Das Leid mit dem Pride oder Pride trotz Leid

In der autistischen Community – so fasse ich jetzt mal die Autisten zusammen, die sich im Netz in den Boards, Chats etc. austauschen – gibt es gerne immer mal wieder eine Kontroverse zum Thema Pride und Leid. Leider.

Pride, leider oft fehlgedeutet als Stolz, Autist zu sein, meint im Ursprung wohl eher ein gewisses Selbstwertgefühl, Stolz im Sinne dessen, auch als Autist wertvoller Teil der Gesellschaft zu sein, Wissen darum, wer man ist und wo man steht und dass es ok so ist.
Leid, da geht es um das medizinische Modell des Autismus. Wer am Autismus nicht leidet, sollte keine Diagnose bekommen, so die Leid-Fraktion.

Ich stehe da irgendwo zwischen, zwischen dem missgedeuteten und übersteigerten Pride und dem jammernden, wehklagenden Leid.
Und ich wünschte, man käme auf einen Nenner.

Einige Diagnostiker geben wohl keine Diagnose, wenn nicht ausreichend Leidensdruck vorhanden ist. Und einige Autisten stimmen dem voll zu, gehen in Kontroversen dann oft sogar so weit zu sagen, wer nicht am Autismus leide, könne wohl kein Autist sein.
Doch ist man weniger Autist, wenn man für sich selbst einen guten Umgang mit dem Autismus gefunden hat, wenn man einen gewissen Selbstwert erlangt hat und sein Leben nicht durch Leid definieren möchte?

Das Problem an der Kontroverse ist meines Erachtens, dass die Positionen eigentlich gar nicht so weit voneinander entfernt sind wie sie beide glauben, es aber beide Seiten einfach nur nicht schnallen!

Wenn ich zum Beispiel auch schöne Tage in meinem Leben habe und davon auch berichte, mein Leben nicht durch ein Leid definiere, bedeutet das noch lange nicht, dass ich keine Probleme durch den Autismus hätte.
Ich lasse sie nur nicht mein Leben bestimmen.
Ich hab autismustypische Probleme, sogar nicht mal so wenige, wenn ich darüber sinniere, aber ich weigere mich einfach, den Rest meines Lebens damit zu verbringen, darüber rumzuheulen. Das bringt mich nicht weiter und macht mich nicht glücklich.
Und ja, glücklich darf man auch als Autist sein, ohne dass einem gleich die Diagnose wieder weggenommen (oder von übereifrigen Leidlern aberkannt) wird!

Ja, wer tatsächlich keine autistischen Probleme hat, der wird auch kein Autist sein. Da haben die Leidler Recht. Aber das projizieren sie dann gleich auf alle Autisten, die nicht durchgehend bedauern, zu sein, wer oder wie sie sind. Und da liegt der Fehlschluss!

Man muss seine Probleme nicht durchgehend in die Welt hinausposaunen.
Und man muss Probleme auch nicht durchgehend als solche wahrnehmen, damit sie da sind.
Ich halte es sogar für ungesund, sich seine Probleme in jeder Sekunde seines Lebens zu vergegenwärtigen, was nicht bedeutet, dass man sie unterdrücken oder verleugnen sollte.
Es gibt einen Weg dazwischen!

Mal ein sehr deutliches Beispiel:
Wenn ein Autist durch seine autistschen Probleme Schwierigkeiten hat, einen Job zu finden, ist das ein Problem, ein existentielles Problem. Es ist realistisch da und macht das Leben sicher nicht leichter. Man kann da sicherlich auch drüber verzweifeln.
Wenn dieser Autist sich aber damit aber arrangiert, solange er keinen Job hat, während der Jobsuche, irgendwie mit wenig Geld, aber ausfüllenden Hobbys oder gar Spezialinteressen dennoch glücklich ist, ist er dann kein Autist mehr, weil er subjektiv nicht an diesem Problem leidet? Und ändert das Glücklichsein, das Nichtleiden etwas am grundlegenden Problem? Wohl kaum.

