sage ich, „ich briet das Fleisch scharf an – mit viel Pfeffer.“ Wir lachen.

Vielleicht bin ich durch die Wörtlichkeiten des Lebens manchmal etwas langsamer als andere Menschen. Vielleicht geht mir dadurch manchmal etwas schief oder ein Gespräch ist etwas schwieriger. Aber manchmal habe ich auch einfach ein wenig mehr Spaß dadurch.

Es wird wahrscheinlich jeder Mensch kennen. Manchmal bleibt man an etwas hängen, weil man es nicht auf Anhieb richtig einsortiert hat. Vielen Autisten passiert das öfter als Nicht-Autisten. Die Sprache wird zunächst rein logisch verwendet und auch so verstanden. Wörtlich eben.
Gerade die deutsche Sprache bietet so herrlich viele Möglichkeiten, sich präzise auszudrücken – und doch tun es viele Menschen nicht. Und das sind dann die Fallen, in die ein Autist im Alltag so stolpern kann. Sprichwörter erarbeitet man sich, ich hinterfrage oft, woher ein Sprichwort kommt, um zu verstehen. Ironie entgeht einem manchmal, und was „zwischen den Zeilen“ so gesagt oder geschrieben wird, muss man als Autist erstmal finden.

Umgekehrt ist es dann auch nicht leichter. Wie oft ist es mir schon passiert, dass jemand etwas zwischen meinen Zeilen las – und meist liest derjenige dort Worte, die ich absolut nicht meinte. Selbst wenn ich es dazu schreibe „Bitte nichts reininterpretieren, ich meine es so, wie es da steht!“, wird es nicht akzeptiert, sondern zwischen den Zeilen gesucht. Vor allem in hitzigen Diskussionen wollen die Menschen dringend jede Gemeinheit finden, die angeblich zwischen den Zeilen versteckt lauert. Bei mir aber lauert nichts.

Doch eins lauert durch die unterschiedliche Verwendung der Sprache immer: Das Missverständnis. Es wartet nur darauf, den Autisten zu packen und zu schütteln, ihn aus seinem logischen Konstrukt herauszuzerren und im schlimmsten Fall wie ein Monster aus dem leicht offen stehenden Wandschrank in eine Dimension zu zerren, die ihn in einen Overload treibt.

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3 Gedanken zu “Die Wörtlichkeiten des Lebens und das Monster im Wandschrank

  1. Dein Text ist toll geschrieben und man kann sich sehr leicht in Dich und Deine Situation hineinversetzten. Ich hoffe, dennoch, dass es weitgehend problemlos für die möglich ist in Deinem Umfeld zu kommunizieren. LG Sabrina

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