Das ganze Problem zwischen Pride und Leid ist also im Grunde nur eins der Einstellung zu sich selbst, zu seinem eigenen Leben.
Und das kann auch wechseln. Man kann Phasen im Leben haben, in denen man es nicht schafft, glücklich zu sein, mit den Problemen irgendwie gut zu leben. Und dann kann es wieder Phasen geben, in denen man objektiv immer noch dieselben Probleme hat, aber subjektiv eben gerade gut drauf ist, das Beste aus den Gegebenheiten macht.

Ich fände es schön, wenn viele Autisten es schaffen könnten, einen guten Selbstwert zu erlangen, ein glückliches Leben zu leben – mit ihrem Autismus. Und ohne ihn gleich aberkannt zu bekommen.
Und jeder Autist sollte in jeder Lebensphase akzeptieren, dass es eben auch jene gibt, denen es gerade genau anders geht, ohne sich gegenseitig auf die Moppe zu kloppen und mit “Modediagnose”-Vorwürfen um sich zu werfen.

Viel wichtiger sollte doch der gemeinsame Kampf für ein gutes Leben mit Autismus sein!

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Wir sind Autismus

Logo Wir sind Autismus

Autismus Deutschland e. V. Ein Verein, den ich vor meiner Diagnose noch nicht kannte. Ein Verein, über den ich nach und nach immer mehr las, von dem ich nach und nach immer mehr las. Ein großer Verein, der deutschlandweit mit vielen kleinen Ablegern agiert, stets zu erkennen am Puzzleteil-Logo, das mir noch nie gefiel. Ein Verein, der viele ATZ (Autismus-Therapie-Zentren) betreibt, Therapien anbietet, zunehmend auch ABA anbietet. Ein Verein, der “Selbst”hilfe betreibt – vornehmlich für die Eltern von Autisten. Ein Verein von und für Eltern mit ganz viel Außensicht – und ganz wenig Innensicht, denn …

… die Autisten selbst, deren Meinung, deren Innensicht, sind in diesem Verein gar nicht so gerne gesehen – außer eben als Patienten, als zu therapierende Masse, als diejenigen, für die irgendjemand besser wissen muss, was sie denn brauchen. Als Menschen, über die dringend mal geredet werden muss. Über – aber doch bitte nicht mit!

Ein Verein, der aus meiner Sicht oftmals ein falsches Bild von Autismus, von diesem großen Spektrum, hat und auch nach außen trägt und mich dabei nicht vertritt, nicht vertreten kann.

Ein Verein, der es gar nicht mag, wenn Autisten zu Selbstadvokaten werden. Der Vereine von und für Autisten gar nicht so gerne sieht und daher manchen dieser Vereine schon übernahm, bei anderen seinen Mitgliedern zu Abstand rät.

Irgendwann mal, auf dem Weg von “kenn ich nicht” zu “mag ich nicht” hatte ich mal die Hoffnung des Dialogs – doch der klappt nur, wenn er auf beiden Seiten gewollt ist. Und das sehe ich bei Autismus Deutschland e. V. nicht. Die wollen in ihrer Filterbubble bleiben, in ihrer eigenen Welt mit ihren festgefahrenen Sichtweisen.

Und jetzt, jetzt ist bei mir was geplatzt. Je öfter ich auf Websites dieses Vereins von ABA lese, sehe, dass sie ABA auf ihrer Bundestagung Plattform bieten, desto mehr sehe ich, dass dieser Verein nicht für mich als Autisten gedacht sein kann. Er ist für die Eltern. Die Eltern, die in ihrem autistischen Kind immer noch das verlorene normale Kind suchen und es irgendwie da rausholen wollen.

Nein, Autismus Deutschland e. V. spricht nicht für mich. Kann nicht für mich sprechen, solange sie mir und anderen Autisten nicht zuhören!

Wir sind Autismus! Wir sprechen für uns. Auch weil es halt sonst niemand tut.

Dieser Text entstand im Rahmen einer Aktion von Autisten, die sich durch Autismus Deutschland e. V. nicht vertreten sehen. Ausgangspunkt der Aktion ist hier zu finden. Wer sich beteiligen möchte, darf dies gerne tun und sollte hier einen Kommentar hinterlassen:
http://blog.realitaetsfilter.com/wir-sind-autismus/
Auf Twitter läuft die Aktion unter dem Hashtag #WirsindAutismus.

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Zeiten klammer Kassen

Ein Zusatz zur Verständlichkeit:

Wenn ich im Artikel schreibe “Er (der Verein Autismus Deutschland) ist für die Eltern. Die Eltern, die in ihrem autistischen Kind immer noch das verlorene normale Kind suchen und es irgendwie da rausholen wollen.”, so meine ich damit nicht, dass alle Eltern so wären, sondern meine es eben einschränkend, beziehe mich also nur auf diejenigen Eltern, auf die diese Einschränkung zutrifft.
Bei der ganzen Aktion #WirsindAutismus ist zumindest meine Intention, dass sich möglichst viele Menschen, Autisten, Eltern von Autisten und alle, denen das auch am Herzen liegt, auch Fachleute, die so denken, zusammen finden, zusammen laut werden gegen bestimmte Missstände und für ein Miteinander, zumindest erst mal derjenigen, die eben zusammen etwas an den Missständen verändern möchten.
So möchte ich das verstanden wissen.

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Ein Tag in meinem Leben – Robin Schicha

Eine Straßenbahn-Geschichte

Der Wecker klingelt. Ich schalte ihn aus. Kurz darauf klingelt der zweite Wecker. Und der dritte. Ich bin mittlerweile wach und schalte den letzten Wecker aus. Verärgert denke ich wie jeden Morgen kurz darüber nach, die Wecker an die Wand zu werfen; doch wie immer, bin ich zu vernünftig dafür. Schließlich brauche ich sie wieder! Ich darf ja nicht wieder verschlafen!
Halb wach oder auch halb schlafend – Müdigkeit ist bekanntlich relativ – ziehe ich mich aus und wanke zur Dusche. Das Wasser ist diesmal so kalt, dass ich einige Sprünge unter der Brause hinlege. Nun bin ich aber bestimmt wach! Mit einem Handtuch, das so weich wie Schmirgelpapier ist, trockne ich mich ab und benutze als erstes meinen besten Verbündeten gegen unangenehme Gerüche: mein Deo.
Dann folgt die morgendliche Kleidungskontrolle: Fußball-T-Shirt? Schnell weg damit! Ich will nicht schon wieder rechtfertigen, warum ich kein VFB-Fan bin.
Endlich angezogen durchstöbere ich mit der Zahnbürste meinen Mund nach schädlichen Bakterien. Es ist immer schwer, fast unmöglich, den Geschmack der Zahnpasta wieder aus dem Rachen herauszubekommen.
Danach ist es an der Zeit, die Zähne gleich wieder schmutzig zu machen: Ich gehe in die Küche und bereite mein Mahl vor, das wie jeden Morgen aus Cornflakes mit Milch besteht. Obwohl sich mein Appetit in Grenzen hält, schlucke ich das Frühstück schnell hinunter.
Diesmal wundere ich mich, dass es Leute wie mich gibt, die Cornflakes kaufen, die schrecklich schmecken, nur weil ein Sammelspielzeug in der Packungsbeilage vorhanden ist. Diesen Cornflakes werde ich so schnell nicht mehr Einlass auf meinen Frühstückstisch gewähren.
Die Uhr in der Küche rät mir nun dringend, dass es Zeit ist, das Haus zu verlassen.
Dann liefere ich mir meinen täglichen Kampf gegen den störrischen Reißverschluss meiner Winterjacke, den ich schließlich mit knapper Not gewinne.
Nachdem ich wohlwissend alle Lichter ausgeschaltet habe, hänge ich mir den Haustürschüssel um und überprüfe noch einmal sorgsam, ob ich nicht zufällig ein schlafendes Familienmitglied im Haus einschließe. Aber heute sind die anderen alle schon weg, so dass ich schließlich das Haus verlasse. Ich betrete die kalte Morgenluft vor meiner Tür.
Der Weg zur Straßenbahnhaltestelle erscheint mir jedes Mal, etwas länger zu werden. Da ich spät dran bin, muss ich schnell zur Haltestelle rennen. Gerade als ich um die Ecke biege, springt die Fußgängerampel von grün auf rot. Ich bleibe ruhig dort stehen und warte ab. Da kommt die Straßenbahn angefahren und hält an der Haltestelle. Meine Ampel bleibt rot. Die Autos fahren über die für sie grüne Ampel. Ich warte und warte. Jetzt halten die Autos endlich an. Die Straßenbahn fährt los, und die Fußgängerampel wechselt endlich auf grün.
Früher habe ich in solchen Momenten immer wütend auf dem Boden herumgehüpft und dabei auf meine unschuldige Mütze getrampelt. Doch mittlerweile habe ich mich an dieses “Das darf doch nicht wahr sein”-Gefühl gewöhnt: Ich verpasse halt die Bahn und komme wohl zehn Minuten zu spät zum Unterricht! Das wird wieder Ärger geben!
Nach langem Warten kommt die nächste Straßenbahn angefahren, die mich mitnimmt. Als ich in der überfüllten Bahn einen Stehplatz suche, hilft mir meine eingebaute Gefahrenantenne, streitsüchtigen Rowdies auszuweichen.
Da erspähe ich Oma Holly hinten in der Straßenbahn. Oma Holly ist eine ältere Dame, die an Alzheimer leidet und die Fahrgäste immer mit Kinderliedern unterhält, weshalb sich jedesmal ein “Fan-Club” aus Jugendlichen um sie aufbaut. Das ist traurig, aber so hat sie das Gefühl, viele Freunde zu haben und ist glücklich.
Plötzlich erklingt neben mir ein Geräusch, das nach einem Heavy-Metal-Konzert klingt. Ein neuer Klingelton von einem Handy! Der ist mir aber am frühen Morgen eindeutig zu laut!
An der nächsten Haltestelle sehe ich eine ältere Dame zur Straßenbahn rennen. Sie erreicht sie gerade noch. Als sie eingestiegen ist, fordert sie sofort einen jungen Mann auf, dass er für sie aufstehen solle, da sie so alt und schwach sei. Aber ein älterer Gentleman steht anstelle des uninteressierten Schülers auf, obwohl er selbst schon recht alt aussieht. Die Dame nimmt den freien Platz ein, ohne zu danken.
Gegenüber der Frau sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Mädchen. “Guck mal, Mami, eine Hexe!” ruft das Kind und zeigt mit dem Finger auf die Frau. Die Fahrgäste sind belustigt, die Mutter ist beschämt, die ältere Dame und der Gentleman sind empört: “Die heutige Jugend!” Ich stimme dem Kind in Gedanken voll zu.
Am Bahnhofsplatz steigt Violetto in die Straßenbahn. Violetto ist ein stadtbekannter Obdachloser, der fast immer eine violette Jacke trägt. Eigentlich ist der Knabe ganz nett, doch meiden ihn viele, weil er selten duscht. Dabei ist es doch keine Schande, Läuse zu haben – man sollte sie nur nicht behalten.
Ansonsten verläuft die Fahrt mit der Straßenbahn wie jeden Morgen. Als ich dann endlich irgendwann einen freien Platz ergattere, bin ich bereits fast an meinem Ziel angekommen. Ich versinke noch kurz in die Lektüre der märchenhaften Welt meines Buches. Nach 38 Minuten ist die Straßenbahn an meiner Endhaltestelle angekommen.
Ich steige aus, eile zur Schule und erreiche unbeschadet den Klassenraum. Dort entschuldige ich mich für mein Zuspätkommen beim Lehrer und halte Ausschau nach einem freien Platz. Der Unterricht hat begonnen!

Robin Schicha beschrieb hier einen typischen Morgen seiner Schulzeit. Mehr über ihn könnt ihr auf www.robin-schicha.de erfahren.
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Ein Tag in meinem Leben – Katharina

Heute, 31. August 2014, war ein anstrengender Tag für mich, denn es war Landtagswahl in Sachsen und ich bin, wie seit 2009 bei jeder Wahl, die Wahlhelferin. Ich mag diese Tätigkeit sehr, man tut etwas Sinnvolles, an einem Tag, an dem man sowieso frei hat und bekommt auch noch Geld dafür. Auch wenn es vieles von den Interaktionen beinhaltet, die ich sonst nicht so gut beherrsche: Frühes Aufstehen, mit Fremden Augenkontakt halten, mit ihnen über eigentlich Unwichtiges reden und viel Hautkontakt beim Entgegennehmen der Wahlbenachrichtigungen. Doch dadurch, dass ich in diesem Wahllokal als Vorsteherin so gesehen „das Sagen“ habe, kann ich darüber hinwegsehen, denn alles ist unter meiner Kontrolle. Außerdem bin ich da ja routiniert.
Normalerweise bin ich allerdings Studentin. Ich liebe Geschichte, ich interessiere mich dafür, seit ich 4 Jahre alt war. Deswegen studiere ich es auch und es macht mir auch nach 3 Jahren immer noch großen Spaß.
Nun gibt es allerdings keinen typischen Tag bei mir: Ich habe keine feste Aufstehzeit, ich habe, bis auf das immer gleiche Frühstück, bestehend aus Toast mit Nuss Nugat Creme, keine Routinen. Jedes Semester bringt andere Vorlesungen mit anderen Zeiten. Die einzige Konstante wäre wohl, wenn ich nachmittags oder abends von der Uni nach Hause komme. Dann gehe ich erst einmal an den Rechner und melde mich bei Metrotwit an. Ich mag Twitter sehr gerne, dort habe ich meinen Freund kennen gelernt (er wohnt in Köln, es ist eine Fernbeziehung) und Twitter ist so gesehen mein bevorzugtes Tor zur Welt.
Dann gucke ich zunächst ein paar Youtube Videos, sogenannte „Let’s Plays“ von verschiedenen Youtubern, auf deutsch oder englisch. Dabei sehe ich mir auch regelmäßig bekannte Let’s Plays gern wieder an, das beruhigt mich sehr. Vermutlich, weil ich sonst eben eher wenig Routine habe. Serienjunkie bin ich dann auch noch, von so bekannten wie Game of Thrones und Breaking Bad, aber auch (leider) eher unbekannteren wie The Wire und Bates Motel. Ich hatte dank Proxy bereits einen Netflix Account, bevor es nach Deutschland kam. Währenddessen spiel ich auch etwas, Sims oder Fallout oder sowas. Ich hab einen PC und ein Subnotebook, das ich dann vor mir aufstelle. Multitasking fiel mir schon immer leicht.
Schließlich gehe ich dann ins Bett und lese vielleicht noch etwas. Da ich für das Studium viel lesen muss, kriege ich es an einigen Tagen aber auch nicht hin oder lese dann eben fachbezogenes. Generell gefällt mir mein momentanes Leben sehr gut und ich erlebe persönlich eigentlich gar keine Störungen im Bezug auf meine „Störung“.

Mehr zu lesen von Katharina gibt es auf Twitter:
Semilocon
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Ein Tag in meinem Leben – fotobus

Ich wache um 10:30 Uhr auf.
Mein Rhythmus ist also mal wieder nach hinten verschoben. Ich mag das nicht, aber es passiert mir immer wieder so.
Über Nacht habe ich ein Gerät an der Steckdose geladen, das angeblich ein Auto zum Anspringen bewegen soll, wenn die Batterie leer ist – und meine Batterie ist gerade leer. Der Gedanke an die leere Batterie stresst mich, denn ich brauche mein Auto. Heute zum Einkaufen, aber wichtiger noch übermorgen, um ein paar Urlaubstage zu verbringen.
Zum Glück aber habe ich das gestern Abend schon gemerkt, sonst hätte ich den Overload heute sicher. So konnte ich gestern den Plan für heute noch anpassen und den Stress minimieren.
Aber vermutlich habe ich deshalb so lange geschlafen.

Entgegen aller üblichen Morgenrituale, die üblicherweise daraus bestehen, zunächst am Rechner meine mir wichtigen Websites durchzustöbern und dabei in Ruhe ein Zigarettchen zu rauchen und Cola zu trinken, stopfe ich heute zuerst Wäsche für die Urlaubstage in die Maschine und gehe nach der Morgentoilette nun mit diesem Autoanspringgerät aus dem Haus zu meinem Auto. Denn ohne das Auto weder Zigaretten noch Cola.
Ich schließe das Gerät an, und es tut – nichts! Absolut nichts!
Nun denn. Hinter mir parkt niemand, also lasse ich den Wagen rückwärts auf die Straße rollen, mit der Nase in die minimal abschüssige Richtung driften, und hoffe, ihn anrollen lassen zu können. Dabei fluche ich über meine Nachbarn vor mich hin, die, würden sie mich nicht dauernd schneiden, durchaus hilfreich sein könnten in so einem Fall. Die Überbrückungskabel in meinem Kofferraum helfen halt nur, wenn ein zweiter Mensch mit einem zweiten Auto auch helfen mag.

Das Auto springt an. Das ist gut.
Nun nicht vergessen, zuerst mindestens eine halbe Stunde rumzufahren, um die Batterie zu laden. Und so fahre ich mal wieder eine alte Strecke, die ich früher regelmäßig fuhr, über Land, schaue die Maisfelder an, die an mir vorüberziehen, sinniere dabei darüber, dass ich immer noch nie in einem Maislabyrinth war und ob es wohl eher schön oder Stephen-King-gruselig sein mag, genieße den Wind, der durch die offenen Fenster die drückende Luft aus dem Auto schiebt, und wünschte, wieder deutlich mehr Geld für Sprit zu haben, um wieder öfter die mich so beruhigenden Strecken über Land fahren zu können, um dann spazieren zu gehen. Wie sehr mir das fehlt.

Ich entschließe mich, den entfernten großen Supermarkt zu konsultieren, kaufe dort einiges leckeres Zeugs, Schokomüsli, Himbeeren, etwas Grillfleisch für den Abend – und natürlich die Cola und die Zigaretten.
Am Regal mit der Flackerlampe gehe ich mit Hand vorm Gesicht einfach vorbei. Mir egal, was da drin steht. Wo’s flackert, kaufe ich nur bei absoluter Notwendigkeit.
Die Dame an der Kasse beugt sich wieder so weit sie nur kann über das Laufband, um all die gestohlenen Waren zu entdecken, aber sie entdeckt heute gar nichts, wie immer, diesmal aber nicht mal einen Einkaufswagen, denn ich hatte mich für einen Korb entschieden.
Auf dem Parkplatz habe ich zur Sicherheit auch wieder abschüssig geparkt, doch das Auto springt jetzt anstandslos an und bringt mich wieder heim.

Ab in den Kühlschrank mit den kühlschrankbedürftigen Verbrauchswaren und ab auf den Bürostuhl für mein nun deutlich verspätetes Morgenritual – am Mittag!
Zeitgleich höre ich die Waschmaschine ihr Programm beenden, ignoriere das aber noch eine Stunde.

Endlich mit dem Po auf dem Bürostuhl, endlich meine Websites durchschauen, wieder in einen Rhythmus finden, der mich sicherlich wieder zu spät ins Bett führen wird, weil ja alles schon zweifach nach hinten verschoben stattfindet.
Zwischendrin hänge ich die Wäsche auf – die ich aufgrund sämtlicher Stressfaktoren ganz offensichtlich nicht gründlich genug nach Taschentüchern durchsucht habe. Weiße Fusseln bedecken meine Wäsche, wo sie nur können. Innen und außen.

Danach wieder an den Rechner. Die eingegangenen E-Mails bearbeiten, zwischendrin in ein Online-Spiel schauen, twittern, mit jemandem im Chat konferieren und vorwiegend meinem Tagwerk nachgehen.
Vom Fernseher lasse ich mich dann noch mit The Big Bang Theory berieseln. Eine beruhigend bekannte Folge.

Am Ende der Folge fällt mir ein, dass ich ja noch einen eigenen Text für mein Projekt: ETimL schreiben wollte und fange damit an. (An dieser Stelle dürfen Programmierer in eine Endlosschleife rutschen und immer wieder von vorn anfangen zu lesen.)

Ich und mein Rechner arbeiten also den Nachmittag zusammen, lesen und twittern auch. Und um 18.00 Uhr dann endlich NCIS – FUUUUUUU, kein NCIS! Eine Programmänderung! Wie wenig ich sowas liebe.
Ausweichprogramm bieten mir die Simpsons. Damit kann ich leben.

Soll ich schon Nahrung zubereiten? Oder erst in einem Stündchen? Ich schaue beim Essen gern eine gute Serie, wie Bones. Bones läuft heute um 20.15 Uhr. Bis dahin werde ich wohl noch warten, also um ca. 19:45 Uhr mit dem Kochen beginnen. Heute gibt es einfach nur Grillfleisch aus der Pfanne, mit Knoblauchsauce aus der Flasche. Ich mag nur eine Marke wirklich gern, ertrage aber inzwischen auch andere. Aus meiner Sicht bin ich inzwischen ein vielfältiger Esser, verglichen mit meiner Kindheit. Aus Sicht der restlichen Welt bin ich ein pingeliger Esser sondergleichen. Tatsächlich esse ich halt autistisch, könnte man so sagen. Jedenfalls nah an dem, was Hans Asperger dazu schon schrieb.

Den Rest des Tages verbringe ich nach dem Essen im Selbsthilfechat, auf Twitter und noch einigen Plattformen, zwischen denen ich hin- und herklicke. Meine Abendroutine.
Den morgigen Tag habe ich soweit notwendig auf einem kleinen Zettel geplant. Wichtiges mit Zeitangaben. So lagere ich jeden Abend aus meinem Kopf aus, was mich sonst belasten würde. Dann ab ins Bett, eine gute Serie zum Einschlafen aussuchen, den Sleeptimer einstellen und zu Sudoku und Serie langsam dahinschlummern.
Morgen dann wieder ein Tag mit weniger Zwischenfällen. Hoffentlich.

fotobus, huch, das bin ich ja selbst, bloggt genau hier und twittert dort.
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Ein Tag in meinem Leben – lotoszeronine

ein Arbeitstag

aufwachen vor dem Weckerklingeln, geblendet ins Bad schleichen, am Vorabend bereitgelegte Klamotten anziehen (möglichst ein rotes Teil – nicht erst seit Ausstrahlung des Films: Im Weltraum gibt es keine Gefühle) und Medikamentencocktail einwerfen. Auf der Fahrt ins Büro stellt sich die Wirkung ein, um den Arbeitstag ohne innere Unruhe/ohne Bluthochdruck usw. zu überstehen.

Auto möglichst immer auf demselben Parkplatz abstellen – wenn schon besetzt – erste Durchwirrtheit. Einstempeln, Bürotür öffnen, Kalender aktualisieren, Fenster öffnen, PC einschalten. Sind Kaffeebecher, Wasserglas, Schreibgeräte korrekt angeordnet, wie am Vortag hinterlassen? Ein Arbeitsgerät ganz am Rande des Blickfeldes, möglichst ignoriert und unbenutzt ist das Telefon. Ein Klingeln oder Blinken versaut den ganzen Tag. Mails checken, Aktenstudium, Kaffee bzw. Mineralwasser schlürfen und hoffen ungestört den Feierabend zu erreichen. An wenigen Tagen glückt das – Störungen bis hin zum Overload sind aber die Regel.

Nach Arbeitsende Mammut erlegen, zur Höhle schleppen, brutzeln – zwecks Nahrungsaufnahme um die Körperfunktionen aufrecht zu erhalten. Abends erschöpft hinsetzen und einschlafen oder als Alternative: Gartenarbeit, Rad fahren (ggf. auf dem Heimtrainer), übern Deich kucken, ob noch Wasser da ist – wenn Wasser weg, dann vielleicht (gemäß dem alten Witz) ein paar Kilo Watt mitnehmen… dem Seegeflügel bei Flugmanövern und Nahrungssuche zusehen.

ein arbeitsfreier Tag

beginnt wie oben, anschließend bin ich dann am liebsten mit mir und einer Kamera auf der Pirsch in der Natur. Digitale Heimat:
http://nik09.jimdo.com/
http://500px.com/lotoszeronine
https://www.google.com/+lotoszeronine

Beziehungen zu/mit NTs werden meinerseits auf ein nötiges Minimum beschränkt – weil zu anstrengend, missverständlich …

lotoszeronine hat das schöne Hobby des Fotografierens und zeigt seine Bilder gern im Internet her. Auch auf Twitter ist er zu finden:
@NikLotos
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Ein Tag in meinem Leben – Hawkeye

Nach reiflicher Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass die Uhr es ernst meint und es tatsächlich erst fünf Uhr morgens ist. Erfahrungsgemäß ist das nicht die beste Zeit, um wieder einschlafen zu können. Ich verlasse also das Bett, um aus meinem Schaukelstuhl heraus die Liste der Mails abzuarbeiten, die sich in der letzten Woche im Postfach des Blogs angesammelt hat, und dabei eine Menge Kaffee zu konsumieren. Währenddessen werden vor meinem Fenster die Asche und die Gäste der gestrigen Grillparty zusammengefegt. Die nächsten anderthalb Stunden sind geprägt von Empfehlungen für Diagnostiker und dem Ausräumen von Missverständnissen zu meinen Texten.

Gemeinsam mit meinem MP3-Player und meiner Sonnenbrille bin ich auf dem Weg in die 9-Uhr-Vorlesung. Leute, bei denen ich schwöre, sie noch nie zuvor gesehen zu haben, grüßen mich. Ich grüße zurück. Als mir die ersten bekannten Gesichter begegnen, nehme ich die Kopfhörer heraus und ersetze meinen Standard-Gesichtsausdruck durch so etwas Ähnliches wie ein Lächeln, um mir die Frage zu ersparen, warum ich so mies drauf bin.

Zusammen mit einigen Kommilitonen bin ich auf dem Weg, den überfüllten Seminarraum gegen die überfüllte Mensa einzutauschen. Während irgendein Kommilitone von seinem Partywochenende erzählt, verarbeite ich noch die Aussicht auf eine gerade angekündigte mündliche Prüfung, die aber “nur ganz kurz und ganz entspannt sein wird”. Nachdem ich noch eine halbe Stunde unter einer brummenden Lampe in der Mensa verbrachte, komme ich zu dem Entschluss, vor der nächsten Vorlesung besser noch eine Weile den Kopf auf einer Tischplatte abzulegen. Dazu Beethoven und es bestehen realistische Chancen, dass ich nach der nächsten Vorlesung mehr als meinen eigenen Namen weiß. Die Frage, wie egal es mir sein sollte, wie das auf meine Kommilitonen wirkt, habe ich bis heute nicht abschließend für mich geklärt.

Nach zwei weiteren Stunden Vorlesungsnachbereitung und dem Nachlesen meiner Twittertimeline, lasse ich den Abend gegen Mitternacht mit ein paar Folgen M*A*S*H ausklingen. Dass ich die Folgen mitsprechen kann, spricht eher für als gegen die Serie. Während die Vorspannmusik in meinem Zimmer anklingt, wird der Grill vor meinem Fenster wieder aufgebaut.

Hawkeye ist Blogger und Podcaster, der seit einigen Jahren (meistens) rund um Autismus bloggt und podcastet. Was sonst noch in seinem Leben stattfindet, kann man auch auf Twitter lesen.
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